Mannheim
Compact Memory

Zion · 1935-08-01 · 7-8 (8.1935) · p. Seite 47

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
7 (1935)
Issue
7-8 (8.1935)
Date
1935-08-01
Page
Seite 47 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3133276-3139374-3139377--1048-3140567
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 7-8 Z I O N Seile 47 auf einem Blatt ermöglicht. Den Talmud „lernen" heißt, mit einem einzigen Schritt in eine Welt eintreten, die nicht nur zeitlich über ungeheure Räume sich erstreckt, sondern auch der Vielfalt ihrer Themen und dem Grade ihrer denkerischen Intensität nach außerordentliche Tiefen erschließt. Es ist das Eigenartige, Reizvolle und Fruchtbare dieses Lernens, daß es im Längsschnitt und Querschnitt wirklich die Totalität der jüdischen Lehre offenbart. Im Längsschnitt: Auf einem Blatt des Talmuds ist die Gesamtstruktur der jüdischen Tradition sichtbar. Indem immer wieder das biblische Urwort als letztgültiger Beleg zitiert wird, und von hier aus der Weg über Mischna, Baraita und Tosefta in den eigentlichen Talmud führt, ist das unverrückbare Fundament der Lehre zur Darstellung gebracht. Indem sich die großen, zugleich tradierenden und schöpferischen Kommentarwerke am Rande ausbreiten, erhellt sich in fortschreitender Klärung der gewaltige Komplex von Fragen und Antworten. Bedenkt man noch, daß die Anhänge zu den einzelnen Traktaten eine Fülle von neuen wesentlichen Erklärern hinzubringen, so begreift man, daß derjenige, der hier zu Hause ist, eigentlich keine Einleitungswissenschaft nötig hat, da die Konkreta ihn besser als jede abstrahierende Zusammenfassung in die wirkliche Welt der jüdischen Geistesgeschichte einführen. Im Querschnitt: Wer den Talmud lernt, findet nicht ein gesiebtes, sondern ein totales Judentum. Nichts Jüdisches bleibt ihm fremd. Hier verliert das Religiöse allen Katechismuscharakter. Hier ist der schärfste Gegensatz zu der einseitigen Behandlung des Judentums etwa von der modernen Kanzel aus. Die Kanzel des Predigers, der sich einer von den Quellen des Judentums oft weit entfernten Gemeinde gegenübergestellt sieht, kann nur ein für die Bedürfnisse und geistigen Möglichkeiten der Zuhörer zurechtgestutztes Judentum bieten, keinesfalls aber jenes vielschichtige, bewegte, so ganz unpathetische Judentum, wie es der Talmud dem Lernenden zeigt. Dem Talmudlernenden wird also bei jedem seiner Schritte in diese Welt hinein das Judentum als eine Ganzheit geboten. Schärfer könnte der überhistorische Charakter der jüdischen Geistesgeschichte nicht demonstriert werden als in diesem Darreichen aller zeitlichen Phasen und aller qualitativen Schichten auf einem Blatt und auf einer Ebene. Der imponierende Anachronismus, der sich in dieser Behandlung der verschiedensten Zeugnisse aus den verschiedensten Zeiten darstellt, ist Ausdruck für das Erleben des Judentums als eines durch alle Epochen durchgehenden Ganzen, als eines Stoffes, der wohl als geschichtlich gegliedert, aber nicht als literargeschichtlich unterschiedlich aufgefaßt wird. Hier wird der Typus des „talmid chacham"in seiner Eigenart deutlich. Er ist der Mensch, der in dieser Welt als in einer Ganzheit lebt. Wenn etwa ein Toragelehrter aus einem Schriftvers Gedanken um Gedanken aufleuchten läßt, wie sie sich in der Kette der Ueberlieferungen an dieses eine Wort knüpfen, so zeugt das von einer Haltung, die diese ganze Geistesgeschichte als eins mit diesem Grundtext auffaßt und keinen Bruch zwischen dem Urwort und seinen Deutungen sieht. „Lehre" ist nicht etwa Tora im engeren Sinne des Wortes, sondern Tora ist in dieser Sicht eben „Kol ha'tora kulla", die ganze Lehre. Der ganze ungeheure Stoff ist darunter verstanden, der sich um das biblische Wort rankt und in den gewohnten Kommentarausgaben auch äußerlich sichtbar mit ihm verwachsen ist. Es ist daher keine Spielerei, wenn auch der Nicht-Toragelehrte, der „am ha'arez", den Willen hat, sich diese längs- und querschnittliche Struktur der jüdischen Geisteswelt zu eigen zu machen. So bietet bekanntlich die Sammlung Chok l'jisrael des R. Ch. Josef David Asulai in einer bestimmten Anordnung dem einfachen Juden für jeden Tag des Jahres einen solchen ganzheitlichen Stoff: ein Stück Tora, ein Stück Newiim, Mischna, Halacha und Kabbala, den er jeden Tag lernen soll. Es fehlt nicht an der kabbalistischen Begründung. Täglich soll der Jude durch den gesamten Kosmos der in diesen literarischen Sphären symbolisierten Schichtung der Welten hindurchgreifen. Es ist aber im Grunde eine viel schlichtere jüdische Tendenz, die sich hier ausspricht. Auch der am ha'arez hat das Bedürfnis, die ganze vielgestaltige jüdische Geisteswelt nach allen ihren Krstreckungen als seinen einen ungeteilten Lebensraum zu erfassen. II. Daß wir den Talmud vernachlässigt haben, ist der Ausdruck einer Abkehr von dieser Haltung. Der Liberalismus hat den unkommentierten Bibeltext bevorzugt. Er ist gewissermaßen zu einer Art Karäertum zurückgekehrt und hat sich damit ein von christlicher Seite propagiertes Geschichtsbild zu eigen gemacht: das von der Unvereinbarkeit des „pharisäischen" Judentums mit dem „prophetischen". Es war ferner eine Tendenz der Rückkehr zum einfachen Schrifttext, ein Sichfreimachenwollen von allen Autoritäten, die diesen Schrifttext angeblich dem Menschen der Gegenwart mehr entrückt als nahegebracht hätten,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.