Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 6 (1934)
- Issue
- 9-12 (10.1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 78 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 78 Z I 0 N Nr. 9/12 aus zweckmäßig eingerichtet und beschaffen, und wir glauben daran, daß auch die ganze Schöpfung und der Mensch, jede Einzelpersönlichkeit mit ihrem Fühlen und Denken, letzten Endes Sinn und Wert hat. Es kann nicht sein, daß mit dem Tode alles ausgelöscht ist, daß mit dem Erkalten der Erde, mit dem Aufeinanderprallen zweier Sterne" alles zu Ende ist, als wenn es nie gewesen wäre. Das 19. Jahrhundert konnte nur so leben, wie es lebte, weil man vor lauter Wissenschaft und lauter Fortschrittsglaube vergessen hatte, daß man sterben muß. Der Lebenswille des Menschen ist die Urquelle jeden religiösen Denkens. Wir machen aufs neue den Glauben an den Sinn unseres Daseins zur Grundlage unseres Lebens. Das läßt sich nicht beweisen und nicht berechnen, aber keine Skepsis und keine abjektive Wissenschaft vermag diesen Glauben auszurotten. Und noch ein anderer Glaube ist es, ebenso verwurzelt im Herzen jedes Juden, der Glaube an den Sinn und den Wert und die Aufgabe des jüdischen Volkes als des auserwählten Volkes. Nur so kann die unerhörte tausendjährige Leidensgeschichte unseres Volkes und unser Judenschicksal, das nun auch uns wieder begegnet ist, seinen Sinn haben. Es muß einen Weg geben, eine Beziehung zu dem Sinn unseres Daseins zu finden. Das ist der Inhalt allen religiösen S t r e b e n s. Diese Erkenntnis zu gewinnen, die Erkenntnis Gottes, ist das Höchste, was Menschen, je erwerben können. Sie wird am Ende der Tage sein. Was dann kommt, wird nicht mehr Zeit genannt; denn alle. Entwicklung strebt diesem Punkte zu. Ohne diese höchste Erkenntnis von den letzten und ersten Dingen, diese Erkenntnis vom Sinn des menschlichen Lebens und Sterbens, diese letzte Vereinigung der menschlichen Seele mit Gott ist kein absolutes Glück vorstellbar. Das ist der Schalom, die letzte Harmonie, in der alles seine Auflösung findet, zu dem jede Tefilla zielt. Wegbereiter dieses Zustandes zu sein ist die, Aufgabe des jüdischen Volkes. Diesen Weg, der über die Grenzen der natürlichen Möglichkeiten hinausführt, konnte aber das Volk nur gehen, wenn ihm sozusagen einmal die Hand aus dem Ueberirdischen gereicht wurde, der Ansatzpunkt, an dem es sich emporentwickeln kann. Das ist die Offenbarung, die Tora. Nicht eine Offenbarung, die dem Menschen die Lösung der Lebensrätsel präsentiert, sondern die ihm den Weg zeigt, den er gehen kann. (Rosenzweig — Sambation.) Deshalb braucht in der Tora nichts zu stehen von Olairi haba. Deshalb genügt es, wenn sie uns sagt, handele so und tue so, indem sie unser ganzes Leben regelt. In den Mizwot gibt uns die Tora die Möglichkeit, diesen uns'eren jüdischen Weg zu gehen, und darum verknüpfen wir jeden Tag und jede Stunde unseres Lebens mit ihr. Darum ist Gottesdienst Korban (sich nähern), Gottesdienst und Tefilla bimkom Korban, die Möglichkeit, sich dem Sinn unseres Daseins zu nähern. Auf dieses dynamische Moment gründen wir unsere Beziehung zur Tora und zu den Mizwot. Wir sind nicht konservativ, nicht verharrend im Ueberlieferten, sondern aus der zutiefst erlebten Not unserer glaubenslosen Zeit streben wir nach einer lebendigen persönlichen Beziehung zur Tora. Nur so kann unser persönliches Dasein einen absoluten Wert gewinnen und die Erfüllung der Mizwot aus diesem Erlebnis heraus zur Tat werden. Häufig habe ich gehört: Was soll ich tun? Ich kann nicht glauben. Das ist ein Irrtum. Glauben ist keine Eigenschaft, sondern ein zutiefst naturhafter Instinkt, den unsere materialistische Zeit verschüttet hat. Wie die Liebe dem Menschen innewohnt und nicht erst dadurch entsteht, daß der Gegenstand der Liebe sichtbar wird, sie sucht Vielmehr den Gegenstand ihrer Erfüllung, so ist der Glaube da, und so wie ich mein Leben liebe, muß ich Gott lieben, d. h. ihn erkennen wollen. Der Weg zu dieser Erkenntnis ist für den Juden der Weg der Mizwot. Selbst dann, wenn wir sie im Letzten nicht verstehen, so wissen wir doch, daß sie im Sinne der Aufgabe unseres Volkes ihre rationale und metaphysische Bedeutung haben. Glauben ist also nicht statisch, ein plötzliches Ueberströmen des Gefühls, sondern ein ständiges seelisches Streben, ein ständiges Ringen um Annäherung. In der Mischna finden wir eine grundlegende Plugta zwischen Beth Hillel und Beth Schammai. B. H. sagt: Mizwa zricha kawana. Und B. Sch. sagt: Mizwa ena zricha kawana. Die Halacha ist: Von vornherein muß die Mizwa mit Kawana getan getan werden. Ist es aber ohne Kawana geschehen, so braucht sie nicht wiederholt zu werden. Wir sehen also, daß die richtige Erfüllung der Mizwa Kawana erfordert, das bedeutet nach der allgemeinen Uebersetzung, mit Bewußtsein. Ich glaube aber, wir kommen dem Sinn der Sache näher, wenn "wir ganz wörtlich übersetzen. Kawana, abgeleitet von Kiwun Hinwendung, Erfüllung in Richtung auf. Das Wort bezeichnet also ein seelisches Streben, von dem wir eben gesprochen haben. Auch Beth Schammai bestreitet nicht den Wert der Mizwah als Erfüllung der jüdischen Aufgabe, nur kann nach seiner Meinung der einzelne Mensch nicht mehr dazu tun, diese Aufgabe zu