Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 5 (1933)
- Issue
- 9-10 (11.1933)
- Date
- 1933-11-01
- Page
- Seite 71 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9-10 Z I 0 N Seite 71 Weiter müssen wir wissen, daß die Geisteühaltung des größten Teiles der Menschen, die nach Erez Israel kommen, weitgehend durch die Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts bestimmt wird. Diese Geisteshaltung bedeutet aber eine absolute Abkehr Von jeder „Wirklichkeit höherer Art", eine Basierung des ganzen Seins auf den: Materiellen. Diese „religionslose" Haltung, die in allen maßgebenden geistigen Aeußerungen dieser Zeit zum Ausdruck kommt und die Geistigkeit der Menschen bestimmt hat, wirkte und wirkt entscheidend auf die meisten Menschen, die in Erez Israel arbeiten und ist damit auch grundlegend für ihre Auffassung der sozialen Fragen. Und diese Auffassung, die auf den sozialen Theo rien des 19. Jahrhunderts aufgebaut ist, ist ja die Basis der Geisteshaltung fast der gesamten Aibeiterschaft und bestimmt somit das geistige Bild der Menschengruppe, in die unsere Menschen hineingestellt sind. Denn die Beziehung zur Arbeiterschaft ist jedenfalls realer und unmittelbarer als die zur palästinensischen Orthodoxie. Wir müssen uns deren Bild noch vor Augen führen. Da ist zunächst der alte Jischuw. Er birgt sicherlich noch bedeutende Kräfte in sich. Aber in seiner blinden Ablehnung alles dessen, was durch die Arbeiterschaft, ja überhaupt durch den neuen Jischuw entsteht, kann und wird er keine Bedeutung haben und gewiß kein Rückhalt für unsere Menschen in geistiger Hinsicht sein können. Seine Verankerung im Religiösen liegt auf einer anderen Ebene als die unsere und selbst als Milieu kann er uns kaum etwas bedeuten. Die traditionellen Schichten des neuen Jischuw unterliegen weitgehend der oben geschilderten „kolonialen" Einstellung zur Tradition. Sie halten wohl an den Mizwoth fest; aber das religiöse Moment spielt in ihrem Leben eine geringere Rolle, als dies in der Golah der Fall war. Es fehlt vielfach die Sicherheit und der unbedingte Wille zum Festhalten, der in der Golah ein so wesentliches Moment in der Beziehung zur Tradition ist. Symptomatisch hierfür ist u. a. auch die Richtung, die die Jugend auch dieser Kreise nimmt. Auch die Menschen, die uns am nächsten stellen, die Chawerim des Hapoel Hamisrachi, sind vielfach in diese Kategorie einzureihen. Ihre religiöse Einstellung ist wesentlich traditions- Medingt, und nur gewisse Kreise, vielfach nur einzelne Menschen haben das Bewußtsein, daß in Erez Israel diese Bindungen nicht mehr genügen, daß ein bloßes Festhalten nicht mehr fruchtbar werden kann, daß das Religiöse einen neuen Impuls erfahren muß, wenn es dem Angriff von allen Seiten standhalten soll. In eine solche Welt werden nun unsere Menschen hineingestellt. Zunächst bringt es dieses chaotische, dieses, ich möchte fast sagen, kulturlose Dasein, eben die „koloniale" Situation in Erez Israel mit sich, daß alle Fragen, die schon beantwortet schienen, alle Probleme, die man schon für gelöst hielt, von neuem auftauchen und von neuem beantwortet und gelöst werden müssen. Jetzt erst tritt, herbeigeführt durch die äußeren Umstände, eine Scheidung ein zwischen nur Ererbtem und wirklich Erworbenem. Und dann erweist sich, daß bei den meisten unserer Menschen die Bindung zur Thora wesentlicii Konservatismus war und daß die persönliche Bindung, das, was unter allen Umständen bleibt, gering ist. Die Entscheidung, wie ihr weiterer Weg verlaufen wird, wird davon abhängen, ob sie einerseits genügend „religiöses Gut" mit sich bringen und andererseits, ob sie in eine Gemeinschaft hineinkommen, die ihnen hilft, die Schwierigkeiten zu überwinden. Gewiß wird es genug Menschen geben, die sich um eine Auseinandersetzung herumdrücken werden. Sie werden dies auf Kosten ihrer aktiven Mitarbeit machen, an dem, was in Erez Israel Zukunftsbedeutung hat. Die, die gestalten wollen, müssen diese Auseinandersetzung auf sich nehmen und den Kampf durchkämpfen. Diese hier geschilderten Tatsachen müssen von uns in ihrer ganzen Tragweite erkannt werden, wenn wir zu einer richtigen Beurteilung dessen kommen wollen, was von uns in Erez Israel geleistet werden kann und was bisher geleistet worden ist. Und noch ein weiteres wichtiges Moment müssen wir berücksichtigen, wenn wir zu einer richtigen Wertung des bisher Geschaffenen kommen wollen, und das ist, daß unsere Arbeit den Anfang einer kibbuzischen Bewegung innerhalb des Hapoel Hamisrachi darstellt. Es gab wohl schon auch bisher im Hapoel Hamisrachi Kwuzoth, und darunter solche, die jahrelang bestanden und ausgezeichnet arbeiteten. Aber alle diese Kwuzoth waren ausgesprochen Kwuzoth Hachscharah. Alle Chawerim betrachteten sie als Durchgangsstationen: als endgültige Siedlungsform wurde der Moschaw angesehen. Erst mit Kibbuz Rodges nahm die Idee einer kibbuzischen Siedlung auch im Hapoel Hamisrachi Gestalt an. Dieses Anfang-sein bedeutet in Wirklichkeit viel mehr, als es zunächst den Anschein haben mag. Scheinbar nämlich baut unsere Kibbuziuth ohne weiteres auf dem auf, was die Kibbuzim und Kwuzoth in den letzten 20 Jahren erarbeitet und erfahren haben. Tatsächlich ist das aber nur zum Teil richtig. Insofern nämlich, als