Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 4 (1932)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- Seite 57 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6/7 Z I 0 N Seite 57 werk des unglücklichen Judenyolkes an der Herzensträgheit der Glaubensgenossen und der Erbarmungslosigkeit der anderen Völker scheitern werde. Aber ein Trost erblüht ihm in seinem Alter: Jessica, die treulose Tochter kehrt, von ihrem leichtsinnigen und schmarotzerhaften Gatten Lorenzo im Stich gelassen, reumütig mit ihren 3 Kindern (die Scheilock sofort beschneiden läßt) zu ihrem Vater zurück, und diese verleihen seinen 'etzten Erdentagen noch etwas sonnigen Abendglanz. Das ist in großen Umrissen der Gang der Handlung. Man sieht, es ist ein völlig freigeschaffenes Gebilde, das des Dichters Phantasie hier entworfen hat. Dabei kann man keinen Augenblick von Fälschung des Shakspeareschen Dramas oder Geistes sprechen. Im Gegenteil, der Romanschreiber unterschlägt kein einziges Moment aus dem Drama, er baut nur aus, er verflicht im Verlauf der Darstellung jedes im Drama angedeutete Motiv. Scheilock will gegen den ihn hündisch behandelnden vornehmen Müßiggänger Antonio grausam blutig vorgehen, er will seine Rache an, ihm kühlen, gleichsam um vor der Welt ein Exempel zu statuieren, er will ein Stück von Antonios Fleisch schneiden, ohne ihm nach dem Leben zu trachten, er will in Antonio diese ganze christliche Räuberbande gedemütigt sehen, die ihm schon so viel Schmach und Haß angetan und sein Familienleben zerstört hat <— um aber nach der Gerichtsszene zu erkennen, daß der Jude für immer das gehetzte Wild dieser an Macht, List, Grausamkeit und Zahl überlegenen . Meute leiden wird und scheitern muß. Und dieselbe hoffnungslose Erkenntnis, steht auch am Ausgang des Buches: Der Jude ist der hoffnungslos Unterlegene, er bleibt der Ahaswer der Weltgeschichte, die Freibeute christlich mittelalterlicher Willkür und Scheingerechtigkeit. So endet das Buch im Tragisch-Schicksalhaften. Persönliches und Stammesmäßiges zu einem Disakkord verbindend. Was ist von dem Roman als Kunstwerk zu sagen? Denn ein Werk, das sich neben den Gigantenschatten Shakespeares zu stellen wagt, muß als Kunstwerk etwas bedeuten. Es ist als Problem packend, originell behandelt, kühn und herb in der Konzeption, es wirft ein historisch glaubwürdiges, finster glühendes Zeitbild von mittelalterlichen Verfolgungen und lodernden Scheiterhaufen, von grausamer Entrechtung und kirchlicher Selbstgerechtigkeit und bildet zu Shakspeares Drama eine jedenfalls interessante und wertvolle, vielleicht sogar moralisch notwendige Ergänzung. (Denn ohne Zweifel entläßt uns das Drama unbefriedigt und ungewiß über Scheilocks Schicksal). Aber dennoch zweifeln wir am künstlerischen, absoluten Wert des kulturhistorisch hochwertigen Romans. Dazu ist das Buch zu sehr konstruiert, zu sehr mit historischen Einzelheiten überladen, zu sehr zweckhaft mit archäologischem Wissen bepackt, es weht kein künstlerischer Atem, es fehlen die ästhetischen Ruhepausen und psychologischen Untermalungen — Staunen und Grausen' ist der Bodensatz des Buchs, nirgends ist eine Möglichkeit ruhig harmonischen Genießens, Scheilock bleibt auch im Roman der hoffnungslose Bewohner des Erebos, als den ihn schon das Drama vorgezeichnet hat, ohne aber das Unheimliche, Dämonisch-Zyklopische, von -Shakesspeares Shylok aufzuweisen. Es ist also kein irgendwie ebenbürtiges Seitenstück zu Shakespeare. Das Buch ist als erster Versuch der Rechtfertigung und des Aufbaus eines Lebensbildes von Scheilok in Romanform würdig und stark und bildet ohne Frage eine Bereicherung der Scheilok-Literatur. Die unsterblich monumentuale Mensch-Teufelsgestalt des Shakesspeareschen Genies ist zwar im Roman auf menschliche Masse zurückgeführt, dennoch aber hat der Scheilock des Romans seine prachtvolle Würde und Leidenschaft und ist in seiner finsteren Entschlossenheit und Geschlossenheit von einem einheitlichen Wurf. Das Buch hat tiefen Stimmungsgehalt; eine wahre Erholung nach all den rosenroten Schilderungen der Lehmann, Berliner, Sulzbach und anderen, von dem nur farbenfrohen Leben der Juden im mittelalterlichen Ghetto. Es ist für uns ein lehrreiches, tief nachdenkliches Gefühl, hier zu sehen, wie tragisch mitunter das Judenschicksal in dem prunkreichen, schönheitstrunkenen Venedig oder Rom gewesen, welches Uebermaß von Leiden unsere Brüder als Ausgestoßene der Gesellschaft dort über sich ergehen lassen mußten. Bleibt noch die Frage, ob im Leser nach der Lektüre dieses Romans alle Zweifels fragen über Scheilock zum Schweigen gebracht sind. Ob nicht etwa noch immer z. B. die Frage ungelöst bleibt: Hat der weise, besonnene Scheilock (als solchen zeichnet ihn ja der Verfasser) nicht unbesonnen gehandelt, als er vor dem Gericht in Venedig seiner Privatrache zuliebe mit dem Leben Antonios und der unglaublichen Herausforderungen der Christengesellschaft auch das Leben aller seiner Glaubensbrüder in Venedig und Rom aufs Spiel setzte? Oder: Erklärt sich Scheilock nicht etwas schnell vor dem Hohen Rat zur Taufe bereit? Diese und andere Zweifel zu bannen, ist auch dem klugen und geschickt motivierenden Verfasser nicht