Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 4 (1932)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- Seite 54 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 54 Z I O N Nt. 6/7 praktische Sache, durchaus Wirklichkeit, Verwirklichung Tat, in zahllosen Einzelheiten vom Gesetz geregelt und mit Schutzzäunen umgeben, alles aber als dargelebter Ausdruck einer Fülle von Ideen, von Geist, einer ganzen Weltanschauung. Oder sehen wir das Grund- und Begründungsfest des jüdischen Volkes an, P e s s a c h. Eine Reihe von Vorschriften bestehen für dieses Fest, Ge- und Verbote.Schon die Bibel selbst schärft jedoch dabei ein: „Wenn eure Kinder euch fragen werden, was. soll euch dieser Dienst? So erklärt.. " Oder: „Du sollst deinem Sohne (auch) erzählen an jenem Tage.." Und in der „Hagada" für Pesach heißt es: Rabban Gamliel sagte, wer am Pesach nicht auch bespricht folgende drei Dinge, nämlich Pesachopfer, Ungesäuertes und Bitterkraut (drei Hauptvorschriften des Festes), hat seine Pflicht nicht erfüllt. Das Gesetz, das Brauchtum, das Tun, bilden das Konkrete, das Grundlegende, woraus aber der Sinn, der Geist, erschlossen, zu Bewußtsein' gebracht werden soll. Oderdenken wir endlich an das große Gebot der Nächstenliebe. In anderen Religionen hat sich seiner weithin die Hagada bemächtigt, es näher begründend, gefühlsmäßig einprägend, dichterisch verherrlichend. Das alles tut die jüdische Hagada zwar auch, aber wesentlich und vordringlich bleibt der Bibel wie dem späteren Schrifttum doch das Praktisch-Gesetzliche daran: den Bruder nicht hassen, den Fremden nicht bedrücken, Verlorenes zurückbringen, selbst dem Feinde, den Andern nicht belügen und nicht betrügen, den Lohn des Arbeiters nicht vorenthalten, das Recht des Armen nicht beugen, kurz und allgemein: den Nächsten lieben, denn er ist wie Du, den Fremden lieben, denn er ist wie Du. Aus diesen Ge- und Verboten entnimm den Sinn, den Geist, die Weltanschauungsgrundläge, das einwohnende Glaubensmäßige! Keiner unter den Neueren hat das Verhältnis zwischen „Halacha und Aggada" so wundervoll darzustellen verstanden wie B i a 1 i k. Die Halacha ist die Kristallisation der Hagada, die Hagada ihrerseits strebt, in der Halacha feste Form zu gewinnen. Bialik führt neben anderen Beispielen eine Mischna aus dem Traktat Sabbat an. Darf man am Sabbat mit Waffen ausgehen? Ein Rabbi hält es für erlaubt, die Weisen jedoch verbieten es, weil Waffen eine Schande für den Mann sind. Denn es heißt (Jesaja): „Ihre Schwerter sollen sie umschmieden zu Pflugscharen .." Eine trockene Halacha über erlaubtes und verbotenes Tragen am Sabbat — aber wie viel Hagada, Glaube, Weltanschauung, ist hier „kristallisiert!" Andere Völker und Religionen haben andere Aus.drucksmit.tel ihres Geistes, ihrer innerjn Wesenheit, ihres irrationalen Selbst oder oder wie man sonst dafür sagen mag. Sie drücken ihr Inneres unmittelbar und vorzugsweise aus in Schöpfungen der Kunst, der Wissenschaft, der Philosophie, der Technik, eines Kultus, einer Dogmatik usf. Israel hat im Gesetz das adäquate und spezifische Ausdrucksmittel seines Geistes, seiner weltanschaulichen, glaubensmäßigen Wesensinhalte und -Streburigen. Nie verzichtete es freilich darauf, sein Inneres auch in der Hagada auszusprechen, in Geschichtsdarstellung, Erzählung, Dichtung, Philosophie, Mystik, Kultus. Sein eigentliches und vorzügliches geschichtliches Organon ist jedoch das Gesetz. Gesetzeslehre, Gesetzesforschung, Gesetzeserfüllung, Gesetzesentwicklung — gesetzliche Gestaltung und Ordnung seines Lebens als eines „Priesterreichs und heiligen Volks" tums. Jüdische Religion will mehr sein als eine Weltanschauung, ein Glaube. Darum erschöpft sie sich nicht in Hagada. Aber sie will auch mehr sein als eine Gesetzesverfassung. Darum erschöpft sie sich nicht in Halacha. Jüdische Religion be-" deutet das volle, umfassende Leben des jüdischen Volkes als die gesetzlich gestaltete sinnfällige Wirklichkeit einer großen und weiten Weltanschauung. Die Rodgeser Gruppe in Erez-Israel Aus einem Briefe von . D. Intrilligator. (Fortsetzung). 2. Kibbuz. Der Kibbuz umfaßt die Gruppe der Menschen des Rodgeser Kreises, die für die Siedlung die Kwuzahform gewählt und sich zu einer „Kwuzah" zusammengeschlossen haben. Es waren verschiedene Gründe, die dazu geführt haben, aus der ursprünglichen Form der Kooperativensiedlung zur Kwuzah mit all ihren „Ja-Aber*1 hinüberzugehen. Die Kooperative ist nicht geeignet, Menschen, die eng miteinander leben, die eine gemeinsame Wohnung und eine gemeinsame Küche haben, auf die Dauer zu befriedigen. Der Unterschied im Lebensstandard der einzelnen Chawerim, die durch die Ungleichheit des Verdienstes und der Ausgaben eines jeden einzelnen entstehen, bringen einen Mißton in die Gemeinschaft und bieten manche Reibungsflächen für das enge Zusammenleben der Chawerim. Vor allen Dingen ist aber die kooperative Form sowohl aus wirtschaftlichen Gründen als auch um der Gemeinschaft Willen nicht geeignet, eine neue Alijah