Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 5 (1933)
- Issue
- 7-8 (9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- Seite 65 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7*8 Z I 0 N Seite 65 könnte, die den religiösen Aufbau des Landes entscheidend vorwärtstreiben wird. Gedanken zum Anfang des Jahres. Von Rabb. Dr. Victor, Hindenburg (O.-S.). Der Anfang des Jahres war immer ein Zeitpunkt des Aufhorchens und der Besinnung. Wenn aber in früheren Jahren der Jude zu Beginn des neuen Jahres mit sich ins Gericht ging, so stand im Vordergrunde seiner Selbstprüfung das allgemein Menschliche, die Frage nach Sinn und Ziel des menschlichen Lebens überhaupt. Der Schofar, das uralte national-religiöse Symbol, wurde zur Stimme des menschlichen Gewissens schlechthin. Das verflossene Jahr stellte uns nun mit besonderer Schärfe vor eine neue Problematik unseres jüdischen Seins. Dadurch empfängt der Beginn des Jahres 5694 von selber die starke jüdische Note. Aus der allgemeinen menschlichen Sphäre, aus dem Schicksal des einzelnen Menschen werden wir in diesem Jahre in das jüdische Gesamtschicksal hineingestellt. Eine Botschaft der Hoffnung und der Wiederaufrichtung leuchtet uns verzagten Juden aus einer göttlichen Welt hinein in unsere Verzweiflungsstimmung und Ratlosigkeit. Und so nehmen wir das Bild in uns auf, das der Prophet Jirmejahu in der Haftara des zweiten Tages des Rosch- Haschanahfestes vor unsere Seele führt. Israel geht zum ersten Male hinaus in die Verbannung. Der Tempel, seine letzte Hoffnung, ist zerstört. Ihr Weg führt sie vorüber an dem Grabe der Stammutter Rahel, das da am Wege bei Rama liegt. Noch einmal drängt sich alles Erlebte in der Seele der Verbannten zusammen. Sie denken zurück an die Zeit des Glückes und der Sorglosigkeit. Eine ungewisse Zukunft steht ihnen bevor. Tränen füllen ihre Augen, das Volk weint. Da werden die Worte des Propheten vernehmbar: *33 'na yo»3 no-a Vip n ra i:3»n o cnanS msa n»33 by' naao bm onnon „Also spricht der Ewige: Eine Stimme in Rama wird vernommen, Wehklage und bitterliches Weinen. Rahel weint um ihre Kinder. Sie weigert sich, Trost anzunehmen, denn sie sind nicht mehr". Ja, aus dem Grabe der Stammutter selber vernehmen sie gleichsam das bittere, untröstliche Weinen um die Kinder, die den schweren Weg in die Verbannung antreten müssen. Aber dieses Weinen, das Sichausweinen am Grabe der frommen Stammutter, erscheint dem Propheten als ein Zeichen der seelischen Erleichterung. Und darum spricht er das Wort des Trostes und der Zuversicht: 1*3»jn »33a "|Sip <ya» n na« ns nyana „Also spricht der Ewige: Halte zurück deine Stimme vom Weine und deine Augen von Tränen!" — ubm n a«3 -\nbysh 13» »♦ o nSwaS d»33 wem "i D«3 -jnnnNS mpn bmi 3mm p»»„Denn es gibt einen Lohn für dein Tun, ist der Spruch des Ewigen, und sie werden heimkehren aus dem Lande des Feindes, und es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft, ist der Spruch des Ewigen, und die Kinder kehren zurück in ihr Gebiet." I. Warum, fragen wir, ist das Weinen der Stammutter Rahel um ihre in die Verbannung ziehenden Kinder untröstlich, daß der Prophet sagt: i33'K '3 nnanS ruxa „Sie weigert sich, sich trösten zu lassen, denn sie sind nicht mehr?" Hatte denn nicht der Prophet schon immer mit dem Untergange auch zugleich dte Rettung verkündet, daß nach 70 Jahren das Volk wieder heimkehren und der Tempel von neuem wiedererstehen werde. Warum sagt er also als Begründung für die Untröstlichkeit "3'H '3 „Sie sind nicht mehr?" Der Prophet wußte, daß das Volk nach 70 Jahren zurückkehren würde. Aber er ahnte und fürchtete die Gefahr, daß in den 70 Jahren der Not und der Tränen so mancher, entfernt vom Kraftzentrum jüdischen Geistes, sich innerlich vom Judentum lösen und seinen Gott verlieren würde. Der Prophet ahnte und fürchtete, daß so mancher, der für das Judentum hätte Wertvolles leisten können, der schweren Last der Sorgen und der Verzweiflungsstimmung erliegen und dem Judentum verlorengehen würde, gleichgültig gegenüber seiner Zukunftsaufgabe und gleichgültig gegenüber den Erfordernissen der Gemeinschaft. Dieses Bild des Propheten ist der Ausdruck unserer eigenen seelischen Verfassung, no-o Sip nnnan »33 tu yo»a „Eine Stimme wird in Rama vernommen, Wehklagen und bitteres Weinen". Stimmen des Weinens und der Wehklage tönen durch die Zeit. Bitterste Not und tiefstes Elend haben ihren Einzug in unsere Gemeinden gehalten. Der Strom jüdischen Schaffens und jüdischer Arbeitsfreudigkeit ist versiegt; unsere besten Kräfte, aus dem Wirtschaftsprozeß ausgeschaltet, liegen brach. Es ist die Klage und das Weinen sorgender Eltern, die um die Zukunft ihrer Kinder bangen; das Weinen, das aus den Gräbern und Trümmern vergangenen Glückes aufsteigt und vor uns die bange Frage sich riesengroß auftürmen läßt: Wohin führt uns der Weg? Wohin führt der Weg unserer Jugend, die längst den Frohsinn vergessen hat, da man