Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 6 (1934)
- Issue
- 9-12 (10.1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 86 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 86 ZI 0 N Nr. 9/12 häufig die Möglichkeit zu einer ehrlichen Auseinandersetzung geraubt. Da zur Abstellung dieses Mangels der gerade "Weg der Fundierung unserer Menschen in den meisten Fällen nicht durchzuführen sein wird, müssen wir von anderer Seite her der Verkrampfung entgegenarbeiten. Auch hier ist " wieder für Anfänger in unserem Kreise nur vereinzelt Literatur zu finden, und ich weise deshalb ganz allgemein auf Plato hin, dessen „Staat" etwas zu umfangreich sein dürfte, dessen „Phädon" und „Gastmahl" und seine anderen kleinen Werke sowohl durch Kürze, wie durch Inhalt und Stil anregend und lockernd auf unsere Menschen wirken werden. An einzelnen Aufsätzen seien genannt: Felix Münk: „Rechtlichkeit" in einem der Esra-Hefte vor etwa drei Jahren; E. Carlebach: „Mussarbewegung" im Jahrbuch für jüdische Geschichte 1932; Wohlgemuth: „Weg der Frommen". Auch indirekt kann man zu dem aufgelockerten unvoreingenommenen Menschentyp hin erziehen, indem man auf Artikel bestimmter Menschen hinweist, die diesen Typ schon in ihrem Stil zum Ausdruck bringen. Dies hat den Vorteil, daß man durch den Inhalt dieser Artikel geistig-wissensmäßig vorwärts kommt und zugleich auf die Art des Denkens dieser Menschen hingewiesen wird. Wesentlich ist hier Ernst Simon in seinem Jeschurun-Aufsatz über Zionismus (aber auch in vielen anderen seiner Aufsätze zu empfehlen) und Wolfsberg, speziell in seinem Aufsatz „Geschichtsunterricht" in der Jüdischen Rundschau vom 24. 4. 1934. Auch Burkhardt „Größe, Glück und Unglück in <ler Weltgeschichte" in einem kleinen Buch des Inselverlages wird uns eine Grundlage zu geschichtlichem Denken vermitteln, selbst dort, wo wir ihm nicht folgen können. Da wir feststellen müssen, daß bei einem großen Teil der neu zu uns gekommenen Menschen der einfache Inhalt des T'nach noch unbekannt ist und die Lektüre desselben in der Ursprache mit Lexikon und häufig sogar noch mit danebenliegender Uebersetzung bei der Müdigkeit nach zwölfstündiger ungewohnter körperlicher Arbeit immer wieder zum Fiasko führt, komme ich zu dem Vorschlag der rein deutschen Lektüre des T'nach mit der Buber-Rosenzweig-Uebersetzung und dort, wo diese zu schwer ist, mit der von Bernstein oder Luther. Unter diese Forderung können und dürfen wir nicht hinuntergehen; denn eine Kenntnis des Inhaltes von T'nach müssen wir unbedingt von jedem unserer Mitglieder fordern, Mit diesem Vorschlag will ich keineswegs das Ziel irgendwie niedriger festlegen, sondern ich fühle mich verpflichtet, den Weg dazu so zu zeigen, daß ihn jeder von uns auch ohne Führer beschreiten kann. Für Mittlere und Fortgeschrittene ist die Selbstarbeit schon viel leichter möglich. Aber ich "weise darauf hin, daß mir unsere sämtlichen Erfolge fraglich erscheinen, wenn sie nicht schließlich in ein Iwrit sprechendes Milieu hineingestellt werden können. Wir bekommen keine direkte Beziehung zu T'nach, zur nachtalmudichen und zur neuesten hebräischen Literatur, wenn nicht Iwrit unsere Sprache wird. Es wird zu erwägen sein, ob nicht Fortgeschrittene, um ein lebendiges hebräisches Sprachgefühl zu erhalten, das im T'nach verwurzelt ist, die modernen Autoren etwas — nicht ganz —in den Hintergrund treten lassen sollten, um T'nach b'iwrit einfach ein- bis zweimal hintereinander durchzulesen, wobei man nur in gemeinschaftlicher Arbeit die fremden Wörter b'iwrit zu erklären hätte, während in Alleinarbeit darauf zu achten ist, daß man den Sinn kennt, ohne darüber hinaus pedantisch jedes Fremdwort im Lexikon aufzuschlagen. Zur unbedingt notwendigen Selbstarbeit in Iwrit weise ich auf lautes Lesen und Lernen hin, weil es für das Gedächtnis wie für die Bildung eines Sprachgefühls unerläßlich ist. Ferner ist die Bedeutung der Schirim (hebräischen Lieder) zur Spracherlernung bisher stets unterschätzt worden. Durch das dauernde Singen prägen sich die fremden Vokabeln viel besser ein als durch energieraubendes stumpfsinniges „Einpauken". Man erhält durch sie gleichzeitig eine Vorstellung von jüdischer Lyrik, ganz abgesehen davon, daß die Kenntnis von Liedern in unseren Chewrot für die Gestaltung von Feiern und anderen gemeinschaftsbildenden Faktoren einen ganz entscheidenden Wert darstellt. Ferner muß bei der führerlosen Arbeit das zusammenhängende Lernen wieder eingeführt werden. Das Herausreißen einzelner Sätze und Kapitel, z. B. aus T'nach, hat nur dann einen Sinn, wenn ein Leiter da ist, der einen bestimmten Zusammenhang sucht und die dazu notwendigen Stellen zwecks Zeitersparnis aus ihrer ursprünglichen Umgebung herausreißt. Dort geschieht es um des zusammenhängenden Gedankens willen und nicht zur Vermittlung eines Einblickes in das betreffende Buch, ob es nun Jeschaja ist oder ein Buch der deutschen Literatur. Aber für unfertige Menschen ist diese Methode immer gefährlich, weil nur zu schnell aus ihr ein oberflächliches Wissen, ein Falschverstehen der Sätze und damit des Autors entsteht und eine so fundierte Urteilsbildung wird stets als Anmaßung bezeichnet werden müssen. Wir wissen, daß Kohelet nur deshalb ins T'nach aufgenommen wurde, weil die Chachamim annahmen, daß wir Sätze aus ihrem Zusammenhang nicht herausreißen werden. „Lo