Mannheim
Compact Memory

Zion · 1934-02-01 · 2-3 (2.1934) · p. Seite 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
6 (1934)
Issue
2-3 (2.1934)
Date
1934-02-01
Page
Seite 20 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3133276-3139367-3139369--0881-3140394
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 20 ZION .'Nr. .-2*3 mus verweltlichen, es müssen noch ganz andere Heimstätten als Palästina für die Massen Polens, Rußlands, Rumäniens und anderer Länder geschaffen werden. Hier tritt Döblin nun endlich'. mit praktischen Forderungen auf, Döblin entpuppt sich als weitestgehender T e r i - torialist. Sein Grundsatz ist: „Wer nicht Macht in dieser Welt erwirbt, verdirbt!" Döblin will vier Kräfte der Entscheidung im Zionismus aktivieren: 1. Den Zionismus (Erez Jisrael). 2. Territorialismus oder Jiddischismus; Landerwerb in Angola, Peru, Australien, anderswo). 3. Jüdische Minoritätenrechte (überall in der Diaspora). 4. Innere Erneuerung der Religionsformen und der Staatsidee (für alle Länder und Juden). Zu allen diesen vier Punkten im einzelnen hier Stellung zu nehmen, erübrigt sich wohl und ist auch nicht unsere Aufgabe. Der Zionismus ist heute in einer so anerkannt gesicherten Position und hat seine Daseinsberechtigung und zureichende Lebensnotwendigkeit derart bis zur Evidenz bewiesen, daß er keine Kirtik zu scheuen hat. Daß der Zionismus (und mit ihm Herzl) auf die „Romantik" und die unauslöschliche Zions- Hebe des jüdischen Volkes gebaut hat, daß er auf diesen metaphysischen Gedanken bei seiner Erneuerung des jüdischen Volksbegriffs nicht Verzicht geleistet hat und der Versuchung des Territorialismus nicht erlegen ist ■— all dieses hat sich durch die Erfahrung der letzten Jahrzehnte als richtig erwiesen. Dieses Verhalten war nicht durch politische Erwägungen und aus taktisch-pfäffischen Gründen entsprungen, sondern aus tiefster Erkenntnis und Kenntnis der jüdischen Volksseele. Mit Recht daher feiert der Zionismus jetzt wohlverdiente Triumphe, der Territorialismus soll seine Werbekraft noch erst erweisen. Auch die Politik Herzls, „eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte" zu erstreben, d. h. sein Territorium unter völkerrechtlichem Schutz einer Mandatarmacht zu stellen, auch das hat sich bis jetzt als gut erwiesen. Und ob es allen jüdischen Notabein und jüdischen Staatsmännern zusammengenommen mit allem ihrem finanziellen und ideellen Einfluß gelingen wird, bei ihrem Hintritt vor das Forum der Völker (oder auch ohne sie), ein anderes Gebiet als das historische Palästina zu erlangen, mit kultureller, ökonomischer und (später) staatlicher Autonomie, mit staatlichem und politischem Selbstschutz, ob solche Massensiedlungen zu einem Staatenvolk mit politischen Machtmitteln und staatlichen Organisationen führen werden, ob die ungeheuren finanziellen Kräfte (Döblin denkt an zwangsweise erhobene Vermögensabgaben, Anleihen an reiche Volksgenossen usw., die man durch Cherem!, also doch unter Mithilfe des Klerus, zu diesen Leistungen zwingen würde!), ob man die zur Verwirklichung eines solch gigantischen Projekts nötigen Hilfsmittel mobilisieren könnte (I. Zangwills Feuerkraft ist an diesem Projekt gescheitert!) — dies mögen Politiker und Nationalökonomen beurteilen und entscheiden. Uns will es als eine Utopie von phantastischem Ausmaß dünken, wenn Döblin bei einem solchen Projektbau mit der Opferbereitschaft und Solidarität unserer jüdischen Notabein der Welt rechnet und ihre Herzensträgheit durch Zwangsmittel wie Cherem, großer und kleiner Bann usw. zu bekämpfen beabsichtigt. Doch alle diese Bedenken wird Döblin als nicht entscheidend bezeichnen: Es ist bekanntlich das Vorrecht des Dichters, die Utopie von heute für die Realität von morgen zu halten. Aber dem nüchternen Volksverstande will scheinen, daß eine religiöse Sehnsucht, eine Palästina-Idee, noch mehr Realität und Stoßkraft in sich birgt, für alle, auch die trägsten Herzen und Massen, mehr als der festeste Machtwille und die stärkste Frucht der besten Theoretiker. Doch mehr als-diese polemischen Punkte interessiert uns als Juden und Misrachisten der Punkt 3 und4 des Döblinschen Zukunftsprogramms:' Die Ermöglichung und Vorbereitung der jüdischen Minoritätenrechte und -pflichten in allen, auch den westlich'europäischen Ländern: die Erneuerung der Grundlagen der jüdischen Religion, auch in der Gola. Die Minoritätenrechte sollen nicht etwa unter dem Zeichen stehen: Alle Menschen werden Brüder; sondern die Juden sollen sich überall als Volk,' als nationalzusammengehörige -Masse fühlen und demgemäße Lebensformen annehmen, mit eigenen Schulen und Lehrplänen, ideell als Vorbereitung für ein neues Juda in einem fernen Lande (Angola, Peru, Australien), für eine außereuropäische Massensiedlung also; der Sinn der jüdischen Massen soll geweckt und entfaltet werden für einen Durchbruch zu einer Gesamtvolksbewegung mit dem Ziele einer politischen, ökonomischen, geistigreligiösen Neuordnung. Es soll in der Jugend der Gedanke der jüdischen Regeneration zu einer kämpferischen (unblutigen!) Solidarität, der Einheit im Kampf um die Existenz als Volk, als politisch - zusammengehöriges Gebilde großgezogen werden. Denn nur deshalb (so sagt Döblin mit Recht) hat die Emanzipation in ganz Europa versagt, weil Emanzipation „die politischgeregelte Berührung mit der Umweit, einem politischen Gebilde" sein kann, zwischen Gruppen von Menschen, die ihre Eigenart gegenseitig kennen und schätzen. Ob und wieweit die deutsche und überhaupt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.