Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 5 (1933)
- Issue
- 7-8 (9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- Seite 59 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3133276-3139359-3139364--0791-3140301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 7*8 ZION Seite 59 gerade in diesem Moment, nicht die Möglichkeit der Einbeziehung der Misrachi fand. Ganz zweifellos trug der Misrachi ein großes Maß von Schuld an diesem Ergebnis, darauf kommen wir noch zurück, hier interessiert uns nur das Ergebnis als solches. Umstände lassen es uns als schlimm erscheinen, daß der Misrachi jetzt außerhalb der Exekutive steht: Einmal die auf diesem Kongreß unverkennbare Verschiedenartigkeit der Richtungen innerhalb des Misrachi, von denen die dem Revisionismus fernstehende, die zahlenmäßig stärkere und von wertvollen Menschen, wie Berlin, Brod, Ostrowski geführte und u. a. den ganzen Hapoel Hamisrachi umfassende war. Wie man mit dem Ausschluß des Misrachi aus der Exekutive die zentrifugalen Kräfte notwendig stärkte, so hätte man ebenso selbstverständlich mit seiner Hereinnahme die zentripetalen Kräfte mächtig gefördert, ein Ergebnis, an dem die Bewegung bestimmt interessiert wäre. Zweitens aber erwachsen aus der deutschen Alijah auch gerade dem thoratreuen Judentum eine, Reihe schwieriger Aufgaben, die die Exekutive in ihrer jetzigen Zusammensetzung nicht nur nicht zu lösen, sondern nicht einmal zu bearbeiten in der Lage sein wird. Einige Beispiele zur Verdeutlichung: Eine Gruppe, der ein gut Teil der neu eingewanderten Misrachisten angehört, hält es jetzt für nötig, in Tel Aviv eine neue Privatschule zu errichten, weil sie die kulturellen Bedürfnisse ihrer Erziehung nirgends adäquat versorgt finden. Es kommen im Rahmen der Mittelstandsalijah ebenso wie in der chaluzischen eine ganze Reihe wertvoller Kräfte der deutschen Orthodoxie ins Land, deren Einwurzelung, wenn sie in richtiger Weise und vor allem auch an richtiger Stelle geschieht, nicht nur für das wirtschaftliche, sondern vor allem auch für das kulturelle Bild des Landes von großer Bedeutung sein kann. Es gilt dabei, zu bedenken, daß es sich dabei vielfach um Menschen handelt, die, welche Fehler sie auch sonst haben mögen, jedenfalls Jahre und z. T. Jahrzehnte hindurch bewiesen haben, daß sie fähig sind, einem Ideal zuliebe wirtschaftliche Opfer größten Ausmaßes zu bringen. Wird es vielfach aus den Bedingungen des Landes heraus nötig sein, auch diesen Menschen gegenüber Forderungen abzulehnen, so sollte man wenigstens das sonst unausbleibliche Mißtrauen dadurch vermeiden, daß ihr „Ja" oder „Nein" ihnen von Menschen ihres Schlages gesagt wird. Und schließlich vergesse man nicht die Gefahr, die darin liegt, daß die deutsche antizionistische Orthodoxie jetzt plötzlich das von den verhaßten und bekämpften Zionisten gemachte Bett für sich entdeckt (wogegen niemand etwas sagen würde, wenn sie aus ihren Fehlern gelernt hätte) und dort mit ihrer einheitszerstörenden Arbeit jetzt beginnt. Dem nicht die in der Exekutive mit zum sichtbarsten Ausdruck kommende Mitverantwortung des Misrachi entgegensetzen zu können, ist ein politischer Fehler, der unter keinen Umständen hätte passieren dürfen und von dem nur zu hoffen ist, daß er nicht die verheerenden Folgen zeitigt, die möglich sind. V. Bleibt zum Schluß die Frage, wieweit der Misrachi selbst sich richtig verhielt: Hier kann ich nur meine persönliche Meinung sagen. Für grundfalsch hielt ich die Festlegung der Fraktion durch die Weltkonferenz auf ultimative sachliche und ultimative persönliche Forderungen. Man kam, wie schon so oft, mit fertig ausgearbeiteten Resolutionen, die die religiösen Forderungen enthielten. Nun, der deutsche Misrachi hat oft genug seine Meinung dahin geäußert, daß er von solchen Resolutionen sehr wenig, von der praktischen Arbeit im Lande dagegen ungleich mehr hält. Das gilt freilich im vorliegenden Fall nach meiner Auffassung nur für einen Teil der Forderungen. Dem Skandal der trefenen Arbeitsküchen, in denen die eigenen auf Kaschruth Wert legenden Histadruthmitglieder nicht essen können, hätte man m. E. ebenso versuchen können, durch einen Kongreßbeschluß ein Ende zu bereiten, wie es umgekehrt die Linke für möglich hielt, die Anerkennung der Histadruth als einziger jüdischer Gewerkschaft, auf dem Kongreß zu erreichen. Desgleichen erscheint es mir als ein einfaches Gebot der Gerechtigkeit, die schon seit Jahren geforderte Verankerung der Sabbathruhe in den K. K. L.-Verträgen an der gleichen Stelle dieser Verträge, an der die Awodah iwrith verankert ist, jetzt endlich durchzuführen. Aber, ob man diesen Standpunkt teilt oder nicht, in jedem Falle ist es falsch, daß eine Konferenz, die im Zeitpunkt der Verhandlung über die Forderungen nicht mehr beisammen ist, in ultimativer Form eine bestimmte Zahl und Art von Forderungen festlegt. Und noch viel falscher war dies in der Personenfrage. Keine Partei kann sich ein solches Armutszeugnis ausstellen, daß es in ihren Reihen nur einen Mann gibt, der fähig ist, sie in der Exekutive zu vertreten, und es gibt keinen vernünftigen Grund, die Kongreßfraktion in einer solchen Frage derart zu bevormunden, daß ihr keine Entschlußfreiheit bleibt. Mit dieser Forderung hatte der Misrachi sich von vornherein in eine Sackgasse hineinmanövriert. Denn, ob man dies versteht oder nicht — und im deutschen Misrachi gibt es ja viele, die es verstehen —, es gab in der Linken niemanden, der bereit war,