Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 7 (1935)
- Issue
- 4-6 (4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- Seite 24 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 24 ZION Nr. 4*6 Merkas Ruchani Dr. Harry Levy Das Gesicht des deutschen Judentums gleicht heute einem Acker, den Geschosse zerfurcht und zerpfiügt haben. Der Boden ist gelockert und bereit, Samenkörner aufzunehmen, die der sorglose Wind oder der sorgende Sämann ihm zuführt. — Die Ideenwelt des aufgeklärten deutschen „Glaubensgenossen" hat einen schweren Stoß erhalten, der „gute Europäer" hat, sein Vaterland verloren, Kulturverwurzelung: ist zwar im Grunde unverlierbar, kein Gesetz und kein Staatsakt kann sie entziehen oder zerstören, aber er kann Illusionen zerreißen, kann blitzlichtartig Wirklichkeiten erhellen, die Erkenntnis vermitteln, daß diese Verwurzelung nur eine Verpflanzung, ein Trugschluß, ein Lebensirrtum war. (So kann ein traumatischer Chock keinen Herzfehler verursachen, aber er kann einen vorhandenen Herzfehler recht unsanft zum Bewußtsein bringen.) So geht ■ es vielen deutschen Juden, denen wirtschaftlich und weltanschaulich zugleich der Boden unter den Füßen entfloh, die heute darum empfänglicher und verständnisvoller sind für Ideen und Welten, denen man sich früher überlegen verschloß, die heute auch zu geistiger Umschichtung und Umwertung Bereitschaft zeigen. Der Boden ist locker und reif, und der Wind trägt manch gutes Saalkorn in sorglosem Zufall an günstigen Ort. Aber die Sorge des Sämanns fehlt. Manch einer hat ein gutes Stück Weg zu uns gefunden, aber wir haben unsere Segel nicht gehißt, um den günstigen Wind zu fangen, die Bekenner der Thora blieben zu lange im sicheren Hafen, im nm pp> haben kostbare Zeit verstreichen lassen. Dem Misrachi fiel hier eine besondere Aufgabe zu. Er hat seine Verbundenheit mit dem Klall Jisrael, mit der Gesamtheit des jüdischen Volkes zur Grundlage seiner Ideologie erhoben, er hat die Bedeutung der geistigen Verantwortung für die Gemeinschaft immer betont. Er ist seiner Struktur nach kulturaufgeschlossener und kullurbejahender als die Austrittsorthodoxie. Um so mehr ergeht heute an ihn die Frage: Was ist geschehen, um die starke Gelöstheit der deutschen Juden für die Ideen der Thora fruchtbar zu machen? Was ist verloren? Was kann noch geschehen und wie hat es zu geschehen? Das soll das Thema der folgenden Ausführungen sein. I. Um es gleich vorweg zu sagen: es ist wenig geschehen, und es wäre ebenso billig und falsch, nur die mangelnde Aktivität unserer führenden Männer dafür verantwortlich zu machen. Zunächst unterschätzt man die Schwierigkeit. Das Judentum der Thora stellt eine solche Fülle von Forderungen an seine Bekenner, verlangt von dem Menschen Europas eine so völlige Aenderung seiner Lebensform und Lebenshaltung, eine so starke Begrenzung der individuellen Freiheit, daß nur ein Bis-ins-Letzte- Erfaßtsein von der Idee zur „Gefolgschaft" führen kann. Man unterschätze auch im Geistigen nicht die Kraft des Trägheitsgesetzes und die besondere Disposition der deutschen Juden zu Kompromißlösungen und Halbheiten. Es ist relativ leicht, Massen für eine politische Idee zu gewinnen, die ihrer Seelenstimmung entgegenkommt und ihnen Zukunft verspricht. Es bedarf eines viel stärkeren Maßes von Erschütterung und Aufwühlung, um den religiösen Kern im Wesen des Menschen zu treffen und zu aktivieren, um eine Umwandlung der Lebensform hic et nunc von ihm zu fordern. Wir geben uns keinen Illusionen hin, als ob es möglich wäre, in kurzer Frist Massen des assimilierten deutschen Judentums für unsere Idee zu gewinnen. Unser Weg muß hier ein Umweg, sein. Es gilt, auf die Wenigen zu wirken, die über ein besonderes Maß von Charakterfestigkeit, von seelischer Entschlossenheit und religiöser Empfänglichkeit verfügen, und es geht darum, auch an die Kreise, von denen wir nicht von heule zu morgen „Gefolgschaft" erwarten, unsere Ideen heranzutragen, ihnen Verständnis zu vermitteln, eine neue Ideenwelt langsam in ihnen aufdämmern zu lassen. Schwer, mühsam und verantwortungsvoll ist dieser Weg, aber er muß beschritten werden, und wenn unter Hunderlen nur einer den Weg zu uns findet, war es keine Kraftverschwendung und keine verlorene Zeit; jeder Erfolg wird beglücken und uns selbst seelisch bereichern. II. Ich möchte daher grundlegend zwei Wege und Formen der Propaganda auseinanderhalten: 1. die differenzierte und ganz persönliche Einflußnahme, ich möchte beinahe sagen, das seelische und geistige Ringen mit denjenigen, die dem Judentum der Thora schon Bereitschaft entgegenbringen. Es zeigt sich in der Praxis, daß es hierfür oftmals darauf ankommt, Widerstände und Hemmungen zu beseitigen, die in der