Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 6 (1934)
- Issue
- 1 (1.1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Z I O N Nr. 1 halten. Sie brauchen sich nur anzumelden und haben in einer Stunde einen anderen Autobus.'' Das Publikum hört interessiert zu, einige lächeln, niemand mischt sich ein, und nach etwa fünf Minuten ist der militante neue Mitbürger überzeugt und verläßt seinen Platz. Der Wagen geht mit 5 Minuten Verspätung ab. Mustergültig die Ruhe und Konzilianz und Sicherheit, mit der die Zivilbeamten ihre Arbeit durchgeführt haben. Auch nach Abfahrt des Wagens verlieren die Insassen kein Wort über den Vorfall. Ist das symptomatisch für die neue Stadt und vielleicht für das ganze Leben im neuen Jischuw? Man sucht, miteinander fertig zu werden in Frieden und in Freundlichkeit und man erzieht sich gegenseitig zu Geduld und Duldsamkeit. Die neue Stadt wie das ganze jüdische Land hat einen Lebensstil. Alles, was jüdisch ist, kann sich in Freiheit ungestört betätigen. Nicht nur in der großen Synagoge an der belebtesten Straße wird der Gottesdienst abgehalten, denn dazu sind die Räumlichkeiten trotz ihrer respektablen Ausmaße zu klein, auch in dem zwischen Synagoge und Straße liegenden offenen Hof wird gedawent. Die ganze Straße hört mit zu, und mancher Vorübergehende tritt schnell in den Hof, um eine Keduscha mitzusagen und sofort seinen Weg wieder fortzusetzen. Juden leben ihr Judentum auf der Straße, und nicht nur in Jeruschlajim sieht man am Schabbatmorgen Männer in den Tallis gehüllt ihren Weg zum Bethaus gehen. Die hoch oben auf öffentlichen Gebäuden über die ganze Stadt hin leuchtende Chanukka-Menora hat schon Schule gemacht, in manchen Kolonien leuchtet sie ebenso hell und freudig zum Zeichen, daß die Gesamtheit ein Fest feiert, weil Entweihtes wieder Weihe bekommen hat. * Das Theater, eine ganz große Angelegenheit der jüdischen Oeffentlichkeit. Erhebung und Erziehung zugleich. Ist es Zufall, daß das Stück, das ich in Europa einmal unter dem Titel „Zweihunderttausend" spielen sah, weil der Held in einer Lotterie 200 000 Mark gewonnen hatte, hier im Hebräischen den Titel „Amcha" führt, weil derselbe Held halb als stereotype Redensart, halb als bewußte Lebensmaxime die Worte im Munde führt: „Bne Jisrael — Amcha" Seit ich dieses Stück auf Tel Awiws primitiver Bühne gehört habe, unterdrücke ich manchen kleinen Aerger über einen Juden — in dem Gedanken: „Bne Jisrael — Amcha". Vielleicht hatte auch der Chauffeur jenes Autoomnibusses dasselbe gedacht? Volkserziehung! Und was für ein Spiel vor diesem Arbeiterpublikurq in dem einfachen Saal! Vor Königen pflegte man in den Metropolen der großen Welt in solcher Vollendung zu spielen, aber nicht in einer Provinzstadt von 70000 Einwohnern. Oder sind das etwa die neuen Könige? In ihrer Haltung haben viele dieser Arbeiter jedenfalls etwas durchaus Adliges, absolut Freies, Unabhängiges, und wenn sie abends ins Theater gehen, sieht man ihnen nicht an, daß sie sich ihre täglichen 3—4 Mark -durch Schleppen von Zuckersäcken oder durch Chausseearbeiten erarbeitet haben. Oder gar am Schabbat, wenn sie zu Hunderten, jeder mit „seiner Chäwera" zum Seestrand schlendern, oder zum Oneg-Schabbat sich in Schlangen anstellen in solchen Mengen, daß nur die Hälfte von ihnen Einlaß in den großen Saal bekommen kann. Das ist ein neuer, in Europa noch nicht bekannter Arbeiterschlag, der hart zu arbeiten, aber auch froh zu feiern versteht, der arbeitet, um des Hochgenusses der Arbeit willen, und der feiert, weil nicht von Brot allein der Mensch leben kann. Ueberhaupt der Schabbat! Er verkörpert den neuen Lebensstil. Jeder Omnibus führt eine Tafel, auf der bekanntgegeben wird, zu welcher Minute am kommenden Freitag der Betrieb stillgelegt wird. Und eine halbe Stunde vor Schabbatanfang gehen Beamte der Stadt mit einer Tompete durch die Straßen und Fanfaren verkünden: der Schabbat naht, der Werktag geht zu Ende, die Ruhe des Feiertags tritt in ihr Recht. Und die lebhafte, hastende Stadt verändert im Laufe einer halben Stunde ihr Angesicht fast zur Unkenntlichkeit. Kein Wagenverkehr mehr, kein Geschäft mehr geöffnet, die Polizisten' verlassen den Verkehrsposten, kein Schuhputzer, kein Zeitungsverkäufer mehr auf der Straße, kein Bau mehr belebt von Arbeitern. Die Straßen leeren sich, in den Häusern geht die große Umstellung des Arbeitsmenschen auf den Feiertagsmenschen vor sich. Gesang und Gebet schallen aus den stets geöffneten Türen der Gotteshäuser. Eine Stunde später beleben sich die Straßen wieder, und Hunderte, Tausende von jungen Menschen, ledig der Beschwerden und Mühen des Alltags, in weißen Blusen, in farbigen Kleidern und mit Feiertagsstimmung füllen und beleben die Straßen aufs neue. Die Restaurants sind sicher noch ein Problem, sie sind geöffnet, und die jungen Menschen, die sich im Laufe der Woche sicher nicht alle den Luxus eines mehrgängigen Menüs leisten können, nehmen in heiterer Stimmung ihre Schabbat- Mahlzeit ein. Vielleicht wird auch dies Problem einmal einer besseren Lösung zugeführt — nichts ist unmöglich in dieser Stadt. Es ist keine Sei-