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Zion · 1934-10-01 · 9-12 (10.1934) · p. Seite 76

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
6 (1934)
Issue
9-12 (10.1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 76 (sequence 6)
Language
German
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Seit« 76 ZION Nr, 9/12 und des Aufbaus überhaupt; aber im täglichen Leben, spürt man wenig yon dem, was wir uns unter Tora Waawoda vorgestellt haben. Und wie steht es mit der Gestaltung des Schabat, also desjenigen Bezirkes, wo wir bereits etwas mitgebracht haben? Leider müssen wir gestehen, daß es uns bis jetzt noch in keinem wesentlichen Punkt gelungen ist, einen entscheidenden Vorstoß zu machen. Das, was wir haben, und das, was sich in unserem Kreis in Erez Jisrael wie auch hier vorfindet, ist nicht viel mehr als ein schwacher Abglanz bereits dekadenten chassidischen Milieus, ergänzt durch jugendbewegte Reminiszenzen, die dem unromantlschen Dasein des jüdischen Arbeiters nicht immer adäquat sind. Solange unser Kreis noch klein war, solange er sich nur auf zwei bis drei Dutzend Menschen beschränkte und sich alles sozusagen von selber regelte, gab es wenigstens noch so etwas wie eine gewisse Gemütlichkeit. Das änderte sich aber, als sich der Kreis auf einhundert Menschen vergrößerte. Dann erst trat erbarmungslos die Frage nach der Gestaltung des Gemeinschaftslebens mit aller Schärfe an uns heran. In diesem Punkt haben wir, wie die meisten Kibbuzim, versagt. Es ist eine gewisse Ratlosigkeit da, denn man fühlt sehr genau, daß es sich hier nicht um die Frage eines Reglements, Statuts oder einer Organisation handelt — obwohl auch dieser Hilfsmittel nicht entraten werden kann. Man wagt sich nicht richtig an diese Dinge heran -aus einem gewissen Gefühl innerer Unsicherheit. Nur dann, wenn man die innere Gewißheit hat, daß die Dinge des Gemeinschaftslebens nur s o und, nicht anders geregelt werden können, kann man es wagen, an eine Regelung heranzugehen. Im Verlaufe der Verwirklichung unserer Idee, also nicht aus der Theorie, sondern aus der Praxis, kommen wir zu dem Punkt, wo wir sagen müssen,-es genügt nicht, Einrichtungen zu schaffen, einen gemeinsamen- Meschek, einen Kibbuz oder ähnliches. Unser ganzes Leben kann nicht das werden, was wir doch alle wünschen, ein wahres und starkes Leben von Tora Waawoda, wenn es bei diesen Einrichtungen bleibt, wenn es uns nicht gleichzeitig gelingt, unsere Gesinnung, unsere Einstellung zu allen Dingen des Lebens zu ändern. Nicht nur das Aeußere, die Gegebenheiten, die wir uns schaffen, ändern die Menschen, sondern auch die umgewandelten — religiös-revolutionierten Menschen ändern ihre Einrichtungen, sind fähig, ein neues Leben zu gestalten. III. Wie also steht es mit der Gesinnung und Geisteshaltung unserer Menschen? Wir alle sind Menschen des Galut und der Assimilation, selbst wenn wir sie überwinden wollen. Wir sind aufgewachsen, erzogen und beeinflußt von allem, was unsere Zeit beeindruckt. Wir müssen also sehen, was unsere Zeit und uns beeinflußt und geformt hat, um das richtige Verhältnis zu diesen Dingen zu finden. Wir kommen also nicht darüber hinweg, uns eine kurze Analyse des geistigen Weltbildes, das uns geformt hat, vor Augen zu führen. Die geistigen Mächte und Kräfte, die unsere Zeit beherrschen, sind die Gedanken des Rationalismus und Materialismus. Bis zum Heraufkommen dieser Kräfte war die gesamte Kultur des Abendlandes vom ' religiösen Denken beherrscht. Jehuda Halevi konnte es sich bei seiner Auseinandersetzung mit seiner Zeit genug sein lassen, die Priorität des Judentums vor den anderen Religionen darzutun. Man lebte im Zeitalter des Glaubens. „Wohl kennen wir auch aus der Geschichte Epochen, wo die Kultur einen Bund mit andern Mächten schloß und den Glauben aus seiner das Denken beherrschenden Stellung verdrängte. Aber in um so stärkerer Reaktion brach das Sehnen des Menschen nach religiöser Bindung durch und eroberte von neuem seine Anerkennung im Herzen der Kultur." Wir erkennen das in der Zeit des sich ausbreitenden Christentums: Aber vielleicht hat es noch niemals eine der Religion so feindliche Zeit gegeben wie die unsrige, eine Zeit, wo der neu erwachende und akkumulierte Geist alle Bindung abschüttelt und sich selbst zum Maßstab aller Dinge aufwirft. Mit dem beginnenden 18. Jahrhundert kommt der Rationalismus herauf und formt das Denken des ganzen 19. Jahrhunderts. Nicht das Denken und Forschen selber, sondern daß dieses Denken, daß der menschliche Verstand sich zum Richter aufwirft über alle Erscheinungen des Lebens, ja über das Leben selber. Rationalismus bedeutet die Ausschaltung des Ewigen und Unendlichen, denn sie lassen sich nicht mit der Vernunft begreifen. Alles, was nicht gemessen oder gewogen weiden kann, wird aus der Betrachtung ausgeschaltet, nur das gelungene Experiment entscheidet über Wert und Wahrheit. Alles, was sich mit dem, was über die exakte Forschung hinausgeht, befaßt, wird als Vorurteil diffamiert, Ueber den Rationalismus hinaus geht der Materialismus, der in den gewonnenen Ergebnissen Gesetze der Entwicklung konstatiert, den Ablauf der Geschehnisse vorausberechnet, so wie

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