Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 3 (1931)
- Issue
- 4 (4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- Seite 37 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 4 Z I 0 N Saite 37 zahlenmäßig starke Fraktioa aufmarschieren und Machtpositionen erringen zu können. Daß eine Kultur- und Weltanschauungspartei wirkliche Erfolge (d. Ii. Erfolge für die Idee und Erweiterung der Einflußsphäre und nicht nur für die Erweiterung der Machtsphäre) nur durch systematische Kultur- und Erziehungsarbeit und durch das lebendige Beispiel erzielen, kann, bleibt ganz unberücksichtigt. Mit diesen „Prinzipien" der Misrachiarbeit stehen die Methoden in unlösbarem Zusammenhang: in der wirtschaftlichen und kolonisatorischen Tätigkeit völlige Planlosigkeit und Desorientierung, mangehr.'e organisatorische, technische und finanzielle Fundierung, Fehlen jeglicher Kontrolle und Ausscha'- tung aller fachmännischen Kräfte; in der Politik prinzipienlose, von reinem Opportunismus diktierte Prestigetaktik, die dem jeweils populären Schlagwort nachläuft und sich den Vorurteilen, Stimmungen, Sym- und Antipathien politisch unaufgeklärter Mitläufer anpaßt (in der Periode der „Konsolidierungspolitik'" — Arbeiterhetze, heute — Weizmannhetze), ohne den geringsten Versuch, zu brennenden Fragen unter dem Gesichtswinkel der Misrachiidee und des zionistischen Gesamtinleresses Stellung zu nehmen. Es erübrigt sich, auf die Erfolge dieser Politik und Taktik einzugehen, die sich im völligen politischen, geistigen, moralischen und materiellen Bankrott der Misrachi-Wehorganisation äußern und im Begriff sind, auch die Misrachiidee zugrundezurichten, sofern es nicht hoch im letzten Augenblick gelingt, die Idee von den heute die Organisation beherrschenden, stark diskreditierten Vertretern loszulösen. Ueber die politische, organisatorische, kolonisatorische und wirtschaftlich-finanzielle Leistung des Weltmisrachi dürften die Akten wohl geschlossen sein. Dagegen ist noch einiges zur Kultur- und Erziehungsarbeit, insbesondere zum Schulwerk, zu sagen, dem Dr. Grünberg den Hauptteü seiner Ausführungen widmet. (Es ist freilich traurig, daß die grundlegenden weltanschaulichen und kulturpolitischen Fragen, die Dr. Grünberg anschneidet und deren Ernst und Tragweite ich durchaus anerkenne, in diesem Zusammenhang diskutiert werden müssen. Wenn wir dem Weltmisrachi und seinen Führern den Vorwurf machen, daß bei ihnen die Thora (vielleicht nicht subjektiv, aber doch objektiv) zu einem Instrument der Parteipolitik wird, so erblicke ich eine verhängnisvolle Folge der Zugehörigkeit des deutschen Misrachi zu dieser Weltorganisation darin, daß auch wir leicht in Versuchung geraten, religiöse und kulturelle Fragen zu Argumenten in politischtaktischen Streitigkeiten zu degradieren. Schötij dieses allein sollte uns veranlassen, einer sofortigen definitiven Loslösung zuzustreben.) Dr. Grünberg beanstandet in seiner Kritik der Ausführungen von Ernst Simon und von mir die Charakterisierung der Misrachierziehung als weltanschaulich und pädagogisch reaktionär und als klerikal. Hierzu ist zu sagen: ein Werk kann nur gewertet werden, wenn man es in seiner Totalität, d. h. unter Mitberücksichtigung des Rahmens, in dem es ausgeführt wird, und des Zweckes, dem es dienstbar gemacht wird, betrachtet. Es soll nicht bestritten werden, daß die Leitung des Mnrachischulwesens ein gediegenes Unterrichtsprogramm a;:szua beiten verstanden hat und daß gute Lernerfolge in den allgemeinen und in den jüdischen Fächern erzielt werden. Ein besonderes Schulwerk und gar noch eins, das — wie das Misrachischulwerk — seine Eigen- und Sonderart betonen muß und soll, hat aber nur dann Sinn, Berechtigung und Wirkungsmöglichkeit, wenn es auch der Ausdruck' einer umfassenden Kultur- und Weltanschauungsbewegung ist, die das ganze private und Gemeinschaftsleben auch außerhalb der Schule zu erfassen und selber nach ihrem Programm zu gesta'ten bemüht ist. Handelt es sich gar — wie in Erez- Israel — um die Neuschaffung eines Gemeinschaftsdaseins, so ist eine Erziehung in einem bestimmten Geiste nur dann möglich, wenn auch der ihr adäquate Rahmen geschaffen wird, indem derselbe Geist sich in einer Volksbewegung manifestiert, die gleichzeitig den politischen, kolonisatorischen und sozialen Aufbau erfaßt. Die Organisation, die das Misrachischulwerk trägt, entzieht sich aber, wie oben dargelegt, bewußt und systematisch der Aufgabe, diesen Rahmen zu schaffen, ihr Erziehungswerk ist daher nicht im Leben verwurzelt und erscheint vielfach nach außen lediglich als Instrument im politischen Macht- und Einflußkampf. Kinder und Jugendliche verstehen vieles falsch, aber sie empfinden das meiste richtig, und der ausgesprochen negative Erziehungserfo!g der Misrachischulen, trotz ihrer guten Unterrichtserfolge, dürfte wesentlich durch diese Tatsache, bestimmt sein. Ein gutes Schulwerk in der Hand der Menschen, die heute den Misrachi beherrschen und in der Atmosphäre, die sie erzeugen, m u ß erfolglos bleiben und sich sogar negativ auswirken, indem die hinter dieser Erziehung stehende religiöse Idee diskreditiert wird. Das Misrachischulwerk mit seinen 70 Anstalten und 7000 Schülern entläßt seit etwa zehn Jahren alljährlich mehrere hundert Jugendlicher ins Leben; warum treten, diese Tausende vom Misrachi Erzogenen im palästinensischen Leben, zumindestens in der Jugend, nicht in Erscheinung? Warum vermag der Misrachi die Eltern der Siebentausend, also Menschen,