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Zion · 1934-07-01 · 7-8 (7.1934) · p. Seite 64

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
6 (1934)
Issue
7-8 (7.1934)
Date
1934-07-01
Page
Seite 64 (sequence 10)
Language
German
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Seite 64 ZION Nr. 7*8 Studierenden, was Engländer, Franzosen über deutsche Romantik, Kunst, Musik, Psychologie geschrieben haben. Wie fremdartig mutet uns Gounods Faustmusik an! Wie wenig „biblischen" Geist atmen im Grunde Hebbels Bibelgestalten; wie historisch-überlebensgroß, aus einer anderen Welt geboren, erscheinen uns Juden die cyklopen Gestalten eines Moses, Ezechel u. d. gl., wie sie Michel Angelos Kunst geschaffen hat! Auch Goethes Iphigenie ist im Grunde Deutsche im griechischen Gewände. Denn Dichtung ist etwas aus dem Volksgrund und Mutterschoß geborenes, aus tiefstem Ergriffensein und Begeisterungsrausch Entsprungenes, aber nicht etwas Distanzierte;;. Wir behaupten: Heine war bei und trotz allen Unarten ein deutscher Lyriker, Gustav Mahler ein d e u t s ch e r Musiker, Mendelssohn-Barthold?,' ein deutscher Romantiker, Max Liebermann ein Maler deutscher Erde, Jakob Wassermann ein deutscher Romandichter — eben weil sie keine Distanz hielten, weil bei Ihnen Empfindungswelt und Ausdruck fast restlos ineinander übergingen. Distanzkunst ist Oberflächenkunst und bleibt an der Peripherie. Es gibt also für den echten Dichter u. E. nur eine Wahl: Entweder ist er begnadet, nach Heimat, Schicksal, Gefühlsidentität, intuitivem Erleben, Erziehung sein Land, seine Heimat zu besingen als Stück von sich selbst, seine Seele mitschwingen zu lassen, sich wesenseins zu fühlen und aus dem Schauer und wehvollen Schaffenszwang des dämonischen M u ß an den Gegenstand heranzugehen — oder sein Dichten ist kein Dichten, kein schöpferischer Akt, sondern ein Meditieren über die Sache1). Ja, wenn es so wäre, wie manche es sehen wollen, daß das konstitutive Merkmal des jüdischen Dichters, die Vereinigung von dichterischer mit philosophischer Begabung sei (bei Max Brod ist es so!), wenn der jüdische Dichter sich bloß als Mittler fühlte, zwischen den Kulturen — dann wäre Distanz zu haben leicht. Aber der große Dichter soll doch Seher und Künder sein eines Volkes, das ist seine höchste Berufung (so ein Jehuda Halevi, so Perez, Bialik u. a.), sein Herzblut muß dabei sein; da genügt es nicht bloß, Mensch zu sein mit dichterischen Anlagen, da hält es schwer, per Distanz zu verkehren. Dieses *) Shakespeare -ist vielleicht der einzige, dessen weltumspannendes Genie es gelungen ist, Römer, Griechen der Antike dramatisch glaubhaft zu gestalten, wir Nachfahren fühlen es wenigstens so; doch versagte auch seine unnachahmliche Kunst teilweise bei der Gestaltung des unheimlichen Juden Shylock, Sicheinfühlen in die Volkswesenheit gilt nicht nur für die lyrische, die subjektivste Dichtungsgattung, dies gilt auch für die dramatische und epische, also auch für die erzählende Dichtkunst. Mit einem Wort: Max Brods Rat und Lehre von der Distanzhaltung des. jüdischen Dichters in deutscher Sprache ist mißverständlich, geeignet, eine Diskrepanz zwischen Kunst und Leben des jüdischen Dichters deutscher Zunge zu schaffen, ist brauchbar nur, in der Wahl des Stoffes und Gegenstandes vorsichtiger zu machen — ein Jude soll z. B. kein Bismarckdrama schreiben — aber nicht soll Distanz den Künstler jüdischer Herkunft zurückhalten, Quelle und Auftrieb seiner Kunst im Wirtsvolk und Wirtslande zu suchen, und seine Motive jeweils deutsch, französisch, englisch zu gestalten, wenn auch gesehen, durch sein jüdisch-orientalisches Temperament. II. Die Frauengestalten im Roman. Des Dichters Liebesleben scheitert an zwei arischen Geliebten: Sybil, seine erste Liebe, erweist sich als käuflich, von Geldinteressen geleitet, und bei der zweiten, Carola Weber, der hold seligen „Mädchendame", erfolgt die Enttäuschung aus dem Konflikt: ausübende Künstlerin oder Weib-Gattin; die Gattin obsiegt und versagt sich dem Künstler-Dichter Justus, sie zieht das Geborgensein bei dem. anderen, dem arischen Bücherverleger, vor. In der Schilderung dieses Weib-Mädchens bewährt sich Max Brod wieder als der Meisterkenner all der Abgründe und Untiefen der weiblichen Seele. Carola Weber ist sicherlich kein Durchschnittstypus Weib, sondern eine Spezies für sich, sie ist eine interessante Mischung von infantiler Unberührtheit und raffinierter Reife, von unbekümmertem Mut und zweckbewußtem Weibtum, von magdhafter, hingebender Liebesseligkeit und einer bewußten Klugheit und Verstandesreife, die dem Dichter-Träumer stets die praktischen Wege weist. Sie besitzt eine Art dilatorischen, spielerischen Mutterwitzes, die Weltüberlegenheit der „Dame", die die schwierigen Situationen mehr von sich fernhält als sie wirklich meistert. Es sei uns jedoch eine Frage gestattet: Was ist an dieser von Justus, dem jüdischen Dichter, soviel bewunderten Frauengestalt spezifisch arisch? Findet sich gerade diese Mischung von holdseliger Güte, zartsinniger Liebesfähigkeit, gepaart mit einer starken Klugheit nicht auch bei Jüdinnen? Sind alle Jüdinnen berechnet in der Liebe? Die Arierinnen nicht berechnet, griseldenhaft?

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