Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 5 (1933)
- Issue
- 11-12 (12.1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- Seite 107 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1M2 ZION Seite 107 Denn 1. ist das Motiv seiner Kritik ein religiöses. Nicht Kritik um der Wissenschaft, sondern um der talmudischen Autorität willen, die durch die Nebel der Pilpulistik verdunkelt schien; 2. ist die Methode seiner Kritik nicht die vom heutigen Standort aus sichtende und richtende der modernen Literarkritik, sondern die traditionsgebundene. (Vgl. zu diesem Gegensatz als Methodenproblem die Stellung Bachofens.) Er vereinigt die Vorzüge der traditionalistisch bedingten Besonnenheit mit dem Wahrheitsethos der „Wissenschaft". Das uitt'l< ktii ru- Angeschlossensein an die Vergangenheit wandelt sich bei ihm zur bewußten Rückwendung in der Geschichte, die er nicht statisch, sondern dynamisch, phasenhaft gegliedert, als Geschichte also sieht. Diese Haltung ist keineswegs durch äußere Einflüsse zu ^erklären". Der Gaon lebt — wörtlich und symbolisch — in einer absoluten, nur durch den Kampf gegen den Chassidismus zeitweilig unterbrochenen Weltabgeschiedenheit. Anders als etwa bei S. R. Hirsch ist hier alles aus innen her gewachsen. Er zeigt das Phänomen einer aus den autochthonen Bedingungen jüdischen Geistes selbst hervorkeimenden „modernen", d. h. historisch-kritischen, dabei aber einsichtig umgrenzten wissenschaftlichen Haltung. 2. Der Chassidismus. (Der Baal Schern To w.) Die jüdische Geschichtsschreibung steht dem Chassidismus geteilt gegenüber. (Jost, Grätz- Dubno.w, Horodetzki-Buber, Kastein.) Uns interessiert seine Funktion innerhalb des traditionsbestimmten Judentums als einer auch den Chassidismus umgreifenden Gestalt. Von hier aus gesehen, auch die Frage nach seiner Heutigkeit. Der soziologische und geistesgeschichtliche Hintergrund ist nicht wegzudenken von der Möglichkeit des Chassidismus. Die Bewegung ist hervorgewachsen 1. aus der sozialen und wirtschaftlichen Pein des östlichen Judentums im 18. Jahrhundert (Haidamaken, Blutlüge), die bereits unmittelbar vor dem Chassidismus eine auslösende Funktion in der Richtung einer religiösen Askese bedeutete. (Jehuda Chassid aus Sjedlce und Chewra Chassidim; die Baale Schern.) 2. Aus der kabbalistischen Tradition und der mystischen Durchsetztheit des Denkens. Der Baal Schern Tow gestaltet beide Gegebenheiten: An die Stelle der Askese setzt er die Lebensfreude. Die unendliche Minuskurve taucht im unendlichen Plus auf. — Aus der lurjanischen Kabbalah formt er eine populäre Glaubens- und Gebetsmystik. Aus der chass. Lehre (in deren Zentrum bekanntlich das mystische Bewußtsein von der Gotterfülltheit aller Kreatur steht) seien als formal-charakteristische herausgehoben: 1. Der Zaddikismus. — Er ist die Synthese dreier Elemente : des biblisch-talmudischen „Z ä d d i k s" (Noach, Abraham u.s. f.); der Newiut und der Kehunah gedolah. Eine Analyse seiner Begriffskomposition legitimiert also den chassidischen Zaddikismus als durchaus jüdischer Abkunft. Seine Uebersteigerung jedoch (Unfehlbarkeitsanspruch u. a.) ist nicht mehr der Struktur der jüd. Theologie, die selbst die Ganzheit des Sanhedrin der Irrtumsmöglichkeit unterworfen sein läßt, adäquat. 2. Mit dem Zaddikismus im Zusammenhang steht die neue Form des Lehrer-Schüler - Verhältnisses, das nunmehr zu einer Meister-Jünger -Beziehung wird. Der Meister an sich wird zur Offenbarungsquelle. Man vergleiche dagegen etwa die Beziehung Moscheh-Israel. Auch hier also eine Sprengung des jüdischen Begriffsgefüges. 2. Anderseits steht der Chass. praktisch durchaus auf talmudisch-halachischem Boden. Seine „Reformen" sind peripher und inner halachisch. (oefard Siddur etc.) 4. Die Toleranz des „Beseht*' gegenüber halach. Verfehlungen bedeutet keine theologische Rechtfertigung, sondern die wertvolle Haltung des menschlichen Verstehens und der Liebe. („Melamed Sechut".) Sie bedeutet aber 5. auch das Nachdrucklegen auf das Erste und Wesentliche: die innere Beziehung zu Gott. Hier erreicht der Chass. seine tiefste und fundamentalste Sinnschicht. In allen seinen Verzweigungen (Baal Schern, Gr. Maggid Chabad Bratzlaw) ist dieses eine identisch: der motorische Drang zum „Innern". Das äußere religiöse Leben wird damit neu fundiert. Die Mizwot erfahren eine neue Sinngebung. Die Thora bis zum Talmud herauf wird neu allegorisiert. Ueber allem das beherrschende Prinzip der Verinnerlichung, das auf einem ganz anderen Felde, dem der naturwissenschaftlichen Erkenntnis in der Gegenwart von Edgar Dacque als die „Innenschau" der Dinge im Gegensatz zur mechanistischen Betrachtungsweise charakterisiert worden ist. Das ist die „moderne" Sicht des Chassidismus. Kein Außen ohne sein Innen. Er widerlegt nicht, sondern ergänzt die These des Rabbinismus: Kein Innen ohne sein Außen. — Die Jugend Erez Jisraels hat vom Chassidismus bereits gewisse Formkräfte der Ekstasis übernommen. (Oneg Schabbath, Tanz.) Keinesfalls darf ihr der Ausdruck, der Zeuge der Innerlichkeit, genügen. Der „äußere" Komplex, der verinnerlicht werden soll, muß ebenso da sein. — Das Gleiche gilt von der Wissenschaft des Judentums. Auch