Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 6 (1934)
- Issue
- 7-8 (7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 66 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 66 ZION Nr. 7*8 Dies ist der Standpunkt des starren Rassentheoretikers. Daher Brods (und seines Sprachkünders Justus) schrankenlose Verehrung, fast Verhimmelung alles dessen, was deutsch ist in der Kunst, namentlich aber in Musik und Dichtung. Selten fällt in diesem Buch ein Wort zugunsten jüdischer Kulturleistungen in Vergangenheit und Gegenwart, kein Wort der Anerkennung für die Größe jüdischen Schrifttums, jüdischer Ethik, kein Stolz des Dichters Justus auf seine Stammesgeschichte. (An einer Stelle fühlt es Justus und sagt es selbst, er mache sich alle Argumente der Judengegner zu eigen.) Dies ist u. E. ein Mangel in der Grundlage des Buches. Vielleicht steht es zu sehr unter dem Einfluß der Niederläge und Minderbewertung des deutschen Judentums in unserer Zeit. Mehr Stolz auf jüdische Eigenleistungen (auch ganz abseits von den wirtschaftlichen und kolonisatorischen Erfolgen in Erez Jisrael auf eigenem Boden, die Justus zuguterletzt, etwas post festum, anerkennt), mehr Glaube an die notwendige Gegenseitigkeit kultureller Leistungen, zwischen jüdischem und Wirtsvolk überall, wäre sehr wohl am Platze gewesen! Schließlich ist es doch niemals so gewesen, daß wir stets nur •Empfangende waren; schließlich hat "doch das Judentum in seinen Leistungen nicht alles Licht von der deutschen Sonne bezogen! * Diese und noch manch andere kritische Anmerkung muß man, schon um sich nicht selbst zu verlieren, diesem Buch gegenüber machen, zumal da es in manchen jugendlichen Kreisen bedingungslose Verherrlichung gefunden hat. Diese wenigen Ausstellungen sollen den Grundwert des Buches nicht, herabsetzen. Aesthetisch genommen kann man seine helle Freude haben an diesem schönen, aufschlußreichen, weisheitgetränkten und zeitnahen Werk. Es ist ein Spiegel unserer Zeit, der uns bittere Wahrheiten sagt und Klarheit bringt. Es dürfte jeden urteilsfähigen Leser zum Nachdenken und zur Innenschau veranlassen und bis zuletzt im Bann halten. Es wirkt jedoch mehr spannend als lösend. Die letzte Entscheidung für das Problem: Jude oder Europäer, jüdischer oder europäischer Dichter und Künstler — bringt auch dieses Buch nicht. Für mittlere Talente und begabte Schriftsteller wie Justus mag Distanzierung eine ausreichende Richtlinie und Lösung sein — doch für ganz große schöpferische Menschen (wie Heine, Mahler, Liebermann, Schnitzler, Werfel, Kafka — und schließlich auch Max Brod in seinen großen Werken) ist diese Distanzliebe und Selbstbescheidung keine Grenze, .eher ein Hemmschuh. Wurzelecht und kraftbewußt, ihres Schaffensdrangs froh und sicher in sich selbst, tragen sie ihre Bewährung und Legimität in sich und schaffen sich als Meister ihren eigenen Rahmen5 über Rassendoktrinen und nationale Begrenzung hinweg. Sagt doch der Dichter Justus-Brod mit Recht an einer Stelle so treffend: „Es gibt eine seelische Tiefe (und Größe), in der die Rassenbesonderheiten aufhören." Wahrhafte Dichtung und Nationalliteratur sind grundverschiedene Gebiete. Mittlere Talente bleiben in der Zwischensphäre — der große Dichter schafft sich seine Sphäre"s e lb s t! Vielleicht wird der Schriftsteller Justus statt seine träumerisch-spielerische Schaffensart und aussichstlose Werbung um deutsche' Anerkennung fortzusetzen, sich in Zukunft ganz und restlos seinem jüdischen Volkstum hingeben und aus seiner Enttäuschung andere Konsequenzen ziehen. Dieses Schaffen wird ihm dann zur Frau werden, „die nicht enttäuscht". Religiöse Typen in Erez-Israel Von Schear Jaschubh. Wenn einer eine Palästinareise tut, muß er notwendig zum „Schriftsteller" werden. Denn einerseits wollen heute sehr viele, auch wenn sie früher gar nicht so waren, stets von Palästina wissen, und andererseits braucht man ja weiter nichts zu tun als nur eben wiederzugeben, was man erlebt hat. So kann auch ich der Versuchung nicht widerstehen. Ich will mich aber begnügen, von einigen für die religiöse Entwicklung des Landes bedeutungsvollen Persönlichkeiten zu erzählen, die es sich gefallen lassen mußten, von mir »aufgesucht zu werden. Raw Kook. Nach Jerusalem kommen und Raw Kook nicht besuchen, hieße nach Rom fahren und den Papst nicht sehen. Raw Kook ist der von der Regierung anerkannte aschkenasische Oberrabbiaer Erez Jisraels. Da aber die überwiegende Mehrzahl der jüdischen Landesbevölkerung zu den Aschkenasim gehört, kann man das Beiwort „aschkenasisch" fast weglassen. Raw Kook ist ein „Gaon", einer der ganz Großen des religiösen Judentums. Bialik soll ihn für den größten Juden der Gegenwart erklärt, und ein nichtjüdscher Schriftsteller, wie ich einmal las, nach einem Besuch bei ihm geäußert haben: Womit hat es unsere Zeit verdient, daß ein so Großer in ihr lebt? Schon früher wußte ich, und im Lande ließ ich es mir nochmals