Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 5 (1933)
- Issue
- 11-12 (12.1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- Seite 106 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seile 106 Z 1 0 N Nr. 11*12 Wer mit Rabbi M. M. Epstein zusammengekommen war, fühlte sofort, daß er vor einer jüdischen Persönlichkeit stand, die die Vornehmheit und Aniwuth wahrer jüdischer Geistesheroen in sich vereinigte. Von sympathischem Aeußeren wirkte er durch seine sanfte Rede n'Dan nn VJ?Dt?3 rnaa im Sinne des Ausspruches unserer Weisen (Jebamoth) zu 'n ru* rorwi die nur zur Steigerung der rronn mrm beitragen konnte. Sein Andenken ehren, heißt, Thora in jener Art verbreiten, die Liebe zu ihr und zu ihrem Geiste wecken muß. IV. Ein Großer in Jisrael, ein Führer in der Welt der Chassidim war der Czoitkower Rebbe. Als Sproß" der berühmten Rabbejim-Dynastie der Friedmanns, als Enkel des Gründers dieser Dynastie, des Ryziner Rebben, wirkte der Czortkower Rebbe bis zum Kriegsausbruch in seiner Vaterstadt Czortkow. Die Vornehmheit seines Wesens, seine gediegene Thoragelehrsamkeit, seine sprichwörtliche Sk-icm ron« , seine Klugheit, seine unendliche Güte und äußerste Bescheidenheit machten ihn von Jugend auf zum väterlichen Berater, zum geistigen Führer, zum geachteten und zugleich geliebten Rebben einer großen Zahl von Chassidim. Wer zu ihm kam, fuhr erleichtert und ermutigt nach Hause. Er litt nicht nur die Leiden seiner Anhänger, die sie ihm klagten, sondern die Leiden des ganzen jüdischen Volkes. Er interessierte sich für alles Geschehen in der Welt, das nur irgendwie das Geschick Jisraels berührte. Seine weiche und reiche Seele vibrierte bei jedem Ereignis, das auch nur peripherisch das Judentum traf. Und er hatte eine Sehnsucht: Erleichterung der Judennot und Stärkung des religiösen Lebens und Empfindens. Er war ein Ratgeber und ein Trostspender großen Stils. Der Adel der Abstammung und der Gesinnung war an all seinem Tun und Lassen, an seinem Reden und Schweigen, an seinem Auftreten und Sich- Zurückziehen, immer und überall erkennbar. Jedem Streben nach Macht, nach politischem Einfluß war er abhold. Güte und Friedfertigkeit, Liebe und echte Frömmigkeit zeichneten sein stilles Wesen aus. Als ein Mann von Charakter ging er durchs Leben und übte eine magische Anziehungskraft auf Tausende und Abertausende, auch als ihn das harte Kriegsschicksal traf und er nach der österreichischen Metropole für die Dauer flüchten mußte. Auch hier blieb er sich und der Tra-r dition seines Vaterhauses treu und gewann sich die Achtung weiter Kreise. Sein Heimgang bedeutet einen unersetzlichen Verlust in unserer Zeit der Parteizerrissenheit, der Ueberhebung vieler vermeintlicher Großen, der Zeit des Wachsens der jüdischen Not und Verzweiflung. Das Andenken des Czortkower Rebben — auch für Nicht-Chassidim — wahren, heißt: seihe herrlichen seelischen Eigenschaften zum Vorbild sich nehmen. Tun wir so, so tragen wir dazu bei, da'ß auch durch diese großen jüdischen Persönlichkeiten wahr wird das Wort: na-nS o'pnx Tat. Die Geistesströmungen im traditionellen Judentum. Herr Rabbiner Dr. Alexander Altmann hält seit einigen Wochen in der Misrachi-Frauengruppe Berlin einen Vortragszyklus über: „Die Geistesströmungen innerhalb des traditionellen Judentums der letzten zwei Jahrhunderte". Im folgenden, skizzieren wir die Grundgedanken der bisher gehaltenen Vorträge: 1. Das rabbinische Judentum. (Der Gaon von Wilna.) Um die Frage nach der jüdischen Zukunft zu beantworten, ist es notwendig, die letzten zwei Jahrhunderte traditionsgebundenen jüdischen Lebens auf dessen geistige Struktur hin zu untersuchen. Es wird sich zeigen, daß dieses Leben kein starres Gebilde der Vergreisung, sondern im vollen Sinne lebendig, differenziert, bewegt ist. Gegenüber der von fremden Kraftströmen getragenen Destruktion der Reform ist es eigenständig und konstruktiv. Der Wilnaer Gaon steht als Typus und Symbol des alten rabbinischen Judentums an der Schwelle der jüdischen Neuzeit. Er trägt dessen Wesen und Sinngehalt in die neue Epoche, vermittelt — im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Mendelsohn — die traditionelle Kontinuität. Er ist das Staubecken zweier großer Entwicklungsströme; des mystischen und des halachischen, der lurjanischen Kabbala und der talmudischen Welt. Der Gaon ist so von einer eigenartigen Polarität. Zugleich Mystiker und Rationalist. Beides in ausgeprägtester Weise. Formbildend geworden ist seine talmudische Komponente. Gegenüber der Pilpulistik dringt er auf gesunde, historisch orientierte Forschung. Man hat ihn als Vater der modernen Talmudkritik bezeichnet. Das ist nur zum Teil richtig.