Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 5 (1933)
- Issue
- 1 (1.1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 10 ZION Nr. \ teidigen will, gezwungen ist, zu den Gegenwartsproblemen Stellung zu nehmen. Aus diesem Grunde war ein Referat (von Benno Offenburg, Hamburg,) über „jüdisch-religiösen Sozialismus" angesetzt. Sein Ausgangspunkt war, daß das Ziel des Sozialismus in Bezug auf den Ausgleich der heute ins Unerträgliche gesteigerten sozialen Gegensätze religiös fundiert werden kann und deshalb zu fordern ist. Wie steht es aber mit der Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel, die von allen Richtungen als notwendiges Mittel betrachtet wird? Hier kann ohne Zweifel festgestellt werden, daß eine Religion im allgemeinen und im besonderen die Thora (die doch mehr als „bloße" Religion, nämlich Lebensbasi? ist) nichts* über eine bestehende Gesellschaftsform aussagen kann, weil von einzelnen Menschen und der jüdischen Gemeinschaft nur eine bestimmte Gesinnung und ganz bestimmte konkrete Betätigung der Gesinnung verlaugt wird. Wenn aber die Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel als wichtig angesehen wird, so darf die Thora nicht zum -\Bm nmp werden, daß man aus ihr irgend welche Gesellschaftsformen herausließt. Man darf vielmehr nur sagen: die Verwirklichung und die Möglichkeit der Verwirklichung scheint am ehesten in einem sozialistischen System gegeben zu sein, in dem es nicht auf die Konkurrenzfähigkeit, sondern auf die Arbeitsleistung an sich ankommt. Wenn auch nun diese Zielsetzung mit den anderen sozialistischen Richtungen geteilt wird, so ergibt sich die Frage, was gegen die theoretische Fundierung der anderen anzuführen ist. An diesem Punkt setzt die Diskussion gegen den historischen Materialismus, die materialistische Geschichtsauffassung des orthodoxen Marxismus in voller Schärfe ein. Offenburg ging besonders auf das Problem der Kausalität ein. Die heutige Wissenschaft stellt die absolute Gültigkeit des Kausalitätsprinzips zumindest in Frage, auf Grund der neueren Ergebnisse der modernen theoretischen Physik. Daraus ergibt sich aber, -daß allen Prozessen der physikalischen Welt nur ein gewisser Wahrscheinlichkeitsgrad zugesprochen werden kann. Erst recht gilt dies für Geschichte und Soziologie, wo die Menschen mit ihrer persönlichen Initiative als organische, nicht mechanische Wesen auftreten. Jede vorurteilslose Wissenschaft und jeder religiöse Sozialismüs muß diese Schematisierung des menschlichen Handelns ablehnen, zumal auch die praktische Willensfreiheit des Menschen (die im im Grunde vom orthodoxen Marxismus zugestanden wird, sobald er den revolutionären „Entschluß" fordert) in einem solchen System keinen Platz findet. Vom jüdisch-religiösen Standpunkt ist besonders hervorzuheben, daß dem Marxismus noch keine Erklärung der jüdischen Geschichte gelungen ist (weder Kautsky noch Heller). Dr. Wolfsberg wies in seiner Diskussionsrede darauf hin, daß jede Geschichtsschreibung und -auffassung von einer bestimmten Vor-Wertung ausgeht. Diese Vor-Wertung hat im letzten ihre Basis im Außerwissenschaftlichen, Weltanschaulichen, dadurch ist dann die Auswahl und Deutung der Ereignisse bedingt. Noch heute seien die Probleme der Geschichtsschreibung und der Geschichtsphilosophie zu ungeklärt, als daß man schon über eine bestimmte Gesetzlichkeit der Geschichte urteilen könnte. Auch dürfe z. B. die Meinung Drieschs nicht ignoriert werden, daß echte Entwicklung, deren Gesetzmäßigkeit der Marxismus zu besitzen glaubt, nicht immer vorliegt. (Die Referate und auch die Diskussion wird ausführlich im Protokoll des Bundestags enthalten sein, das schon jetzt hier als wichtiges Material zur Orientierung und Weiterarbeit a.;f diesen Gebieten empfohlen sei). Das Referat „Wir und die Galuth" von Josef Burg, Leipzig, setzte die Bekanntschaft mit einem Artikel in den Bundesblättern voraus, i.i dem auf Grund faktischer, zionistisch-theoretischer und reiigiös-phiiosophischer Gedankengänge die Gabun als unaufhebbare Tatsache bewiesen, die Ausmerzung jeder pseudo-messianischen Tendenz im Zionismus und Hinwendung auf Volksarbeit in allen Beziehungen gefordert wurde. Das „Wir", das sich in dem Thema „Wir und Galuth" befragt, ist der „Zeire Misrachi". Der Misrachi wünscht gegenüber dem allgemeinen Zionismus, daß " der Aufbau des Landes in Beachtung der heiligen Gesetze vor sich gehe,und kritisiert die zionistischen Begriffe von Nation und Kultur. Die Lebensbedingungen aber, nicht der jüdische Völksbegriff müssen normalisiert werden. Die Schaffung einer neuen jüdischen Kultur setzte das Bestehen der alten voraus; ohne kontinuierlichen Zusammenhang, ohne Tradition wäre eine lebendige, originale Volkskultur unmöglich, und diese grundsätzliche Kritik des Misrachi wurde auch vom „Zeire Misrachi" geteilt. Als aber dieser sich aus der Jugendgruppe einer Partei zu einer Gemeinschaft eigener Prägung zu entwickeln begann, wurde auch Kritik an der Stellung des Misrachi geübt. Zunächst war es die vom Geiste der Jugendbewegung und der Chaluziuth getragene Erwägung, daß Kritik vom Menschen ausgehen muß, die ihr Leben für die Verwirklichung ihrer Gedanken einsetzen, und daß es vor allem Aufgabe der Jugend ist, hier den Schritt zu tun von der Idee zum Ideal, von der Theorie zur Praxis. Zum andern war es die Erkenntnis der besonders gearteten heutigen wirtschaftlich-sozialen Verhältnisse, die ein Leben nach den altjüdischen Gerechtigkeits- und Gemeinschaftsprinzipien in der Golah und Erez Israel zwangsweise unmöglich machen. Man sah auch, daß eine altneue Kultur erst aufgebaut werden konnte auf der Grundlage einer Gemeinschaft jüdischer Menschen, die in jeder Beziehung, vor allem auch in der Wirtschaft, als wirklichz Gemeinschaft leben. Diese historische Entwicklung besagt,auf oie Gegenwartsproblematik angewandt, daß die )udenfrage einen dreifachen Aspekt .aufweise, den nationalen, den religiös-kulturellen und den sozialen. Schicksal und Sendung, Nationales, Soziales und Religiöses sind im Judentum miteinander verknüpft. Eine Lösung der Judenfrage muß deshalb deren drei Komponenten berücksichtigen. Der Zionismus löst nicht das soziale Problem, das kulturelle Judentum würde auch in einem sozialistischen System bestehen. Die drei Problemkreise können nicht durch einen Weg beseitigt werden. Kommunisten und Gäluth-verneinende Zionisten haben es leicht, denn sie erkennen diese Problemlage nicht an.