Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 5 (1933)
- Issue
- 9-10 (11.1933)
- Date
- 1933-11-01
- Page
- Seite 72 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 72 ZI ON Nr 9*10 es sich um die rein wirtschaftlichen Dinge, um die praktischen Erfahrungen des Zusammenlebens von Menschen unter den Verhältnissen der Kwuzah handelt. Zum Teil aber hindern uns diese Vorbilder geradezu, zu dem notwendigen eigener. Ausdruck zu kommen, da mit der Uebernahme der Formen unwillkürlich auch die gesamte Einstellung mitübernommen wird. Denn es ist außerordentlich schwer, den anerkannten "Vorbildern und Lehrmeistern gegenüber kritisch zu bleiben, sich immer bewußt zu sein, daß es ein anderes ist, von den Erfahrungen Anderer zu lernen und ein anderes, ihr Werk einfach fortzusetzen. So gesehen, hat das von den Kibbuzim der allgemeinen Arbeiterschaft bisher Getane für uns nicht mehr diese überragende Bedeutung. Vielmehl hindert der sich immer aufdrängende Vergleich, das Messen des eigenen Tuns an dem der Anderen uns oft genug daran, zu erkennen, was der besondere Ausdruck unseres religiös-fundierten Seins zu sein hat, und dieses zu gestalten. Sicherlich werden wir manche und wahrscheinlich wesentliche Dinge, anders zu gestalten haben als die anderen Kwuzoth. Wenn wir erst wirklich auf eigenen Füßen stehen, wenn erst das Religiöse zum gestaltenden Moment wird bei dem, was wir neu schaffen. Schließlich dürfen wir auch nicht vergessen, daß unser Kibbuz organisatorisch nicht im Rahmen der anderen Kibbuzim steht und in der Bewegung, in die wir uns hineingestellt haben, noch der Rückhalt für die kibbuzische Arbeit fehlt. All diese Gesichtspunkte müssen wir berücksichtiger., wenn wir zu einer richtigen Beurteilung dessen kommen wollen, was bisher von unseren Menschen in Erez Israel geleistet worden ist. Dann werden wir von selbst dazu kommen, nicht immer wieder durch oberflächliche Vergleiche die Leistungen entwerten zu wollen. Dabei wird es sehr nützlich sein, wenn wir die Entwicklung der anderen Kibbuzim gründlich kennenlernen. Ich würde jedem unserer Chawerim empfehlen, sich in die Geschichte der Kibbuzim und Kwuzoth zu vertiefen; sie werden dann erst in der Lage sein, richtig zu vergleichen. Sie werden dann erkennen, daß jeder Kibbuz eine Periode durchmachen muß, die ein ständiges Auf und Ab darstellt, in de» ein großer Teil der Menschen kommt und geht, daß dies eine normale Erscheinung ist und kein Grund, die Arbeit im Kibbuz Rodges herabzusetzen, wie man es so oft getan hat. Bis es gelingt, einen festen Kern zu schaffen, derder Träger des Kibbuz ist, derdie neu hinzukommenden Chawerim assimilieren kann —, dann erst kann eine stetige Entwicklung des Kibbuz einsetzen. Kibbuz Rodges hat dieses Stadium vor kaum einem Jahr etwa beendet. Bis dahin, d. h. während zweier Jahre ist sein Weg durch das Bemühen gekennzeichnet, eben diesen Kern zu schaffen, der die Voraussetzung für die weitere Entwicklung ist. Dieser Zeitraum ist kurz im Vergleich mit anderen Kibbüzim. Kibbuz Rodges stellt den ersten Schritt dar auf dem Wege einer kibbuzischen Bewegung innerhalb der religiösen Arbeiterschaft — innerhalb des Hapoel Hamisrachi — in Erez Israel. Als solchen muß man ihn betrachten, und so betrachtet, ist viel erreicht worden^ Man ist sich im Kibbuz am allermeisten darüber klar, wieviel noch zu tun ist, und kein Mensch denkt daran, sich mit dem bisher Erreichten zufrieden geben zu wollen. Und deshalb ist es Wahnsinn, wenn man immer wieder den Ruf hört nach einen; neuen Anfang, den man machen müsse. Es wird für uns nichts zu erreichen sein durch Schaffung eines esoterischen Kreises. Unsere Arbeit kann nur schrittweise vorwärtskommen und wird nur dann und gerade dann vorbildlich sein, wenn sie auch die Durchschnittsmenschen umfaßt. Wir müssen wissen, was wir erreichen können und uns darauf einstellen. Es besteht keine Aussicht und kann deshalb auch nicht unsere Aufgabe sein, das Leben in Erez Israel in naher Zukunft radikal in dei Richtung auf das Religiöse umzugestalten. Man kann wohl manches bessern und wird auch in Zukunft diese Seite der Arbeii nicht vernachlässigen dürfen, wenn auch gesagt werden muß, daß die bisher hierin unternommenen Schritte nicht gerade die richtigen waren. Unser Ziel aber kann zunächst nur sein,- Zellen zu schaffen, die das beispielgebend gestalten, was uns Thora wa-Awodah bedeutet für eine Zeit, die offen sein wird für die Aufnahme des religiösen Gutes und reif zu seiner Gestaltung. Aus einer solchen Betrachtungsweise wird sich das Programm unserer weiteren Arbeit ergeben, sowohl für Erez Israel als auch für die Golah. In Erez Israel wird es sich darum handeln, auf dem aufbauend, was bisher erreichi worden ist, eine Erweiterung der Basis unserer Arbeit anzustreben durch Schaffung von Plugoth des Kibbuz Rodges. Das wird dann auch die geistige Arbeit beeinflussen, aber eben nur dann, wenn es im Zusammenhang mit Kibbuz Rodges geschieht. In der Golah muß in der Erziehungsarbeit besonderer Nachdruck gelegt werden auf die Verknüpfung des Einzelnen mit der jüdischen Tradition, in der Hachscharah muß die Vorbereitung der Aufgaben, die oben für Erez Israel aufgezeichnet wurden, durchgeführt werden.