Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 5 (1933)
- Issue
- 11-12 (12.1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- Seite 94 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 94 Z I OK Nr. 11=42 historischen Judentums, es führt nur noch in den Köpfen weltvergessener Reformprediger ein vegetierendes Dasein. — Es würde wie Ironie klingen, wollten wir hier an dieser Stelle. Apologetik zugunsten der Reformbewegung treiben. Dennoch aber muß im Interesse der geschichtlichen Wahrheit und Sauberkeit gegenüber den jüngsten dauernden Pereat- Rufern auf die jüdische Emanzipation gesagt werden, daß ihr allerhand direkte und indirekte Verdienste nicht abgesprochen werden können: die Emanzipation, aber auch der jüdische Liberalismus, haben schon durch ihre bloße Existenz viele schlummernde Begabungen im Judentum geweckt und Gegenpole durch Kampf bewußt gemacht, sie haben das Judentum weltläufig gemacht und mit allen Kulturkreisen in Berührung gebracht, ihm den Blick geschärft für die Weiten der Kunst und all ihren Ausstrahlungen, der Musik, der bildenden Künste, der Weltliteratur und aller Zweige der Wissenschaft; ohne Emanzipation keineWissenschaft des Judentums, keine Befreiung und Weiterbildung des Individuums, keine Synthese zwischen Welt und Ich; ohne Reformbewegung kein Samson Raphael Hirsch und keine Gegenstoßkräfte im traditionellen Judentum, ohne Weltbildung kein jüdischer Humanismus, kein Theodor Herzl und kein Zionismus und keine Wiederbesinnung auf die .wahrhaft nationalen Gehalte des Judentums — und schließlich und endlich auch kein Joachim Prinz! Man soll nie etwas historisch Gewordenes und Bedingtes mit bloßen Argumenten und mit der Ratio allein in Bausch und Bogen verdammen, soll keine Schwarz-Weiß-Malerei treiben, vielleicht wendet sich die Axt, allzu heftig geschwungen, gegen den Schwingenden selbst. Soviel mußte gegenüber abwegigen Gedankengängen, wie sie das Buch von Prinz und Aeußerungen führender deutscher Zionisten in uns wecken, hier einmal gesagt werden. Wichtiger jedoch als diese theoretischen und polemischen Erörterungen der ersten zwei Teile des Prinzschen Buches ist sein dritter Teil, betitelt: Der Gang in die Wirklichkeit. Hier sollen Forderungen für die Gegenwart aus dem Blick nach rückwärts aufgestellt werden. Was ist nach Prinz das Zukunftsbild für das deutsche Judentum von heute? Wo liegt die Lösung für die Problematik vor allem der jüdischen Jugend von heute? Reiner Nationalismus auf der ganzen Linie ist Prinzens Losungswort. Von hier muß die Neugestaltung unseres Lebens ausgehen, von hier die Erziehung artbewußter, selbstbewußter Juden; ihr Blickfeld sei Palästina, von dort gehe ihre Orientierung aus. Den mit eigenwüchsiger Kultur gel 1 änkten Juden werden sich die Kulturen der Umwelt in ganz anderer Weise als bis jetzt erschließen. Bis jetzf war für die Mehrheit der deutschen Juden das Judesein nur ein Anhängsel, ein Plus-Zeichen ohne realen Inhalt, ein lästiger Zusatz, fast ein Unglück — kein Stolz und Adel der Geburt, kein lebensformendes Prirzip. Jetzt soll diese „Phobie" des Judeseins verschwinden, die Tarnung soll aufhören, gleich auf gleich soll der Jude sein Judentum vor der Welt tragen, mit Stolz und ohne Scham, vor allem mit dem Wissen um und für Palästina gerüstet, körperlich und seelisch frei, so . soll der Jude seinen Wirtsvölkern entgegentreten. Dann wird der jüdische Mensch in Ehrfurcht die Werte der Kultur seines Heimatlandes in sich aufnehmen und sich nicht mehr als Partei unter den Völkern fühlen. Die Kluft zwischen der jüdischen und den Umweltkulturen hört auf, denn es besteht nicht mehr die Eifersucht auf den Vorrang der einen von beiden, sondern als gleichwertige Partner stehen sich die Kulturen gegenüber und können ohne Voreingenommenheit ihre Werte austauschen. Denn das jüdische Volk wird wieder schöpferisch werden auf eigenem Boden, im ewigjungen Lande, mit einem Menschenschlag, wo der Jude nur Jude sein will, der Jude ohne Hemmungen, eigenwüchsig, bodenständig; die Ueberwucherung der Intelligenz (eine Galutherscheinung) wird durch den neuen Typus des arbeitenden, schollenverbundenen Juden in Erez Jisrael unmöglich gemacht — und diesem neuen Geschlecht wird sich der Segen der Erde nicht versagen. — Mit diesen Gedankengängen Prinzens (meist auf Herzischen fußend, bei denen das Problem der zurückbleibenden deutschen Juden und Jugend etwas kurz wegkommt) könnten wir Misrachisten uns einverstanden erklären. Schwer wird uns dies erst dort, wo der Herr Rabbiner von der Rolle spricht, die der Religion im neuen Volksleben in Erez Jisrael eingeräumt werden soll. Prinz erwartet die Entwicklung einer kraftvollen, volkhaften, freien Religiosität auf dem Boden Palästinas. Die Orthodoxie mag in der Erfüllung der Formen und Riten weiter auch dort ihre ganze Welt finden, mag ihre Befreiungs- und Erntefeste symbolisch dort weiterfeiern — doch ihren Freudenfesten fehlte und fehlt (nach Prinz) das E r d h a f t e , die Verbundenheit mit dem Boden, ihre Freudenfeste wurden zu bloßen schemenhaften Erinnerungen verflüchtigt, ihrer Freude fehlt das Volkhafte. Wir Frommen feiern Feste, aber „die Straße freute sich nicht mit uns" (S. 169). Wenn Prinz damit meint, unsere Feste in der Galuth seien keine Volksfeste mehr, sie entbehren