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Zion · 1934-06-01 · 6 (6.1934) · p. Seite 46

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Journal
Zion
Volume
6 (1934)
Issue
6 (6.1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 46 (sequence 4)
Language
German
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Seite 46 ZI ON Nr. 6 tuation, von der dieser tannaitische Text ausgeht, ist also die eines selbstarbeitenden Volkes von Bauern, Handyverkern und Kleinhändlern, dessen führende geistige- Schicht keine berufliche Sonderklasse bildet, sondern in einem dieser Berufe, am häufigsten wohl in dem des Handwerkers, seinen Lebensunterhalt findet. .. ■Jai diese allbekannten Dinge ist hier nur erinnert worden, um den Gegensatz zu derjenigen Interpretation möglichst lebendig zu machen, die jener Satz wenn nicht im Munde Samson Raphael Hirschs, so doch in den Ohren seiner. Hörer angenommen hat. Wir wissen alle, was aus dem „Derez Erez" der Mischna, was aus dem „vollen Leben", wie wir es eben übersetzen, geworden ist: nichts anderes als die „allgemeine Bildung'*, jenec Kulturgötze des 19. Jahrhunderts. Die Vereinbarkeit seines Dienstes mit dem Dienste der Tora war es, die an Stelle der Toraherrschaft über ein volles Leben zum Schul- und Erziehungsprogramm der deutschen Orthodoxie wurde. Und so wichtig, auch für uns, das Kulturpioblem als solches war und bleibt, so unzulässig ist es, es an die Stelle des Lebensproblemes selber zu setzen. Gerade dies aher konnte deshalb geschehen, weil die Abkapselung der westlichen Judenheit vom jüdischen Gesamtvolk, und die nochweitergehende Sonderabkapselung der Orthodoxie ein volles Leben gärnicht mehr ermöglichte. Die westliche Orthodoxie, deren gewaltige historische Leistung gewiß nicht verkannt werden soll, konnte die Ideologie der „Durchdringung des ganzen Lebens vom Geiste der Tora" in vollkomm ner Ehrlichkeit ausbilden und annehmen, weil sie garnicht fühlte, daß ihr Leben, meist das de-; kapitalistischen Städters, kein ganzes Leben mehr war. : Der Aufstand des Zionismus hat den Sinn, dis jüdische Totalität wieder herzustellen. Selbst die Säkularisierungsbestrebungen in ihm haben noch ein gutes jüdisches Recht gegenüber jener orthodoxen Haltung, die weite Gebiete des Lebens praktisch einfach ausschloß. Innerhalb dieser Totalitätsbewegung nun ist die Parole „Tora w'Awoda" erst verständlich. Sie ist nichts anderes als die Wiederaufnahme und Wiederherstellung des Gesetzes von „Tora im Derech Erez" in seinem ursprünglichen, im 19. Jahrhundert verfälschten Sinne. Wäre diese historische Verfälschung nicht eingetreten: wir hätten diese neue Devise nicht gebraucht, sondern auf jene alte zurückgreifen können. Aber es ist ja kein Zufall, daß die Verfälschung eintrat, und diese Tatsache wirkt auf die Auffassung der neuen Devise ein; Wir sind in Gefahr, sie so synthetisch mißzuverstehen, wie Hirschs Gemeinde das Wort aus den Sprüchen der Väter mißverstanden hat. Nicht zwar, daß wir noch einmal „Awoda" mit „allgemeiner Bildung" übersetzen könnten, sondern so, daß auch uns diese beiden Seiten der Gleichung als getrennte Wesenheiten zu erscheinen drohen, die wir erst nachträglich zueinänderbringen müssen. Den och ist ja unsere soziale Situation vielfach von der Hirschs noch nicht im Grundsätzlichsten unterschieden. Wir brechen ja erst eben aus dem Bürgertum auf, und das gilt sogar für die materiellAermsten unter uns, denn auch das jüdische Kleinbürgertum, aus dem wir uns meist rekrutieren, ist bürgerlich durch den Idealtypus, zu dem es aufblickt und auf den hin es sich orientiert. Die Lehrer der Mischna leben noch in einer anderen Situation: ihnen war das Leben noch ganz, wenn wir allerdings auch voraussetzen müssen, daß ein drohender Schatten künftiger Spaltung über ihnen lag, als sie seine Einheit zu formulieren für notwendig fanden. Wir aber stehen vor der neuen Einheit, deren erster Baustein das Werk unserer Hände sein soll. Noch haben wir seine Elemente gleichsam in getrennten Händen: Tora — in der Rechten, Awoda — in der Linken. Wir selbst, Herren dieser Hände, stehen als das vermittelnde „und" zwischen ihnen, reichen die eine Hand nach rechts zur Orthodoxie hinüber, die andere nach links, zur Arbeiterschaft. So geht es nicht. Gerade dann, wenn wir an unsere vermittelnde Einheitsfuhktion im *üdischen Volk und im Jischuw Palästina glauben,, müssen wir erst einmal in uns selber eins werden. Wir müsen beide Hände ineinandertun und erfahren, daß Tora — Awoda ist, daß Awoda — Tora ist. Erst wenn sie sich durchdringen, können sie wieder nach beiden Seiten wirken und, nach unserer Einung, vielleicht, andere und größere Einheit stiften. II- „Religiöser Sozialismus"? Wir fühlen alle, daß diese Sache uns etwas angeht, aber das Wort ist begreiflich zweifelhaft. Die Gleichheit vor Gott, von der die Religion spricht, ist zunächst eine durchaus andere als die Gleichheit zwischen den Menschen, ja, man könnte sogar meinen, daß die zwischenmenschlichen Unterschiede vor Gott allzu geringfügig sind, um überhaupt vom religiösen Standpunkt her Beachtung zu verdienen. Außerdem stellt sich bei dieser Wortverbindung ein ähnlieher Verdacht ein, den wir oben für die

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