Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 6 (1934)
- Issue
- 1 (1.1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 ZION Seite 5 dition zur Frage: Wie können wir als religiöse Sozialisten unsere Anschauung in diesem Rahmen verwirklichen? ■ Wir müssen versuchen, uns über das Problem der religiösen Verwirklichung des Ineinklangbringens der überzeitlichen Religion mit der einmaligen Situation einer Zeit klar zu werden. Die Religion bringt an den Menschen gewisse Anschauungen und Formen heran mit der Forderung, diese als unbedingte Gegebenheiten anzuerkennen. Und dieser Mensch muß sich, als seiner Zeit und seiner Umgebung verhaftetes Individuum, damit auseinandersetzen. Religiöses Dasein muß deshalb in irgendeiner Weise Auseinandersetzung mit dem Problem der Zeit einschließen, — wobei allerdings die Lösungen, zum mindesten theoretisch, von vollkommener Ablehnung der Zeit bis zu einer vollkommenen Ablehnung der* Religion denkbar sind. Jedenfalls aber erkennen wir, daß unsere Frage eine legitim religiöse Frage ist, daß die Konfrontation der Religion mit den Problemen der Zeit Voraussetzung jeder religiösen Verwirklichung ist. Von dieser so gewonnenen Plattform aus können wir unseren Standpunkt — Einbeziehung der sozialen Frage als Problem unserer Zeit in unser religiöses Dasein — gegenüber dem religiösen Standpunkt der vorigen Generation verteidigen, die behauptete, daß nur eine solche Lösung vom Standpunkte der Religion und zumal der jüdischen aus akzeptabel sei, die jede Einbeziehung der Zeitprobleme in das religiöse Dasein ablehne. (Nebenbei: die Anschauung S. R. Hirschs sucht nur scheinbar eine Lösung der Zeitprobleme im Rahmen des religiösen Daseins. In Wirklichkeit sucht sie nur die Möglichkeit eines soweit als möglich reibungslosen Nebeneinanders.) Wir sind der Meniung, daß für uns eine Lösung nur denkbar ist, die lautet: Religiöses Dasein kann nur verwirklicht werden, wenn der Versuch unternommen wird, in diesem religiösen Dasein die soziale Frage zu lösen. Versuchen wir, diese beiden diametral entgegengesetzten Lösungen zu analysieren und hieraus weitere Einsichten für unsere Problerne zu gewinnen. Es gibt ohne Zweifel verschiedene Arten, religiöses Dasein zu leben. Es gibt Menschen, die in ihrer religiösen Haltung einem Kelch vergleichbar sind, der den Wein aufnimmt und ihn aufbewahrt, und es gibt Menschen, die wie ein Eroberer in fremdes Land kommen und indem sie es erobern, von ihm überwältgit und von ihm umgestaltet werden. Wir erinnern uns an die religiösen Heroen unserer Geschichte und erkennen noch manchen Weg, den der religiöse Mensch gehen kann. Wir erinnern uns auch an den klassischen Aufsatz von Achad Haam: Konen w'Nawi, der seine Einsichten ja auch aus dem wesentlich religiös bestimmten Dasein geschichtlicher Figuren der jüdischen Geschichte gewinnt, wenn er sie auch in der Anwendung erweitert. Die religiöse Haltung der letzten Generation und die unsrige können wir vielleicht am treffendsten gegeneinander abgrenzen als konservative und revolutionäre Religiosität. Versuchen wir, diese Begriffe näher zu erläutern. Der konservativ-religiöse Mensch sieht die Aufgabe des religösen Daseins im Aufnehmen der religiösen Werte und im Bewahren der religiösen Formen. Indem er diese Aufgabe, die ihm eben die religiöse Aufgabe schlechthin ist, erfüllt, wird er die religiösen Dinge hegen und pflegen, er wird sie abgrenzen von den Dingen des Alltags und sie umzäunen, damit auch nicht das unscheinbarste Teilchen der— lyao» yaoo n'oan verloren gehe. Denn bei diesem Verhältnis, zur Religion wird jeder Teil gleichsam zum Stellvertreter des Ganzen, es kann kein Abwägen der einzelnen Teile gegeneinander geben. Die Ueberlieferung, die Weitergabe ist das Kennzeichen dieser Haltung. Der Mensch, der solcher Art das Religiöse erfaßt, wird kein Bedürfnis danach empfinden, die Frage nach der Bewährung der Religion in der Zeit zu stellen: Religion ist ihm „das Bestehende", das die Zeiten Ueberdauernde. Oberstes Gesetz ihm gegenüber ist deshalb, es unversehrt durch die Zeiten zu tragen; entscheidend wird, daß diese Unversehrtheit, die nun zur Unversehrbarkeit wird, selbst als Fiktion bewahrt bleibt, der kleinste Stein, der aus diesem Bau gebrochen wird, bringt den ganzen Bau zum Wanken. Der konservativ-religiöse Mensch wird und darf intolerant sein. % Der so lebende religiöse Mensch — er ist im wahren Sinne des Wortes „ein religiöser Mensch" — kommt aber leicht in die Gefahr, den Blick für das Ganze zu verlieren. Da jede Berührung mit dem Leben außerhalb seiner Gemeinschaft Gefahr bedeutet, ist es ihm nicht Bedürfnis, die immer sich erneuernden Fragen der „anderen Welt" zu lösen; er wird die ihm vorgezeichnete Lösung im Ueberlieferten suchen und finden, und seine Mühe besteht nur noch in diesem Auffinden. Er wird Zäune um seine Lehre bauen, nur nicht mehr um sie zu bewahren, sondern weil ihm das Umzäunen selbst zur Aufgabe geworden ist. Er wird neue Vorschriften finden, nun nicht mehr als Antwort auf an ihn heran-