Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 5 (1933)
- Issue
- 2-3 (2.1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- Seite 21 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2-3 ZI ON Seite 21 an der der Mensch gerne festhält, sind äußere Dinge, aber sie verkörpern Geistiges, Seelisches. Man hält an der Sprache fest, weil sie ein Teil des eigenen Lebens ist, weil sie den innren Menschen mitgeformt hat. Nur junge Menschen, die mit der ganzen Glut ihrer Seele einem hohen Ideal opfern, sind imstande, ihre Seele umzugestalten und damit ihre Sprache zu ändern. Nur selten und sehr schwer, immer aber unter seelischen Kämpfen und Krisen, vertauscht der Mensch, der geistig frische und jugendliche, die frühere mit der neuen Heimat, wobei die Vergangenheit nie ganz verblaßt, immer klingt die Erinnerung, von einem verklärenden Schimmer umgeben, nach und bestimmt mit die neue Lebcnsgestaltung. Diese Nachklänge sind auch im Leben der Jugend wirksam, immer mehr erblassend, aber doch noch spürbar und entscheidend, und selbst die zweite Generation, die im Lande der Gegenwart und der Zukunft geboren, ist von ihrem Einfluß nicht frei. Die Sätze: „Verabscheue nicht einen Aegypter, denn Gast warst du ii seinem Lande" und „wirf keinen Stein in eine Grube, aus der du getrunken hast", haben sehr fein gekennzeichnet, was den Menschen mit seiner früheren Heimat verknüpft. Nun stelle man sich doch das Durcheinander vor, das durch das Gemisch aller Abstammungen in das Land geflutet kam, diese vielfachen Ueberkreuzungen, Ueberbrückungeu und Unterhöhlungen von geistigen und seelischen Lagerungen, und man wird die fast unüberwindlichen Schwierigkeiten begreifen, die sich vor dem Beobachter und Schilderer oder gar erst vor dem Erzieher, dessen Aufgabe es ist, ausgleichend und vereinigend, heilend und aufbauend einzugreifen, auftürmen. Man könnte sagen, daß nie in unserem Lande eine normale Lage des kulturellen, geistigen und seelischen Lebens erreicht werden kann, solange der fortwährende Zustrom neuer Menschen andauert. Da wir aber aus politischen Gründen wünschen müssen, daß dieser fortwährende Menschenzustrom nicht so bald aufhöre, ergibt sich gerade für den Erzieher das Kuriosum, das ihm so sehr seine Arbeit erschwert, daß er aus politischer und historischer Ueberzeugung, aus nationalem Interesse etwas fordert, was er als Lehrer und Erzieher unbedingt verurteilen müßte. Der Lehier, und vor allem der Jugendführer, muß in seinem Beruf eine ungeheuer schwere Arbeit leisten. Das Problemhafte für die Jugend ergibt sich aus der Stellung dieser Jugend, aus ihrem Verhältnis zu ihren Führern, eine Beziehung der Freundschaft und Mitarbeit. Auch die Jugend selbst arbeitet an ihrem eigenen Werden mit und lernt sehen und mitgestaltend die Schwierigkeiten ihrer Lage kennen. Mit sich kämpfend, an sich ringend, arbeitet sie, Seit an Seite mit den Führern und Freunden, auf das Ideal eines geeinten, gesunden und frohen Volkes, konzentriert auf eigener Scholle, ohne wirtschaftliche Sorge, in Friede.i lebend mit näherer und fernerer Umgebung, auf ein prophetisches Ideal hin. Das Nationalitätenproblem bringt starke Verwirrung unter die Jugend und macht es den Erziehern ungeheuer schwer, zweckmäßig und mit Erfolg zu arbeiten. Schulkinder aus den verschiedensten Ländern, die in den meisten Fällen zu Hause noch ihre Muttersprache sprechen, die heimatlichen Gebräuche beachle.i und in den Anschauungen ihres Heimatlandes wurzeln, durchlaufen gemeinsam eine achtklassige Volksschule, und arbeiten vom zwölften, dreizehnten Schuljahre ab, je nach individueller Befähigung, Temperament und Neigung, in der Jugendbewegung eifrig mit. Ich will nur einen Teil der Herkunftsländer aufzählen, die unsere Schule und unsere Jugend beschicken: An erster Stelle Rußland, dieses große und weite Reich. Die an Rußland grenzenden Länder wie Litauen, Lettland, Polen, Galizien, Kaukasien, die Balkanländer, dann die europäischen Reiche: Deutschland, England, Frankreich, Holland und Belgien, Spanien und Portugal. Das sind die wichtigen europäischen Länder. Afrika spielt eine große Rolle: Aegypten , Französisch-Nordafrika (Algier), Abessinien, Asien mit vielen Sondergebieten: Syrien, Jemen, Mesopotamien, Persien, Bucharien u. v, a. Wie treten diese nationalen Unterschiede i.i Erscheinung? Nur einige Beispiele: Bei den Spaniolen oder Sefardim (den Abkömmlingen jüdischer Auswanderer aus Spanien, ist es üblich, daß das Kind bei jeder Gelegenheit den Eltern (den Vater) die HanJ kulii, als Zeichen der Ehrfurcht, der Hiebe und Verehrung. Diese Ehrfurchtbezeugung-, die auch dem Lehrer dargebracht wird, ist ein Ueberblelbsel aus spanischen Tagen, aus der Zeit von vor fünfhundeit Jahren. Ui.sere Juden haben 1492 Sprache, Tracht und Lebensgewohnheiten als Andenken in ihre neuen Leidensländer mitgenommen — und sie halten noch heute, heimattreuer als die Stierkämpfer selbst, an deii S.ibathüten, an der übrigen „Fest"kleidung und an ihrer Sprache (Ladino) fest. Der sefardische J inge, der in die Schule kommt, weiß zunächst nichts anderes, als dem Lehrer bei jeder Gelegenheit die Hand zu küssen; der Lehrer über-