Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 7 (1935)
- Issue
- 4-6 (4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- Seite 20 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 20 Z I O N Nr. 4*6 vielen gesehen. Man zieht die Entwicklung des Territorialismus als historische Parallele heran. Das ist jedoch nicht nur vom Geschichtlichen her fragwürdig, sondern auch politisch bedenklich. Man müßte, um dies nachzuweisen, eindringlicher auf die Geschichte der territorialistischen Bestrebungen eingehen. Aber auch eine allgemeinere Betrachtung macht es schon einleuchtend, daß es sich beim Territorialismus gar nicht um eine echte Bewegung handelt. Eine Reihe von Führern, Nationalisten und Nichtnationalisten, wollten angesichts der Schwierigkeiten, Palästina als Territorium zu erhalten, „realistisch" vorgehen. Die wichtigste Realität, den Palästinagedanken in der jüdischen Masse, übersehend, gehen sie aus der Bewegung zur eigenen Aktion. Ohne eine zielstrebige Masse hinter sich, ohne eigene geistige Position müssen ihre Bestrebungen ins Leere laufen. Dagegen kann der Revisionismus nur als echte Bewegung diagnostiziert werden. Vergröbert gesehen, handelt es sich um eine Bewegung rein nationalistischen Charakters. Daß die Geistesverfassung der gesamten Gegenwart der Entwicklung einer derartigen Strömung günstig ist, braucht nicht erst nachgewiesen zu werden. Auf lange Sicht hin muß der Revisionismus eine Bewegung von allgemeiner Zugkraft bleiben, nicht zuletzt verstärkt durch die — mit Recht oder Unrecht — erfolgende Berufung auf die größte zionistische Autorität: Herzl. Und das Entscheidende: Wenn territorialistische Bestrebungen nur auf Kongressen, also in Beschlüssen, deutlich und sichtbar wurden, so bringt es das späte Stadium des Gesamtzionismus, in dem wir heute stehen, mit sich, daß der Revisionismus beachtliche Gruppen in den autonomen Instanzen unseres Siedlungswerkes bildet, so daß sich die Spaltung bis in die kleinsten Einheiten unseres neugeschaffenen Lebens hin auswirkt. Schwerlich also kann man in der Entwicklung der Dinge ein Iniaktbleiben der Gesamtheit durch Ausmerzung eines störenden Teils sehen. Vielmehr ist hier ein Bruch erfolgt von wahrhaft schismatischer Natur mit unabsehbaren Folgen. Wichtiger, als unseren Schmerz über diese Entwicklung zum Ausdruck zu bringen, ist die Einsicht in die Notwendigkeit des' Geschehens. Sie ist sowohl vom organisationswie auch vom geistesgeschichtlichen Aspekt aus zu begreifen. Die Organisation unserer Bewegung ist demokratisch gedacht und organisiert. Ueber allen Parteien steht die Disziplin der Gesamtheit. Die Macht, die von der Organisation ausgeht, ist unparteiisch. Diese Konstruktion setzt eine demokratische Grundlage aller Richtungen voraus, das bedeutet Respektierung der Mehrheit, die sich für die Ganzheit setzt. Dieses System ist schon .lange unterminiert worden, ein Prozeß, der sein Analogon bei anderen Völkern hat. Parteien, die auf dem Totalitätsstandpunkt stehen, zerreißen jedes demokratische Gefüge. Der Revisionismus ist typisch fatalistisch eingestellt. Man ist — ob Mehrheit oder nicht — gewillt, die ganze Bewegung zu beherrschen und sieht seine Politik als die überhaupt einzig mögliche und einzig zionistische an, man schafft sich auf allen Gebieten des Lebens einen Apparat, eigene Truppen, Jugend-, Sport- und Wirtschaftsorganisation und Gewerkschaften, die künftig zu erreichende Totalität so bereits vorwegnehmend, statt sich mit einem Parteiapparat zum Sieg des Gedankens zu begnügen. Es wäre falsch, diese Entwicklung auf die revisionistische Seite beschränkt zu sehen, auch bei den zionistischen Arbeiterparteien vollzog sie sich und führte nur deshalb nicht zu einem Riß in der Bewegung, weil die Rolle des „glücklichen Besitzers" einen derartigen Schritt entbehrlich machte. Aber kennzeichnend erscheint, wie auch jeder Angehörige der Arbeiterbewegung zugeben muß, daß eine Herrschaft irgendeiner anderen Gruppe in der Zionistischen Organisation für die Arbeiterpartei ein undenkbarer Zustand ist. Wenn die Einsicht von der Notwendigkeit der gemeinsamen Disziplin — bei uns weit notwendiger als bei staatlich organisierten Völkern — und die Scheu, die große Schöpfung Herzls zu zerstören, bisher den Zusammenhalt gewährleisteten, so mußte dies auf die Dauer eine zu schmale Basis bilden. Damit soll in großen Zügen darauf hingewiesen sein, daß auch bereits unser ^werdender Staat" der zeitgeschichtlichen Entwicklung unterworfen ist, die demokratiefeindlich und dem Aufkommen autoritärer Systeme günstig ist. Daß die Zerreißung unserer Organisation auch geistesgeschichtlich bedingt ist, erklärt sich ausder Verschiedenartigkeit der Gründe, durch die zionistisches Wollen fundiert wird. Die Bewegung wird aus Quellen ganz heterogener Art gespeist. In der ersten Zeit der Geschichte unserer Bewegung, da die wesentliche Arbeit darin bestand, das Territorium anzustreben, brauchte diese Erscheinung nicht die gemeinsame Arbeit zu hemmen. Aber sobald man Tagespolitik treiben mußte, zeigte sich sogleich der Spalt. Die gemeinsame Zionssehnsucht war höchstens eine unterirdische Trieb-