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Zion · 1934-10-01 · 9-12 (10.1934) · p. Seite 77

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
6 (1934)
Issue
9-12 (10.1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 77 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 9/12 ZION Seite 77 man das Fallen eines Steines auf den Boden vorausberechnen kann. Dem fühlenden und wollenden Herzen bleibt kein Raum mehr. — Es ist jetzt nicht an der Zeit zu untersuchen, wieso diese Entwicklung eintreten konnte, wieso sich ihr Geist so sehr aller Schichten der Völker bemächtigen konnte. Es müßten viele Reihen von Entwicklungen aufgezeigt werden. Vielleicht am deutlichsten könnte dies an der Entwicklung der Naturwissenschaften und wie die sich aus ihr ergebende Denkungsart allmählich in das Bewußtsein der menschlichen Seele einzudringen vermochte, dargestellt werden. Aber längst weiß man in Kreisen der Wissenschaft, daß man so klug ist als wie zuvor, daß der Traum, Welträtsel zu lösen, für immer ausgeträumt ist, daß die Wissenschaft der Irrtum von heute ist. Aber gerade in dieser Zeit ist die Wissenschaft von gestern populär geworden. Nicht so sehr ihre Ergebnisse als vielmehr die Geistteshaltung, die aus ihr entsprang. Wie die Mode, die gestern in den Salons des Snob gezeigt wurde, heute die Tracht der Frau aus dem Volke wird, während sich der Snob bereits eine andere Kleidung zugelegt hat, so beeinflußt das materialistische Denken die Menschheit unserer Tage und auch uns, und es ist schwer, sich ihm zu entziehen. Gerade die jüdischen Arbeiter in Erez Jisrael sind belastet mit diesen Theorien. Sie wirken auch auf diesem Umweg auf uns. Gewiß sind gerade sie noch stark verwurzelt im Volk, aus dem sie stammen. Sie haben noch genügend Lebensverbundenheit und Instinkt, um in vielen Fällen, wo Theorie und Praxis zu einander in Widerspruch kommen, dem Instinkt zu folgen. (Dann müssen sie nachträglich die Theorie mit der Praxis in Einklang bringen, und es entstehen dadurch häufig schwierige Situationen und breite Angriffsflächen. Er gerät zwischen zwei Fronten und von beiden Seiten wird seine Position überrannt.) Auch uns, auch den Hapoel Hamisrachi, gehen die sozialen Probleme unserer Zeit und die sozialen Problemen, die im Aufbau des Landes akut werden, genau so an wie den Arbeiter der Histadrut. Auch wir wissen, daß die Arbeiterschaft die einzige, auch national zuverlässige Schicht ist und daß wir gemeinsam mit allen positiven Kräften des Volkes für den Aufbau eines freien Erez Jisrael kämpfen müssen. Aber wir machen aus diesem Kampf um soziale Gerechtigkeit keine neue Weltanschauung. Sie ergibt sich u. a. aus unserer jüdischen Haltung. Wir wissen, daß sie die Voraussetzung für die Erfüllung unserer nationalen Aufgabe ist, daß wir hieraus aber noch keinen genügenden Inhalt für den Aufbau unseres Lebens in Erez Jisrael gewinnen. Diesen Inhalt können wir nur finden im Zusammenhang mit der Tradition unseres Volkes, mit seiner ewigen Aufgabe, die Tora im Leben des gesamten Volkes zu verwirklichen. Wir erleben heute wiederum, wie gewisse Kreise unseres Volkes von einem neuen Geist beseelt werden. Man spürt, daß das, was bisher den Massen als Inhalt des Lebens galt, nicht genügt, daß man auf falschem Wege war. Die ausgehungerte in ihrer Existenz vielleicht sogar geleugnetee Seele stürzt sich auf den ihr zunächst liegenden irrationalen Wert, die Nation, und nun in eifervoller Blindheit über das Maß hinausschießend wird der nun einmal gefundene Götze intronisiert und verehrt und alle, die es wagen, dem Götzen die uneingeschränkte Verehrung zu versagen, werden von seinen Priestern verketzert und gesteinigt. Es liegt mir hier nicht daran, in eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Revisionismus einzugehen. Es ist bereits Ausreichendes in unserem Kreis, insbesondere von Erich Rosenblüth, darüber gesagt worden. Doch glaube ich, daß wir uns nicht damit beruhigen können, in unserem Arsenal die Waffen zur Abwehr des Revisionismus bereit zu wissen. Wenn wir die Massen unseres Volkes vor dem verhängnisvollen Einfluß bewahren wollen, so müssen wir für diese immer mehr sich aufdrängende Erscheinung Verständnis suchen, denn auch in ihr offenbart sich, wenn auch in schlimmer Verzerrung, ein Zipfel der verschütteten jüdischen Volksseele. Ich spreche hier nicht von Politik, sondern von Psyche. IV. Wir erkennen, daß die geistigen Grundlagen des vergangenen Jahrhunderts uns keinen Halt zu geben vermögen. Ganz bewußt verlassen wir das „objektive" Wissen unserer Tage; und begeben uns in die Tiefe des elementaren subjektiven Erlebens, das die Menschen zu allen Zeiten erfüllte. Von neuem stellen wir die Frage nach dem Sinn und dem Wert unseres Daseins,, dem Dasein jedes. Einzelnen und unseres Volkes. Das sind die iuv sprünglich religiösen Fragen, die das 19. Jahrhundert so gründlich aus unseren Köpfen ausgetrieben und in unseren Seelen verschütet hat. Das Denken des Menschen ist von Natur aus kausal, es muß für jede Wirkung eine Ursache finden und in allem Dasein einen Sinn. Alles in der Natur, vom kleinsten einzelligen Lebewesen bis zum Menschen, ist in seinem Aufbau und in seinen Funktionen so über alles Berechenbare hin-

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