Mannheim
Compact Memory

Zion · 1934-01-01 · 1 (1.1934) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
6 (1934)
Issue
1 (1.1934)
Date
1934-01-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3133276-3139367-3139368--0862-3140374
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 ZION Nr. 1 tretende Fragen, sondern weil es „wohlgefällig" ist und von der Vertiefung in die Lehre zeugt. Seine Intoleranz ist nicht mehr die Intoleranz der Fülle, sondern die des Mangels. Anders ist die Haltung des religiös-revolutionären Menschen. Ihm ist religiöses Dasein etwas Dynamisches, etwas, das immer wieder neu errungen werden muß. Ihm ist oberstes Bedürfnis Befreiung des Ganzen als Ganzes. Jeder Teil ist ihm nur ein Teil eines Ganzen und erfüllt seine Aufgabe, hat seine Bedeutung nur als dieser Teil und er wertet ihn in diesem seinen Verhältnis zum Ganzen. Er muß jeden Teil beleben und durchdirngen. Wenn bei dem Konservativ-Religiösen aus dem nnoroa nSp rnxoa Tm mn ein mn a»no geworden ist, so wird er durchaus auf dem tmt mn mit grosser Hartnäckigkeit bestehen, und diesen Satz, der Verantwortlichkeit des Menschen bedeutet, niemals in ein Werturteil über die Dinge umbiegen lassen. Er muß anders als der Konservativ-Religiöse, das ganze Dasein, wie es ihm entgegentritt mit der Religion in Beziehung setzen und ihm ist die Frage nach der Bewährung des Religiösen in diesem (einmaligen) Dasein unvermeidlich und eine Antwort auf diese Frage notwendig. Erst wenn ihm Antwort gegeben ist, wird er sein religiöses Dasein leben können. Nicht das Erhalten jeden Teils, so wie er ihm überliefert wurde, ist ihm das Entscheidende, sondern die Gestaltung des ganzen Daseins vom Religiösen her. Nicht, daß ein Teil verlorengeht, daß Gebiete des Lebens vom Religiösen unberührt bleiben, gefährdet sein Dasein. Seine Gefahr aber liegt darin, daß er die Teile über dem Ganzen vergißt, daß er die Frage nach dem Wert jeden Teils absolut, nicht in seiner Beziehung zum Ganzen stellt. Da er dazu verführt wird, Lösungen seiner Probleme zu akzeptieren, die nicht in der Auseinandersetzung mit dem Religiösen gefunden wurden nur deshalb, weil sie Lösungen sind oder zu sein scheinen. Weil wir nun als religiöse Menschen eine Antwort auf das Problem unserer Zeit, das soziale Problem verlangen, ist unsere religiöse Haltung die des revolutionär-religiösen Menschen. Unser religiöses Dasein, unser konkretes einmaliges religiöses Dasein, schließt also den Versuch einer Lösung des sozialen Problems ein. Dabei sei von vornherein Verwahrung dagegen eingelegt, dies bedeute etwa die religiöse Kodifizierung von bestimmten Lösungen des sozialen Problems. Etwas derartiges ist prinzipiell unmöglich, wie wir später noch zeigen werden. Wohl aber bedeutet das, daß diese Lösungsversuche Einfluß und sehr wesentlichen Einfluß auf die Gestaltung des Traditionsgutes gewinnen müssen, im Sinne einer Um- und Neugestaltung. Diese Um- und Neugestaltung des Traditionsgutes ist die letzte entscheidende Konsequenz aus unserer neuen Haltung im Sozialen. Wir wenden uns um, und nun müssen wir, indem wir die eigentliche. Frage des religiösen Sozialismus fragen und dann auf unseren konkreten Fall anwenden, fragen: Was hat die Religion und die uns tradierte Religion zur Lösung des sozialen Problems zu sagen? Das soziale Moment ist in der Auffassung des i eligiösen Sozialismus im Religiösen eingebettet und dieses muß deshalb entscheidend die soziale Haltung des von ihm bestimmten Menschen beeinflussen. Der Sozialismus des religiösen Sozialisten ist teleologisch bestimmt. Er will sozusagen die erfüllen, die er in der kapita-virnS m* mso listischen Welt für unerfüllbar hält. Aber weil dieser Sozialismus Bestandteil eines theologischen Systems ist, ist seine volle Verwirklichung aus der menschlichen Sphäre gerückt. Dadurch wird die Beurteilung der Versuche zu einer Verwirklichung eine entscheidend andere als etwa beim Marxismus. Während dort nur ein Weg denkbar ist, der zum Ziele führt, etwa deshalb, weil man zum Ziele gelangen kann, wird hier mancher Weg anerkannt werden können, weil kein Weg bis zum Ziele führt, und die Möglichkeit der mehr oder minder großen Annäherung sehr weit in die Hand des Menschen gegeben ist. Der Marxist muß deshalb jeden, der auch nur einen Fuß breit von dem als richtig erkannten Wege abweicht aufs schärfste verfolgen und verketzern: er gefährdet ja die Erlösung; während der religiöse Sozialist auf vielen Straßen marschieren darf, wenn er nur nicht das Ziel aus dem Auge verliert. (Wenn sein Sozialismus den Platz einnimmt, den ihm das Religiöse als ordnendes Prinzip anweist.) Die Sicherheit seines Weges gewinnt er nicht aus der Negation von anderen Möglichkeiten, sondern aus der Erkenntnis, daß der eingeschlagene Weg ihm adäquat ist. Die Tora, aus der ja ein eminent sozialer Geist spricht, insofern, als der Grundgedanke der sozialen Gesetzgebung, der zu sein scheint, keine zu großen Unterschiede zwischen den Gliedern der Gesellschaft entstehen zu lassen, hm .nsatr nenpS yo ni-rro ,n an hdk — scheint aber noch ein Weiteres auszudrücken: Hinter dieser sozialen Gesetzgebung scheint sich eine tiefe Skepsis zu verbergen gegenüber der Möglichkeit, überhaupt eine allgemeingültige Lösungder sozialen Fragen zu finden, die Aussicht auf Dauer hat

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.