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Zion · 1934-02-01 · 2-3 (2.1934) · p. Seite 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
6 (1934)
Issue
2-3 (2.1934)
Date
1934-02-01
Page
Seite 21 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 2-3 ZION Seite 21 westliche Judenheit für Minoritätenforderung reif und bereit sein würde, das zu entscheiden, ist wohl der Zeitpunkt noch nicht da. Daß aber die Schaffung jüdischer Elementar- und höherer Schulen, auch in England, Amerika und anderen Ländern, mit jüdisch-kultureller Autonomie und jüdisch-volklicher Grundlage bald eine unabweisliche Notwendigkeit werden wird, davon sind auch wir überzeugt. Doch das ist wohl noch nicht das Schulideal, das Döblin vorschlägt. Wir kommen zum vierten entscheidenden Punkt der Döblinschen Forderung, den der r e - ligiösen Erneuerung, die uns hier am meisten angeht. Wir wollen es Döblin, dem radikalen Rationalisten des 20. Jahrhunderts, nicht groß anrechnen, daß er sich die Terminologie der „zeitgemäßen" protestantischen Theologen von dem Ungeist und der Untoleranz und der „Gesetzesreligion" der talmudischen „Pharisäer" im ganzen Buch restlos zu eigen macht. (Treuherzig versichert Döblin an einer Stelle: „Keinen Vorwurf gegen die Männer, wir stellen nur fest"!). Unter diesem Punkte; Erneuerung und Neudarstellung der Religion in ihrer Urform (der biblischen?) faßt Döblin im wesentlichen folgendes zusammen: „Oberster Leitsatz ist: Gott ist nur gnädig dem, der sich der rigorosen, absoluten Gerechtigkeit Gottes unterwirft. Ferner: Forderung absoluter Diesseitigkeit der Religion, mit Abweisung jedes Jenseits-, Messias- und Unsterblichkeitsglaubens, damit endlich die Unio mystica: Ich und die Welt, hergestellt werde (hier zeigt sich das materialistische Denken Döblins, das auch in seinen Romanen mit ihrer Anbetung der Maschine auftritt, hüllenlos). Weiter: Ausschluß jeder talmudischen Gesetzlichkeit und Ueberlieferungsform, kein historisches Festefeiern, Diesseitsfreudigkeit und Gerechtigkeitsglaube seien fortan alleinige Grundlage und wahres Panier der neuen Religiosität; der Glaube an einen ewigen, Gerechtigkeit heischenden Gott sei fürderhin der Leitstern jüdischen Denkens und Handelns, nicht aber Machtwille und Vergewaltigung schwächerer Völker (wie die Praxis der Westvölker es bis jetzt gelehrt hat). Man erstaunt und erschauert vor dem Wagemut dieser Gedankengänge eines jüdischen Schriftstellers in dieser Zeit! Döblin mag freireligiös, konsequenter Freigeist sein für sich, er mag einem Phantom von Menschheitsreiigion nachjagen und ihm dichterische Gestalt verleihen, das ist sein Privatrecht, bleibt ohne Konsequenzen. Aber dort, wo er in einer Programmschrift reale Forderungen für sein tausendfach gemartertes Judenvolk im Ringen um Schicksal und Erlösung aufstellt, —daß er bei den Entscheidungen im jüdischen Volke seine in allen Martern und Verfolgungen bestbewährte Waffe: die Väterreligion und Tradition rauben und radikal zerstören möchte, daß er sein Volk wurzellos und historisch traditionslos macnen möchte, es jeder geschichtlichen Kontinuität berauben will und dies als radikale Forderung und Voraussetzung für die bessere Zukunftsgestaltung des jüdischen Volkes postuliert —, das ist ein trauriger Mut um den wir den Autor nicht beneiden. Wie tief in seiner jeder Erfahrung spottenden materialistisch-territorialen Ideologie muß ein Mann befangen sein, der den jüdischen Massen, die seine Siedlungen bauen und bevölkern sollen, von vornherein jede positive Basis entzieht, ja diese als verderblich und jedem echten Leben feindselig hinstellt! Hier zeigt sich Döblin in seiner ganzen Volksfremdheit der jüdischen Seele, dem jüdischen Volksempfinden gegenüber, daß es uns vorkommt, als sei sein ganzes Programm in einem Wolkenkuckuksheim geschrieben. Glaubt Döblin denn, daß ihm zur Verwirklichung seiner territorialistischen Ideen auf dieser Grundlage auch nur eine einzige jüdische einflußreiche Persönlichkeit Hand und Hilfe reichen wird? Kommt es nicht einer Selbstvernichtung gleich, wenn man einem jüdischen Volke, den klassischen Trägern der Religion, den Untergrund seines Seins, jeden Rest des Glaubens an eine metaphysische Leitung seines Geschicksj an eine göttliche Führung durch seine zweitausendjährige leidensgetränkte Vergangenheit auslöschen will und ihm die letzten Stützen seiner Volkseigenart: Väter- und Unsterblichkeits-, Messiasglauben, Festesfreude, historisches Erleben usw. als irreführend, als Götzenglauben, in einem zukünftigen jüdischen Gemeinschaftswesen verbietet! Und wird ihm ein konsequent Ungläubiger seinen „Gott l) Lehrreich ist hier der Hinweis auf I. Zangwills des überzeugten Territorialisten, Schauspiel: „The next Religion", worin er einen jungen Idealisten, Gründer einer neuen rein materialistischen dogmenfreien Religion, auftreten läßt, der eine große Gemeinde und Anhängerschar gewinnt, zuletzt aber von der enttäuschten Menge seiner Neugläubigen verlassen und von einem blindwütigen Grobschmied in seiner neuen Kirche erschlagen wird. Schon vorher sieht er, von bitteren Schicksalsschlägen getroffen, ein, daß es ohne eine Herzensreligion, ohne den tröstenden Untergrund eines metaphysischen Glaubens an Gottesgnade im Leben nicht geht (s. meine Besprechung im „Jeschurun" X 1/2).

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