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Zion · 1934-10-01 · 9-12 (10.1934) · p. Seite 83

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
6 (1934)
Issue
9-12 (10.1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 83 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 9/12. Z I 0 N Seite 83 greifen deshalb zwei Gruppen besonders heraus, um an ihnen wenigstens ungefähr zu zeigen, wie wir in einer entscheidenden Trage am leichtesten zum Ziel zu kommen gedenken. Rambam in seiner Einleitung zu S'raim betrauptet, daß die Aufgabe der Menschheit einzig und allein darin bestände, dem „Uebermenschen" — wie man ihn heute wohl nennen würde — die Schwierigkeiten für seine Entwicklung zu beseitigen. Nach Rambam wohnt Gott im Innersten eines Palastes, dessen verschiedene Vorräume jeweils bewacht werden, und in die man um so weiter eindringen kann, je mehr man vom Standpunkt der Tora die notwendigen Voraussetzungen erfüllt, bis eben dann der „Uebermensch" am weitesten in das Innere des Palastes hereinkommen kann. Entgegen dieser Auffassung finden wir iH Baal- Schem-Tow's Chassidismus, daß die Schchina uns an jedem Ort zu jeder Zeit begegnet und jeder von uns entsprechend seinem Können ihre Forderung an uns zu erfüllen hat. Wenn wir diese beiden Ansichten gegenüberstellen, so geschieht dies nur deshalb, um zu zeigen, in welcher Weise wir glauben, die an uns gestellten Forderungen in immer wachsenderem Maße erfüllen zu können. Wir richten unsere Forderungen an Jeden und zu jeder Zeit und wehren uns dagegen, daß fehlende Voraussetzungen irgendweicher Art — sofern sie nicht durch eigenes Verschulden entstanden sind — die Möglichkeit zur Erfüllung derselben verringern sollten. Dies ist der tiefere Sinn unseres Strebens nach einem in seinen Rechten für Alle gleichen Leben. In diesem Sinne könnten wir uns Chassidisten nennen. Ferner fordert Chaluziut von uns einen Weg, der den Kampf und die letzte Einsetzung der gesamten Persönlichkeit nicht scheut, d. h. nicht allein auf körperlichem Gebiete, sondern auch in geistiger Hinsicht müssen wir eine kämpferisch-selbständige Haltung fordern. Deshalb steht uns methodisch in unserem Weg bisweilen Breuer in seinem „Judenproblem" näher als andere verwaschene Kritiker der heutigen jüdischen Gesellschaft. Das darf nun nicht verwechselt werden mit einer kämpferischen Haltung um des dialektischen oder propagandistischen Erfolges willen, wie wir es heute häufig finden; denn wir müssen feststellen, daß etwa in der Titulierung eines bestimmten jüdischen Kreises mit „Philistertum" wir keine tiefere Kenntnis von diesem Kreise erhalten. Wir müssen vielmehr von den Menschen, die uns auf irgendeinem Gebiete Führer sein wollen, verlangen können, daß ihre vorwärtstreibende Führung sich unter Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit nicht um der Wirkung willen vollzieht, sondern, um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen, und dies heißt Verzicht auf jegliches Mittel, das diesem Ziele widerspricht. In den Fragen der Erziehung zur verwirklichungsfähigen Tora stehen wir vor der Frage, die auf geistigem Gebiete das toratreue Judentum Deutschlands in zwei Hälften teilt, ob wir eine Entwicklung der Welt zur <Tora für möglich halten oder ob wir uns mit der bedauerlichen Tatsache werden abfinden müssen, daß die vorhandene Wirklichkeit uns in wesentlichen Fragen eine Erfüllung der Mizwot unmöglich macht. Auf die Gefahr hin, nicht verstanden und deswegen als Utopist verschrien zu werden, muß ich betonen, daß ich nur dann an die Möglichkeit einer Neuschöpfung durch unsere Menschen glaube, wenn wir wenigstens theoretisch-weltanschaulich für eine Rückwärts-Aufwärtsentwicklung zur Tora unsere Kräfte einsetzen. Ich will an einem Beispiel zeigen, worauf es mir ankommt. In den Fragen der Z'niut stehen wir teilweise heute vor ungeheuerlichen Schwierigkeiten, und es ist hier die Frage, ob dadurch, daß einzelne Mizwot auf diesem Gebiete infolge unserer Entwicklung inhaltslos geworden sind, wir das Recht haben, uns über sie hinwegzusetzen. Wie so oft, wird uns auch hier ein Blick auf die Entstehung einzelner Dinim eine Antwort erleichtern. Es ist eine bekannte Tatsache, daß das deutsche orthodoxe Judentum sich über die Pflicht der Bedeckung des Haares einer verheirateten Frau in seiner Mehrheit hinweggesetzt hat. Der Grund ist einfach darin zu suchen, daß der Anblick desselben bei uns nicht mehr diejenige Reaktion auslöst, die durch die Bedeckung vermieden werden sollte. Und trotzdem: Noch heute achtet die Südländerin mehr auf ihr Haar als wir (soweit wir beispielsweise über die arabischen Frauen orientiert sind). Auch aus der letzten Sidra können wir feststellen, daß Riwka auf den ersten Anblick Jizchaks durch Bedeckung ihres Haares reagierte; und dies zu einer Zeit, als von einem ausdrücklichen Gebot in dieser Richtung noch nicht die Rede sein konnte. Es entstand also dieser Din als Folge eines allgemein üblichen Volksbrauchs, dessen Uebertretung als Prizut (Schamlosigkeit) gewertet wurde. Es mußten sich demnach mehrere Generationen über diesen Volksbrauch hinwegsetzen, ohne sich durch die entstandene Senkung des sittlichen Niveaus von ihrem Wege abbringen zu lassen. Es hieße hier eine derartige Methode gutheißen, wenn wir uns in diesem Falle der vorhandenen Tradition anschließen wollten. Es scheint mir, daß die Fortsetzung der mündlichen Ueberlieferung, die für jede Generation, auch in heutiger Zeit, unumgängliche Pflicht ist, für uns nur

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