Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 6 (1934)
- Issue
- 2-3 (2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- Seite 23 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2*3 ZION Seite 23 Fähigkeit des Widerstandes gegenüber den Angriffen, denen die Juden in allen Galutländern Jahrhunderte hindurch ausgesetzt waren. Allerdings äußerte sich diese Widerstandsfähigkeit nicht in aktiver Selbstbehauptung, nicht im Kampfe mit den Waffen, sondern im Dulden. Aber auch dieses Dulden ist als Heroismus zu bewerten, wenn es auch die landläufige Geschichtsbetrachtung nicht als solchen zu schätzen pflegt. So sagt z. B. Johannes Scherr in seiner Kulturgeschichte: „Nie vielleicht solange die Welt steht, haben Menschen der Raserei ihrer lieben Mitmenschen mit größerem Heldenmute einen passiven Widerstand entgegengesetzt als die Juden in der großen Verfolgung des 14. Jahrhunderts taten." Damit aber kommen wir auch auf die Geschichtsbetrachtung des Judentums. Wiener sieht ihr Wesen in dem „Warten" auf den Messias im Gegensatz zum „Wirken". Hervorragende Historiker haben anerkannt, daß der Begriff der Weltgeschichte erst von den Propheten geschaffen worden ist. Die alten Völker betrachten die Geschichte nur von dem engen Horizont der eigenen Nation. Erst die Propheten sahen in ihr einen Weltenplan und ein allgemeines Ziel, ein Hinstreben zur Erreichung eines Ideals, und dieses Ideal war für sie die allgemeine Anerkennung des einzigen Gottes der Gerechtigkeit und der Sittlichkeit und der allgemeine Völkerfriede. Damit erhält aber dieses „Warten" auch eine andere Bedeutung. Tri den Gang der Ereignisse aktiv einzugreifen, war den Juden im allgemeinen wohl kaum möglich, dazu war ihre Lage in den Galutländern nicht angetan. Wo sich eine Aussicht bot, da finden wir auch dahingehende Versuche, so in der Periode des Don Josef Nasi, des Herzogs von Naxos, wo die Juden im türkischen Reich eine, verhältnismässig freie Stellung genossen. Im übrigen aber übten sich durch dieses Warten selbst, durch die unerschütterliche Festigkeit in der Wahrung ihrer Ideen und ihres geistigen Besitztums einen Einfluß aus auf die Entwicklung. Wie groß dieser Einfluß war, das sehen wir daraus, daß der- Kampf um diese jüdischen Ideen seit den Zeiten des Altertums nicht aufgehört hat bis auf den heutigen Tag. Damit aber erklären sich auch die Etappen der Geschichte, die Wiener „das merkwürdigste System der Weltgeschichte" nennt. Daß es eigenartig und den anderen Systemen nicht vergleichbar ist, sei ohne Weiteres zugegeben; denn für die jüdische Geschichtsbetrachtung sind nicht der Krieg und die gewonnenen Schlachten das Wesentliche, sondern der Kulturfortschritt zu dem Ziele der Menschheit hin. Dieses Ziel ist nicht bloß die Ankunft des Messias für Israel, sondern wirklich die messianische Zeit. Wiener spricht von der „Umbiegung des alten Messiasgedankens in die Lehre vom messianischen Reich", die der Liberalismus vorgenommen habe. Aber die Umbiegung bestand nur darin, daß man von dem alten Messiasgedanken den persönlichen Messias und die Rückkehr Jisraels in sein Heimatland strich. Das messianische Reich war auch früher darin enthalten. Das zeigen ja deutlich die Gebete von Rosch Haschanah und Jörn Kippur, in denen die Hoffnung ausgesprochen wird, daß die ganze Menschheit eine Vereinigung bilden wird, um den Willen Gottes zu erfüllen und daß die Herrschaft des Frevels von der Erde verschwinde. Und im Hinblick darauf ist auch das „Warten" zu verstehen. Man wartete darauf, daß die Menscheit sich dem großen Ziele nähert, daß der Fortschritt der Kultur die entgegenstehenden Hindernisse hinwegräume, und Israel selbst diente der Erreichung dieses Zieles durch die opferbereite Bewahrung seiner Ideen. Und wo es den Juden ermöglicht wurde, da beteiligten sich auch selbst an diesem Kulturfortschritt durch Mitarbeit an der allgemeinen Wissenschaft. Wie man aber den allgemeinen Kulturfortschritt bewertete, wie man Männer, die diesem Fortschritt dienten, die in Kunst und Wissenschaft sich auszeichneten, zu schätzen wußte, das zeigt dieGesetzesbestimmung, daß man beim Anblick eines Weltweisen den Segen spricht: „Gelobt sei der von seiner Weisheit den sterblichen Menschen gegeben". Es ist nicht die gewöhnliche Geschichtsbetrachtung, wie sie das Judentum bietet, nicht das „Wirken" im landläufigen Sinne; aber es ist auch nicht eine bloße Passivität, kein dumpfer Quietismus, es ist vielmehr ein Wirken höherer Art. Anmerkungen zum Tage. Die „Reichsvertretung der deutschen Juden", die nach außen und innen durch einen allgemeinen Zusammenschluß der deutschen Judenheit gestärkt auftreten könnte, bleibt nach wie vor ein ideales Wunschbild. Schon schien es, nls sei die Erfüllung nahe, aber die vereinte Abstinenz des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten und der Austrittsorthodoxie vernichteten diese Hoffnung. Wir sind bestimmt die letzten, die die religiösen Bedenken der separatistischen Orthodoxie gegen ein Einheitsschulwerk begatellisnren, und es wird über die inhaltliche Ausgestaltung des neu entstehenden jüdischen Schulwerks