Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 4 (1932)
- Issue
- Heft 9 (September 1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 77 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Z I ON Seite 77 zu verzichten, führen sollen. Dieser Typus des jungen, bewußten Mädchens ist vielleicht das bedeutendste Ergebnis des Kompromisses von Thora mit Cerech Erez, und hier im Lande, in dem die religiösen Frauen größtenteils unwissend sind, gibt es ein großes Arbeitsfeld für Frauen aus Deutschland. Man denke nicht, daß es sich hier um Aufklärung handeln kann. Jeder, der kommt, sei uns gesegnet. Es darf keine Auswahl geben bei dem Aufbau einer Gesellschaft. Es komme, wer will, und stärke die orthodoxen Reihen, im Handel und iu d^r Industrie, im Leben und im Geist. Die große Krise unserer Bruder in Deu.schland, die Lüden, die ihnen noch bevorstehen, sind eine dringende Mahnung, sich selbst nach Palästina zu reiten. Die Paläsiina-Be»vegunng unserer Zeit die zur Balfour-Deklaraiion führte, ist providentiell. In diesen Tagen hat sich die Bewegung der Mittelstandskolonisation in Paiäetina verstärkt und bietet auch der deutschen Orthodoxie Gelegenheit, Anteil zu nehmen. Vielleicht lag es in der Art der Kolonisation, daß die deutschen Juden an der bisherigen Kolonisation so wenig beteiligt waren. Bis jetzt gab es kaum wirksame Hilfe für die städtische Kolonisation, und da die deutsche Judenheit hauptsächlich für städtische Kolonisation in Frage kommt und vorwiegend für einen bürgerlich-kapitalistischen jischuw geeignet ist, fand sie für sich bis jetzt keine Möglichkeit, sich i*n Lande zu betätigen. Ihrem Wesen nach sind sie keine Stürmer. Es ist klar, daß eine Gesellschaft des aufgeklärten Orthodoxen ein ihr genehmes Milieu, eine entsprechende Atmosphäre schaffen könnte. Diese Frage ist eine der wichtigsten Fragen dys religiösen Judentums in Palästina. Ihre Zahl hier ist wohl größer als in den sonstigen Städten und Gegenden Osteuropas. Sie zählt eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten. Thorah und iiaskalah sind hier in großem Maße vertreten. Aber diese aufgeklärten Orthodoxen leben im Lande verstreut, ohne daß sie sich ein eigenes Milieu geschaffen hätten. Wäre ein solches vorhanden, so hätte es viel dazu beiget aje % c ie Schwierigkeiten der Einwanderung für aufgeklärte Orthodoxe zu beheben und hätte ihnen ermöglicht, unter Gesinnungsgenossen im Lande Fuß zu fassen. Es ist nicht daran zu denken, daß mar. eine große Anzahl dieser Juden der Landwirtschaft zuführen kann. Es handelt sich bei ihnen notgedrungen um städtische Kolonisation, Mittelstandskolonisation. Hierfür müßte man in den Reihen der Orthodoxie Propaganda machen. Das einzige Mittel zur Ueberwindung der Schwierigkeiten zur Einwanderung orthodoxer Juden aus Deutschland besteht in der Schaffung einer geschlossenen Einwanderung von Familien und Gruppen. Vielleicht sollte eine Gesellschaft gegründet werden, die die Möglichkeit bietet, im Lande zu sparen (durch den Bau von Häusern und sonstigen Abzahlungsgeschäften). Eine solche Gesellschaft könnte ein eigenes Viertel in den Städten bauen, das für deutsche Juden bestimmt wäre. Dort würden sie eigene Bethäuser haben. Die G:fahr der Eigenbrödelei, der Entfremdung von anderen Jischuw besteht nicht, denn sie würden durch die Lebensnotwendigkeit, durch die Liebe zu Land und Lehre, zu überwinden sein. Vielleicht sollte man für die deutschen Juden Industrie- und Handelsgesellschaften im Lande gründen. Mehr als andere Juden sind sie für Handelsgesellschaften geeignet. In Deutschland gibt es Spezialisten für die Einrichtung koscherer Hotels in modernem Stil. Vielleicht lohnt es sich, eine Gesellschaft zum Bau von Hotels, einwandfrei koscher und komfortabel ausgestaltet, zu gründen. Vielleicht ließen sich alte Leute, die von dem Ertrag ihres Vermögens leben, ins Land bringen; sie würden Menschen im besten Mannesdalter nach sich ziehen. Die Jugend kommt — wenn auch in geringer Zahl — bereits jetzt. Der Umschichtun^sprozeß geht in der ganzen Welt vor sich. Die Zahl derer, die sich dem Handwerk zuwenden, ist groß, viele von ihnen werden vom Lande angezogen. Aber die jungen Leute, die ins Land kommen, finden keinen Anhang in der jüdischen Gesellschaft, in Familien, in den Sitten- und Lebensgewohnheiten ,und es kommt deshalb oft vor, daß sie andere Wege gehen. Ich weiß, unzählig sind die Fragen, unzählig die Schwierigkeiten. Die Kindererziehung in eher neuen Umgebung ist ein schweres Problem; aber wirklich, kein Land bietet weniger Hindernisse ais Palästina für eine wahre jüdische Erziehung. Palästina kennt kein Gesetz, das den Unterricht fre:>Jrcr Sprachen und Literaturen obligatorisch macht. Es besteht kein irgend wie gearteter Zwang seitens der Behörden. Wir können selbst bestimmen und entscheiden. Keine Gesetze und Vorschriften, die sieh auf Institutionen des Thorahstudiums im Lande beziehen. Es gibt in Palästina Schuie.i verschiedener Art, die auf einem im Gallith unerreichten Niveau stehen, sowohl hinsichtlich der Klasseneinteilung als auch der Vollkommenheit im Talmud-Studium und in den sonstigen Lhiterrichts-Erfolgen .Wer seinen Kindern eiue.i Unterricht in der alten Form in jüdischer Sprache nicht geben will, findet im Lande den Typus der Misrachi-Schulen vor, in denen die Kinder ein Maß von allgemeinem und jüdischem WLsen sich aneignen ,das keine orthodoxe Schule in Deutschland erreichen wird; es bestehen im