Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 6 (1934)
- Issue
- 2-3 (2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- Seite 22 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 22 ZION Nr. 2*3 der Gerechtigkeit", das einzige Dogma, das Döb- Iin in seinem Zukunftsstaat gelten läßt (und das für den Ungläubigen durch Tausende blutiger Ungerechtigkeiten in der Geschichte und im Einzelgeschehen widerlegt wird?) abnehmen wird? Eine solche Zukunftsklitterung nennen wir nicht Staatenaufbau, sondern herostratisches Unterfangen und selbstüberhebliches Literatentum eines westlieh überkultivierten Ideologen und Dichteratheisten! Wir wollen die Ehrlichkeit seiner Absichten und Gesinnung nicht in Zweifel ziehen, doch wir sprechen Döblin die Berechtigung ab, sich als Kenner der jüdischen Volksseele, als Beglücker und Retter aus jüdischer Volksnot auszugeben. * Döblins Schrift hat stilistische und dichterische Höhepunkte, sie mahnt zur Einkehr und Selbstbesinnung, setzt aber reife, kritische Leser voraus, die zwischen Wahrheit und Dichtung zu scheiden verstehen, das Buch bringt oft subjektive Geschichtsbilder, wie in einem Hohlspiegel verzerrt gesehen, ist nicht frei von grobschlächtigen Verallgemeinerungen oft direkt falsch in seinen Reformideen. Döblin ist ein großer Donnerer, doch ein schwacher Prophet und schlechter Seelenkenner. Man kann einem Volke nicht auf der einen Seite seine geschichtlichen tausendjährigen Ideale mit Keulenschlägen zertrümmern — um auf der anderen Seite geschichtliches Werden vorzubereiten. Politik und religiöse Bilderstürmerrei kann man nicht ungestraft verquicken; Döblin will religiöser Bilderstürmer und politischer Reformer zugleich sein, und verdirbt sich so sein Konzept, und seih Erlöserstreben bleibt am Ende — ein Dichtertraum, fürs Leben und für große Massen untauglich. Zu einem Volksbuch (wie Herzls Judenstaat), zu einem Manifest für jüdische Volkserneuerung, kann es seiner ganzen taktisch mißglückten Anlage nach niemals werden, ist aber als interessantes und geistvolles Zeitdokument nicht ohne Werte. Warten und Wirken. Von Rabb. Dr. Isak Unna. Unter diesem Titel stellt Dr. Wiener in Nr. 99 der „Jüdischen Rundschau" eine geschichtsphilosophische Betrachtung an, die bei einem Rabbiner und Kenner des jüdischen Schrifttums Befremden erregen muß. Es seien deshalb einige Bemerkungen hierzu gestattet. Wiener zieht eine Parallele zwischen der jüdischen Renaissance und der Periode der Makkabäer, und er betrachtet als das Wesen dieser beiden Epochen die „aktive Selbstbehauptung" im Gegensatz zu der Selbstauflösung der Assimilation und zu dem Martyrium der „duldenden Frommen". Er charakterisiert dann die jüdische Seelenhaltung als eine „wesenhaft konservative, kontemplativ-theoretische", die zu erklären sei aus der Tatsache, daß das Gesetzesstudium nach dem Bildungsideal des Talmud zum Inhalt des zu formenden Geistes gemacht wurde. Dadurch erhielten Theorie und Kontemplation den wichtigsten . Platz im Räume der Seele. Daraus sei auch die jüdische Geschichtsbetrachtung zu erklären, die „das merkwürdigste System der Weltgeschichte" sei und die sich in den Etappen Schöpfung, Offenbarung, Tempelsturz und Ankunft des Messias erschöpfte. Zunächst erscheint mir die Bezeichnung „Theorie und Kontemplation" in diesem Zusammenhang durchaus abwegig. Theorie ist Anschauung, Betrachtung im Gegensatz zur Praxis des Lebens. Das Wesen des jüdischen Gesetzesstudiums besteht gerade darin, daß es „lischmoa w'laasot", immer im Hinblick auf das Leben und auf seine Anwendung im Leben gepflegt werden soll. Jedes neue Problem wurde unter dem Gesichtspunkt des Gesetzes betrachtet, wurde auf seine Vereinbarkeit mit dem Gesetz geprüft, und es wurde dadurch eine Wechselbeziehung zwischen Theorie und Praxis geschaffen, die einerseits die Theorie nicht zur unfruchtbaren Kontemplation erstarren ließ, andererseits das Leben immer unter die Kontrolle des Gesetzes stellte. Das Ziel dieses Gesetzes aber war die Forderung „Heilig sollt Ihr sein", und der Erreichung dieses Zieles dienten alle die großen und kleinen für den Fernstehenden manchmal kleinlich. erscheinenden Bestimmungen des Gesetzes, die das Leben in allen seinen mannigfachen Erscheinungen durchflochten. Diese Auffassung ist aber nicht erst vom Talmud erfunden worden; schon im Buch Josua heißt es ja von der Lehre: „Du solst darüber sinnen Tag und Nacht", und der Psalmist zählt zu den Eigenschaften des Gerechten auch, daß er „über die Tora nachsinnt Tag und Nacht". Das Leben, meint Wiener, wurde zu einem „Experimentierkabinett für die Anwendung des Gesetzes". Allerdings erschien dem gesetzestreuen Juden das Leben als ein Mittler zur Verwirklichung der Ideen der Tora, nicht als Selbstzweck; sonst hätte er auch nicht in einem beispiellosen Martyrium das Leben für diese Ideen geopfert. Aus dieser Verbindung zwischen Theorie und Praxis erwuchs unseren Vätern der unzerstörbare Lebenswille, die geistige Spannkraft, die sie vor Verödung und Versumpfung bewahrte und die