Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 6 (1934)
- Issue
- 7-8 (7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 65 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 7*8 ZION Seite 65 Wo ist da „die Polarität der Rassen", die aui den Dichter Justus so zauberhaft magnetisch wirkt? Oder ist das Wohlgefallen ohne Selbstinteresse, das Erdenleichte, Animalisch-Spielerische ein Reservat nicht jüdischer Frauen (nach Meinung des Dichters)? Hätte Justus nicht all das, was er an Carola Weber so heiligengleich anbetet, auch bei einer seelenvollen Jüdin finden können? Auf manchen jüdischen Leser dürfte die Arierin Carola, die geistvolle, mädchenhaft-süße, unberechenbare, launisch - impulsive Künstlerin, ebenso jüdisch wie arisch wirken. (Vielleicht aber bilden Künstler, als Kosmopoliten überhaupt eine Spähre für sich, jenseits alles Rassisch-Trennenden). III. Die Flucht des Juden vor der Tragik. Nach Max Brod flieht der Jude vor der letzten Entscheidung, Er ist seiner Anlage nach eine Kompromißnatur. Der Jude will und sucht Harmonie, Versöhnung, ein unheroisches, unkriegerisches, bürgerliches Dasein. Er sieht überall im Streite zwei Lebens- und Anschauungsmöglichkeiten. Daher sein starkes Einfühlungsvermögen, seine Sentimentalität, seine entindividualisierte Daseinsform, seine Assimilationssucht, seine Schauspielerkunst u. dgl. Daher das Zwischenvölkische, zwischen den Kulturen Stehende, Vermittelnde des jüdischen Typus. Diese Kompromißbereitschaft des Juden geht nach einem Worte von Goethe so weit, daß man den Juden in der Debatte den „point d'honneur" absprechen könnte (so die Meinung Goethes in seinen Gesprächen), weil Juden immer noch weiter verhandeln und streiten, wo Männer anderer Rasse entscheiden und mit dem Schwerte dreinhauen. Dieser Meinung scheint auch Justus zuzuneigen. Auf all diese mehr geistreichelnd pointierten als axiomatisch wahren, zu sehr verallgemeinernde Behauptungen einzugehen, erübrigt sich hier. Nur eines sei hier zur Erörterung gestellt. Zweifellos neigt der Jude fast bis zur Selbstverleugnung in der Diskussion dazu, dem Gegner auch gerecht zu werden (die talmudischen Diskussionen sind dafür klassisch), des Gegners Argumente zu verstehen und auf einer mittleren Linie sich zu einigen. Es gibt immer noch einen Weg zur Verständigung, das ist jüdisch. „Wir glauben immer noch an ein gutes Ende", sagt Justus-Brod. „Es gibt keine unlösliche Tragik in menschlichen Angelegenheiten", meint derselbe Justus. In all diesen Brodschen Behauptungen liegt Wahrheit und Weisheit. Nur in einem wichtigen Punkte sei uns erlaubt, anderer Meinung zu sein als der Dichter-Denker Justus, daß nämlich dem Juden par exellence die Scheu vor der Tragik blutmäßig eigen sei. Gewiß, der Jude hat auf seinem unendlichen Leidensweg in der Diaspora gelernt und lernen müssen, der Tragik nach Möglichkeit aus dem Wege .zu gehen, sich den Umständen jeweilig anzubequemen; er ist bequem geworden und ist froh, wenn „man lebt"; er scheut oft die großen Entscheidungen, besonders die kriegerischen, .säbelrasselnden, blutige Gewalt fordernden Doch flieht er darum die Tragik? Fehlt ihm Willensenergie zur tragischen Größe? Ist unheldische Daseinsform ihm zum Lebensgesetz geworden? — Zunächst im Glaubenskampf gewiß nicht! Zeugnis dessen die Märtyrerscharen des Altertums und Mittelalters, die wahrlich das „bittere Ende" niemals scheuten und für ihre „Idee" Leben und Existenz hingaben. Aber auch in den letzten Phasen unserer blutgezeichneten Geschichte, — wieviele Glaubenshelden weist die Geschichte der russischen, polnischen Judenheit auf! Und scheut der moderne Jude wirklich den heroischen Kampf, der (nach Justus-Brod, Seite 169) ein Privileg der a rischen Rasse ist? Nun denn, man blicke auf jene herrliche Schar junger Studenten der „Bilu" und ihrer ungezählten Nach ahmer, die allen Naturgewalten zum Trotz dem versumpften versteinten Lande ihrer Sehnsucht in Erez Jisrael Boden abgewannen und sich dabei buchstäblich verbluteten. Zeuge ferner alle jene ungenannten jüdischen Märtyrer des Geistes, die in moderner Zeit für ihre „Idee" (deren Richtigkeit bleibe dahingestellt!) in Not und Tod gegangen. Wenn der Jude im metaphysischen Sinne die unheilbare Zweiheit von Geist und Natur, von göttlicher Heiligkeit und irdischer Unzulänglichkeit als gegeben betrachtet, und sich auf diesen tragischen Zwiespalt resignierend einstellt — so hindert ihn diese Erkenntnis nicht, an eine ewig': Harmonie im All und einen wohlwollenden Ausgleich unter Menschen zu glauben und an der Verwirklichung einer Synthese dieser Gegensätze zu arbeiten. Dies ist jüdische Gesinnung, Hoffnung auf eine besserwerdende Welt, ist Diesseitsfreudigkeit, darf aber nicht als schwächliche Versöhnungssucht und faules Friedensbedürfnis atisgelegt werden. IV. Max Brod betrachtet den Wert der Rassen, die Verschiedenheit ihrer Kulturleistungen als etwas Absolutes, Unveränderliches, durch Schicksal und Naturanlage Determiniertes, keiner Annäherung Fähiges. Jedes Volk hat da gleichsam seine Spezialgebiete, sein spezifisches Gewicht. (Das Judentum also — Volk des Monotheismus).