Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 4 (1932)
- Issue
- Heft 8 (August 1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- Seite 67 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Z I 0 N Seite 67 Landes ist überhaupt nicht groß, aber doch ist in letzter Zeit ihre Wirkung im Lande zu erkennen. Nicht so der Anteil der deutschen Orthodoxie am Aufbau. Er ist nach wie vor klein und die Zahl der Deutschen gering. Von den ehrenvollen Kaufleuten und besseren Bürgern, die die Hauptstützen der orthodoxen Gemeinden sind, kann keiner ins Land, um dort ein Geschäft zu begründen. Nicht groß ist die Zahl der Einwanderer unter den Aerzten und Rechtsanwälten. Auch ältere emeritierte Rabbiner und Lehrer kommen nicht ins Land. Dagegen ist die Zahl der alten Rabbiner und Schochtim aus Polen und den sephardischen Ländern groß. Viele reiche alte Leute aus Amerika, Litauen, und Ungarn haben ihre Geschäfte aufgegeben und leben hier von dem Ertrag ihres Kapitals. Oft fangen sie hier sogar neue Geschäfte an. Jede Krise in anderen Ländern bringt neue Gruppen von Einwanderern. Jetzt, da auch Deutschland unter einer schweren Krise zu leiden hat, suchen viele Zuflucht in Nachbarstaaten. Warum wollen sie sich nicht nach Palästina retten, um dort ihre Ruhe zu genießen? — Es gibt eine Kwuzah von jungen, begeisterten Leuten aus Deutschland, die in der Nähe von Petach Tikwah ihre Siedlung baut. Aber sie sind die einzigen, die aus Deutschland gekommen sind, um die Ehre der deutschen Orthodoxie zu retten. Sie sind Revolutionäre in ihrem Lager. Für manche von ihnen war übrigens Deutschland nur eine Uebergangsstation aus Polen nach Palästina. Wo bleiben die fachmännisch gebildeten Landwirte aus Deutschland, wo die Kapitalisten, die einen Teil ihres Vermögens im Lande anlegen? Die Lage in Palästina ist leichter als in anderen reichen Ländern. Mancher reiche Jude, der nur wenig in Erez Israel erworben hatte, rettete, als später, durch die schwere Wirtschaftskrise sein Kapital in seiner Heimat verloren ging, nur das Wenige, das er in Palästina hatte. So bucharische Juden, die schöne Häuser in Jerusalem gebaut haben, nur um die Mizwah von Jischuw Erez Israel zu erfüllen, so viele amerikanische Juden, die in ruhigen Zeiten einen Pardeß im Lande angelegt haben. Die deutschen Juden, besonders die orthodoxen haben kein Interesse daran, in das Lanjd zu kommen, beteiligen sich nicht am Aufbau. Wir staunen über diese Erscheinung. Einiges kann man zur Erklärung anführen. Es scheint, daß auch die Wenigen, die ins Land gekommen sind, sich nicht akklimatisiert haben, der Umgebung fremd bleiben, sowohl der des alten als des neuen Jischuw. Noch leben in unserer Mitte zwei alte Gelehrte aus Sachsen, die in den Lehrhäusern in Jerusalem sich dem Lernen widmen, und unter den'Chassidim aus Brazlaw gibt es einen geborenen Bayern, der sich in nichts von den anderen unterscheidet. Anders die Orthodoxen, die jetzt ins Land kommen. Sie bleiben dem alten Jischuw fremd, und auch ihm fehlt das Verständnis für sie. Die Ursachen sind mannigfach. Das dort gesprochene Jiddisch wird von dem Deutschen nicht als Kultursprache angesehen, die Sprache ist die Scheidewand zwischen ihm und dem einfachen Juden. Ferner: Die aus Deutschland kommenden Baale Batim können wenig lernen. Sie finden deshalbkeinen Anhaltspunkt im alten, von Thora erfüllten Jischuw, keinen Gesprächsstoff, und es ist hart für einen Menschen im besten Mannesalter, sich selbst als als Am haarez anzusehen. Sitten und Gebräuche des alten Jischuw sind ihm fremd. Alles ist verschieden: Begrüßungs¬ und Entschuldigungsformen, Ehrenbezeugungen; der einfache Jude dort erscheint dem Deutschen als unkultiviert. Andererseits sind auch die Sitten der Deutschen dem alten Jischuw nicht recht. Ein berühmter litauischer Gaon kam einmal, so wird erzählt - mit einem bedeutenden deutschen Rabbiner, der die Ehrenbezeugungen nicht den Landessitten entsprechend wahrte, zusammen. Der litauische Raw soll sich darüber folgendermaßen geäußert haben. „Ich dachte, im Osten gebe es Thorah und im Westen Derech Erez. Jetzt sehe ich, daß sowohl Thorah als auch Derez Erez im Osten ist.'' Die Umgangsformen dieser beiden Stämme im Judentum sind beiden Teilen fremd. Die Fremdheit besteht sogar auf dem Gebiete der Frömmigkeit. Das geräuschvolle Gebet, ohne Ordnung und Form ist dem Deutschen zuwider. In Deutschland ist auch der orthodoxe Jude an Ordnung und Würde des Gottesdienstes gewöhnt. Kommt er ins Land, so findet er ein Ueberwuchern des Heiligen über das Profane im Leben und Geist und kann diese Fülle des Guten nicht vertragen. Auch wenn er in seinem Herzen dieser Erhabenheit des Lebens zustimmt, kann er sie doch nicht in sich aufnehmen. Der orthodoxe Jude aus Deutschland geht den ihm von der vorangegangenen Generation vorgeschriebenen Weg, aber er bedarf der Unterstützung, Leitung, des Gehorsams auf diesem zugleich heiligen und profanen Weg. Auch beim Primat des Heiligen im Leben, ist der Weg der Synthese nicht ohne Gefahr. Er staunt über das, was in seinem Innern vorgeht, ohne es zu begreifen. Auch das europäische Element in seinem Leben hat für ihn etwas vom Heiligen, auf das er nur sehr schwer verzichtet. Noch eins: Gerade die orthodoxen Juden haben sich an ein bürgerliches und bourgeoises Leben besonders gewöhnt, ein Leben des Wohlstandes, das nur wenig Entbehrung kennt. Die Leiden der Gerechten beschweren sie, und deshalb bleiben sie an dem Orte, der ihrem Wohlstand und ihren Gewohnheiten