Mannheim
Compact Memory

Zion · 1934-02-01 · 2-3 (2.1934) · p. Seite 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
6 (1934)
Issue
2-3 (2.1934)
Date
1934-02-01
Page
Seite 19 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3133276-3139367-3139369--0880-3140393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 2*3 Z I 0 N Seite 19 die Stiernackigkeit und Aufsässigkeit, die sie in biblischen Zeiten oft genug bewiesen haben, wieder erwecken, ihren unbändigen Freiheitssinn, die Heldengesinnung eines David, eines Simson, den Verzweiflüngsmut des Makkabäer-Geschlechts aufrühren, damit sie-kämpfen — gegen wen?, gegen was? Gegen ihr dumpfes Geschick, Spielball und Prügelknabe der Völker zu sein, immer andere über sich bestimmen zu lassen. Sie sollen heraus aus der Gnadenbrotstellung unter den Völkern, aus der rachitischen Kellerexistenz, in der sie noch heute in vielen Ländern leben (wir lassen den Autor sprechen), heraus aus der theologisch-ritualen Kultform, ins freie, aktive Leben, heraus aus der Vermuffung und Erschlaffung des Gebetsvolkes, das sich seinen Gott als untätigen Greisen vorstellt, der nur verzeihen und Gnade üben kann, aber nicht zornig im Wetter dreinfährt. Was ist aus diesem Kämpfervolk geworden! Eine Familiensippschaft; man lebt und vermehrt sich; doch nicht werden die Arme und Muskeln gestählt, das Ghetto hat sie gebrochen, es erwächst kein großer Staatsgedanke, kein Staatsmann, keine Führergröße. Das ewig wiederholte Wort:- „Im nächsten Jahr in Jerusalem", ist zur toten Formel geworden; doch kein lebenserweckende Gedanke steckt dahinter! Das Zeremonial- und Sittengesetz beherrscht Gedanken und Willen, Muskel- und Willenslähmung tritt ein, man weicht aus dem Schlachtfeld der Völker und Staaten, Friedenssehnsucht und mystischer Messiasglaube sind allbeherrschend, das Priestertum, der Ritus, das Beten bestimmen hier Tun und Denken, und ihre ruhmreichen Kriegergestalten werden zu Schatten- und Erinnerungsbildern, werden zu leidenden Gottesgestalten umgedeutet. Wohin ist die heroische Lebensform entschwunden? Was ist die Ursache dieses verewigten Zusammenbruchs, dieser verzweifelten Selbstpreisgabe? Wer hat schuld an diesem Volksverrat? Drei Ursachen findet Döblin für diese Willenslähmung eines geschichtlichen Volkes: 1. Die Theokratie des alten Staats mit ihrem kirchlichen Ueberzeremoniell. 2. Die Vorherschaft (im Exil) der Besitzenden, der Handelsherren und Grundbesitzer; diese waren es immer (schon zur Zeit Esras), die nicht zurückkehren wollten, die die Staatsidee verwässerten und aufgaben, die das Volk ans Dulden und Beten gewöhnten. So wird aus dem lebensvollen, diesseitsstarken stolzen Judenglauben ein blinder Gehorsam, ein Absonderungs-, Pietäts-, Ahnenkultus, voller Jenseitsvorstellungen und eschatologischer Zukunftsphantasien. Daher 3. Ihr mangelnder Sinn für Realität, für Freiheit und Männerwürde, daher ihre Selbsterniedrigung; sie leben im Zeichen der Verkümmerung und Verelendung. „Wenn man so lebt, soll man sich nicht Gottesvolk nennen"! (S. 39). Das ist kein Volk Gottes, der seine Anbeter zu Ebenbildern seiner selbst schaffen wollte! Auf Chmelnicky-Blutbäder antworten sie mit Fasttagen, mit Psalmenhersagen! Aber wo bleibt die Ta t, der Zorn, die Wut über die Schmach, was tun ihre sog. Führer anderes als Fürbitte leisten? Und so war es zu allen Zeiten! Warum treten sie nicht hin die Führer in Geist und Aemtern und protestieren gegen diese schmachtvolle Behandlung, wo ist die Forderung an die Völker, deren Güter sie gemehrt, deren Pioniere der Kultur sie gewesen? Mit majestätischem Zorne erhebt Döblin seine Dichterstimme: Sie beteten und weinten, aber: „Sie weinten falsch! Sie weinten ohne Zorn und Bitterkeit, sie weinten aus Wahn und Schwäche! Nein, laßt uns richtig weinen"! Von den Augen muß es in die Schultern und Arme sich bewegen, und diese müssen zugreifen, handeln, aufbauen, sie sollen ihr Geschick selbst in die Hände nehmen (S. 42/43), den Kämpferwillen stählen, Feuer in die Ader gießen! Das elementare Gefühl muß erweckt werden: „Meine Erde, mein Land! Für meine Kinder, meine Brüder!" Aus diesem Grundgefühl erwächst: Freiheitsgefühl, Bautrieb, Verantwortlichkeit, Volksverbundenheit. Dies ist echter Makkabäergeist! — Dies sind wirklich prachtvolle Worte eines Dichters und Denkers, die auch wir mit einigen starken Abstrichen unterschreiben können. Aber wir sehen allmählich, wie aus dem anklägerischen Kritiker von Klerus und Talmudverengerung (Meinung des Dichters!), aus dem dithyrambischen Künder einer Neugeburt seines Volkes ein scharfer Kritiker des Zionismus wird. Der Zionismus und Palästina ist für Döblin nur eine Etappe, ein Anlauf gewesen zum größeren Ziele. Die mystische Liebe zum heiligen Lande, das kaum eine Million von den siebzehn Millionen seiner Kinder fassen kann, hat den Zionismus zur Beschränkung, zur Einseitigkeit verurteilt und ist nicht ausdehnungsfähig. Döblins Urteil lautet: „Da gibt es einen Ansatz zu einer nationalen Heimstätte, auf Herzls Initiative, mit (viel) Enthusiasmus, aber wenig Realitätssinn und als Kompromiß an die Pfaffen und ihren Anhang in Palästina entstanden." (S. 49). Diese Beurteilung des Zionismus ist ebenso lieblos wie unrichtig, sie verkennt völlig die echte Zionsliebe und die kulturellen Hochziele des Zionismus. Aber hören wir Döblin weiter. Döblin will die Ziele des Zionis-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.