Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 7 (1935)
- Issue
- 1-3 (1.1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 ZION Nr. 1-3 die Existenz der Gemeinschaft selbst einen Sinn besitzt. Daraus ergibt sich, _ daß die Nation nur Mittel ist; sie erhält ihren Wert von einem Ziel her, ihr Wert ist bedingt, das Ziel un-bedingt. Die Nation als Form bedarf des jüdischen Inhaltes mit der Abgrenzung gegen den un-bedingten Nationalismus. Mit dieser Verbindung des Volksbegriffes mit einer Forderung, die an den Einzelnen wie an die Gemeinschaft gestellt wird, ist die Position Martin Bubers erreicht, der den Kultur- und Menschlichkeitsgehalt des Judentums und des Zionismus herausgestellt und den Wahrheitsgehalt mii der Forderung nach Bewährung verknüpft hat. Auch für ihn erfordert Judesein jüdisch sein. Neben die biologische Grundlage tritt die ethische Zielsetzung. Im historischen Judentum gibt es aber nicht nur die Lehr e, sondern auch das Leben. Weltanschauung und Lebensform ergänzen einander. Es fehlt uns in den Anschauungen Bubers die konkrete Verwirklichung jüdischen Lebens. Die liberale Theologie Bubers bevorzugt einige ausgewählte Epochen jüdischen Denkens und Seins, während unser Begriff des Judentums aus der Fülle all dessen, was das Volk in seiner Geschichte geschaffen hat, schöpft. Dem modernen Karäismussteht ein aus der Totalität der Quellen abgeleitetes Judentum gegenüber. Das Gesetz, einzige jüdische Lebensform, gilt uns als legitime Erfüllung prophetischen Auftrages. Nun kann beim modernen Menschen ein innerer Zwiespalt zwischen areligiöser Ueberzeugung und der Einsicht in die Notwendigkeit des Gesetzes — z. B. für die Erhaltung der Volkseinheit — auftreten. Aus diesem Gedankengang stammt die orthopraxe Haltung. Man „hält", ohne seine Ueberzeugung zu verraten. Orthopraxie kann aber nur ein Stadium der Entwicklung sein. Das Beispiel des ersten Orthopraxen, Mendelssohn, der den gesetzlichen Charakter und die Volkhaftigkeit der Halacha hervorhob, um seine Gesinnungsfreiheit zu wahren, damit aber den Abfall vom Judentum förderte, zeigt, daß man vielleicht orthoprax sein, nicht aber orthoprax erziehen kann, weil Erziehung Ungebrochenheit meint. Mit der Erkenntnis, daß eine nicht der Halacha unterworfene Geistigkeit und andererseits Orthopraxie als bloßes Halten von Formen ohne Erfülltsein mit deren Geist nicht genügen, sind wir bei der Haltung Ernst Simons, dessen Einstellung entscheidend vom biographisch-persönlichen her bestimmt ist. Simon sieht als ein entscheidendes Merkmal unserer Zeit den Zerfall zwischen den Urtrieben und dem Geist und erkennt die Halachah an, nicht zuletzt, weil sie es unternimmt, die menschliche Natur zu bändigen. Er bezeichnet die Halachah als wünschenswert, weil sie die Erziehung d u r c h das Gesetz ermöglicht. Was aber gerade heute fehlt, ist ja die Erziehung zum Gesetz, ein Problem, dessen objektiven Schwierigkeiten »die subjektive Haltung Simons nicht überwinden kann. Simon muß vom Standpunkt der Orthodoxie aus als liberal bezeichnet werden, und es erhebt sich die Frage, wieso das, was der „Liberale" aus der Halachah „wählt", als „Gesetz" mit dem Charakter der vollen Gesetzlichkeit angesprochen werden kann. Liegt nicht eine Inkonsequenz in diesem Liberalismus, der, vielleicht gegen die eigene Ueberzeugung, Formen annimmt, die aus einer Entwicklung stammen, welche im Grunde nicht gebilligt wird? Simon spricht aus der Bewegtheit des sich noch Entwickelnden, seine Worte dürfen in unserer Statik des Hörers nicht als absolut aufgefaßt werden. Die Erkenntnis der politischen Judenfrage macht uns zu Zionisten,. die Verbundenheit mit den jüdischen Quellen bewahrt vor Chauvinismus. Der Weg zum jüdischen Volkstum liegt auf der legitimen Entwicklungslinie des Judentums. Warum war die unabhängige Orthodoxie dann gegen den Zionismus? gegen uns? — Wir danken dem Zionismus, daß er uns aus der Gefahr eines Judentums als bloßer Konfession herausgeführt hat, den Blick für die nationalen Momente des Judentums öffnete, Anschluß an den Zeitgeist brachte und die Möglichkeit eines verwirklichten Lebensideales wies. Es ist politisch falsch und menschlich unrecht, die Leistungen der Zionistischen Organisation und des Misrachi zu bagatellisieren;.. ohne Zionistische Organisation gäbe es heute keine Balfour-Deklaration, keine Zufluchtsstätte*). Auf natürlichem Wege Erklärbares darf nicht metaphysisch vernebelt werden. Die Judenheit als' Träger der jüdischen Religion hat eine Naturbasis. Um den Geist zu retten, muß dem Körper geholfen werden. Auch eine „Sollensnation" muß zunächst ihr Sein sichern. Gewiß sind Judentum und Zionismus wichtiger, als die zionistische Organisation, die erst in zweiter Linie steht, aber im heroischen Lebenskampf des jü- *) Wenn die Balfour-Deklaration ein Werk der Vorsehung ist, so war es eben der Misrachi, und nicht die* Trennungsorthodoxie, der dem. Willen der Vorsehung entgegenkam,