Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 5 (1933)
- Issue
- 6 (7.1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- Seite 54 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 54 ZI ON Nr. 6 zeit hilfsbereiter Wissenschaftlichkeit. Wie not tut uns aufs tiefste gedemütigteu deutschen Juden ein solches Vorbild, an dessen Gesinnungsgröße wir uns emporranken können! Aber dennoch, die tiefe Ergriffenheit bei der Lektüre dieses Briefes bleibt nicht frei von einem Rest der Verbitterung und des Bedauerns darüber, daß dieser Große in Israel seinem Volke nichts gegeben hat! Dieser Mann, mit der ungeheuren Tiefe und Weite seines Wissensbereichs, diese vielleicht feinste Blüte attischhumanistischen Forschergeistes im Deutschland des 19. Jahrhunderts, hat für jüdische Wissensgebiete nichts Nennenswertes geleistet (bis auf die anonymen Beiträge zum v. Bunsenschen Bibelwerk), trotzdem Bernays mit ganzer Seele dem traditionstreuen Judentum angehangen und kraft seines reichen jüdischen Wissens und seiner Herkunft (er war der Sohn des Hamburger Chachams) ein Berufener gewesen wäre. Jakob Bernays hat nirgends und nie den Geist und den Scharfsinn Scherns in die Schönheitszelte Japhets getragen. Es ist ein Gefühl des Vergilschen sie vos, non vobis, der Arbeit der Biene, die dauernd für die andern, nicht für ihr eigenes Volk ihren Honig spendet. Es war eben damals die Zeit des Erwachens jüdischen Volksbewußtseins noch nicht gekommen. Von dieser schmerzlichen Tatsache abgesehen, können wir uns restlos an dieser glanzvollen Erscheinung hellenistisch-jüdischen Forschertums erfreuen und mit Stolz J. Bernays den Unsern nennen. Welche Fülle von Geist und Gemüt, von Scharfsinn und Herzenstiefe offenbart sich in diesen Briefen, wo die Elite der deutschen Gelehrtenwelt sich vereinigt, um den Juden Bernays zu huldigen und oft genug seine Ueberlegenheit unverhohlen und dankbar anzuerkennen! Welche Sanftmut ohne Demut, welche Selbstlosigkeit im Spenden eigener Geistesgaben an andere, welche Schlichtheit und Bedürfnislosigkeit spricht aus den meisten Antworten dieses Weltweisen! Und welche Tiefe der Menschenliebe, Empörung über Ungerechtigkeit, welche Unantastbarkeit des Mannesmuts leuchtet aus unzählbaren Stellen dieser in gediegenster Diktion geschriebenen Briefe! Und für uns ein selten köstliches Moment: Welch echte alt jüdische Treue zum Gesetz und brennende Liebe für jedes Wort unseres heiligen jüdischen Schrifttums besaß dieser Mann bei aller Weitläufigkeit und scharfsinnigen Kritik! Nur eine Stelle sei hierhergesetzt (über die Bibelkritiker, S. 28 der Einleitung): „Diese Leute versündigen sich aufs äußerste an der Methode der wahrhaften Forschung bei ihrem Bestreben, die altgeheiligten Texte zu interpretieren und abzuändern. Wir Philologen nehmen es aufs äußerste genau, bevor wir ein Wort oder auch nur einen Buchstaben bei Homer, Hesiod oder anderen ändern, und jetzt kommen die sich klug Wähnenden mit grobem Handwerkszeug über das uns in Heiligkeit Ueberlieferte — von Geschlecht zu Geschlecht im Verlauf von 2000 Jahren — und wollen die Texte nach ihrem Willen und Gutdünken abändern." Und noch ein Urteil von Willamowitz-Möllendorf über Jakob Bernays sei hier registriert: (Bernays) „trug den Stolz auf sein Judentum zur Schau — es war eine sonderbare Sorte von Adelsstolz..., mir hat er imponiert, denn da war alles echt, hatte alles Stil." (S. 32). Und auch diese Stelle (sie ließen sich leicht vermehren) sei für unser Geschlecht festgehalten: „Gehörte ich nicht zum Volke des Spinoza, dem eine Portion hilaritas zum Erbteil gegeben ist, damit es seine vielartige Jammerkost herunterwürgen und verdauen könne, wer weiß, ob ich dann mit dem unwiderstehlichen Mißmut immer so bald wieder fertig würde, als es bis jetzt noch stets der Fall war." (S. 111). Es steht zu hoffen, daß dieser Briefwechsel trotz Ungunst der Zeiten in allen jüdischen Häusern verständnisvolle Leser und bald auch Uebersetzer finden wird. Wir können keine besseren empfehlenden Worte für das Buch finden als die der „Frankfurter Zeitung" (25. 3. 33): „Wer in unseren schwankenden Tagen das Bedürfnis fühlt, aus der Gesinnung seltener Männer Kraft zu ziehen, dem sei dies Buch empfohlen." Dr. Armin Blau. Nachrichten und Notizen. Das Mädchengymnasium „Talpioth" in Tel-Aviv. Als im Jahre 1923 einige Männer in Erkenntnis der Wichtigkeit einer Erziehung junger jüdischer Mädchen im Geiste des gesetzestreuen Judentums die Mädchenschule „Talpioth" gründeten, füllten sie durch diese Gründung eine merkliche Lücke im palästinensischen Schulwerk aus. In den acht Jahren ihres Bestehens wuchs die Zahl der Klassen von 4 auf 16 und die der Schülerinnen von 52 auf 687. Mit dieser Entwicklung stieg das Erfordernis, den Absolventen dieser Volksschule die Möglichkeit zu erschließen, das, was sie sich dort erworben hatten, weiter auszubauen und ihre Ausbildung fortzusetzen in der gleichen Atmosphäre, getragen von derselben Grundeinstellung allen jüdischen Fragen gegen-