Mannheim
Compact Memory

Zion · 1934-01-01 · 1 (1.1934) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
6 (1934)
Issue
1 (1.1934)
Date
1934-01-01
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3133276-3139367-3139368--0863-3140375
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 1 Z I O N Seite 7 Weil dies so ist, geht die Frage nach der religiösen Zulässigkeit der einen oder anderen Form von falschen Voraussetzungen aus: es gibt eben keine soziale Form, die religiös unzulässig wäre; sowohl die Sklaverei als auch der Kommunismus sind als soziale Formen religiös wohl zulässig. Aber es gibt in jeder sozialen Form Entscheidungen, die vom Standpunkt der (jüdischen) Religion zu verwerfen sind. Man kann wohl verallgemeinernd sagen: Religion tritt in die Sphäre des menschlichen Zusammenlebens nicht mit einem absoluten Anspruch auf. Weder soziale noch politische Formen sind eindeutig religiös bestimmt, weil es keine solchen Formen gibt, die für alle Zeiten und unter allen Umständen gültig sein können. Die Frage nach der für uns notwendigen sozialen Form, die Frage z. B. ob Kwuza oder Moschaw, ist deshalb im Grunde keine Frage nach der richtigen oder gar der einzig möglichen sozialen Form, sondern vielleicht die Frage nach der Form, die es ermöglicht, mit der besten Aussicht auf Erfolg den kapitalistischen Menschen zum sozialistischen zu erziehen. Die Scheidung Kwuza — Moschaw scheint mir deshalb für uns eine andere Bedeutung zu haben als für die allgemeine Arbeiterschaft; richtig verstanden müßte aus dem Gegensatz der verschiedenen Lösungen, die als absolute Lösungenbegriffen einander ausschließen, ein brüderlicher Wettstreit zum gleichen Ziele werden. Beide Formen sind berechtigt und notwendig vom oben skizizerten Standpunkte aus, insofern sie die verschiedenen Menschen auf verschiedenen Wegen zum Sozialismus erziehen wollen. Vielleicht könnte sogar durcli diese, durch die Tora vermittelte andersartige Auffassung eine gegenseitige Befruchtung und Weiterentwicklung der beiden Formen erwachsen. Wir versuchten oben zu zeigen, wie aus der von uns akzeptierten Haltung des revolutionärreligiösen Menschen eine Um- und Neugestaltung des Traditionsgutes erwächst. Noch einen entscheidenden Impuls zu dieser Neugestaltung müssen wir erfahren, aus dem Gegensatz zwischen dieser Haltung und der der vorhergehenden Generation. Niemals kann der religiös-revolutionär Eingestellte den Lebensstil des religiös-konservativen übernehmen. (Nebenbei: die Umstellung vom Galutdasein auf ein Leben unter den prinzipiell anderen Umständen in Erez Jisrael allein würde schon einen wesentlichen Unterschied erzwingen.) Wir sind so vor die Möglichkeit gestellt, wenn wir überhaupt unser Dasein religiös gestalten wollen, uns vom Grund auf einen neuen Lebensstil zu schaffen, der unserem andersartigen Sein entspricht. Wohl können wir die Elemente der Vergangenheit übernehmen. Aber aus der verschiedenen Akzentuierung ergibt sich eine andere Betonung, aus der neuen Ordnung erwächst eine neue Wertung der Mizwot. Diese neue Wertung wird überall zu einer Umgestaltung des Daseins führen. Ihren Kristallisationspunkt wird sie haben in der Art wie man den Ort des religiösen Menschen definieren wird. Wenn wir hierüber heute etwas aussagen wollen, so vielleicht das, daß das con iSin p-ix' Syisi wieder ebenso sehr oder noch stärker zur Kennzeichnung des religiösen Menschen notwendig sein wird wie heute. Im einzelnen aufzuzeigen, wie wir unser Dasein gestalten werden, welchjen Gebieten wir besonderes Augenmerk zuwenden werden, kann nicht mehr Aufgabe dieser Auseinandersetzung sein. Dies muß einer besonderen Behandlung vorbehalten bleiben. (wird fortgesetzt.) Anmerkungen zum Tage. In verschiedenen Großstädten Deutschlands haben sich die Gemeinden nunmehr energisch der Kulturarbeit zugewandt. Vorträge, musikalische Darbietungen, Gemeindeabende finden statt. Nicht nur aus Ersparnisgründen werden für diese Gemeindeabende Orgelsynagogen benutzt. Man sagt, die Erhabenheit dieser sonst nicht zu oft in Anspruch genommenen Gebäude würde den geeigneten, belebenden Rahmen für die kulturellen Veranstaltungen der Gemeinde abgeben. Das Verhalten der Mehrheit der gesetzestreuen Juden, die den Besuch eines Vortrages, geschweige denn des Gottesdienstes in einer Orgelsynagoge ablehnen, wird heftig befehdet. Dieses Verhalten zerstöre die heute so notwendige Einheit, sagen die einen. Die anderen sprechen von der Intoleranz der Orthodoxie. Sind diese Vorwürfe gerechtfertigt? Als vor über hundert Jahren die ersten Orgelsynagogen errichtet wurden, waren sie nicht zuletzt Ausdruck der Assimilation an die gottesdienstlichen Formen der Kirche, und der gesunde Sinn der jüdischen Führer und Massen lehnte dieses Assimilationsprodukt ab. (Man vergleiche zu dem ganzen Fragenkomplex die Responssammlung „Ele diwre habrit".) Aus einein Grunde aber noch verfiel die Richtung des liberalen und reformerischen Judentums der Ablehnung. Religion bleibt zunächst Wort und bekommt seinen Inhalt durch Gefühl, Gedanken und Tat,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.