Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 4 (1932)
- Issue
- Heft 8 (August 1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- Seite 64 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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S«itt 64 Z I 0 N Nr. 8 Entscheidendes geschehen und von hier aus auch die jüdische Welt erobert werden, wenn wirklich das zionistische Gesamtinteresse, das mit keinem Gruppeninteresse völlig zusammenfällt, willig in den Vordergrund gestellt würde. Das A.C. war friedlicher als viele seiner Vorgänger. So erfreulich diese Feststellung ist, so wenig kann ich in die Freudenhymnen einstimmen, die von mancher Seite gesungen wurden. Die Zufriedenheit mancher Teilnehmer ist nur ein Lob an die eigne Adresse, als Urheber der gegenwärtigen Koalition, und das Uebermaß an Befriedigung, vielleicht sogar ein Versuch, die Mängel zu verdecken, die man allzu deutlich empfindet. Es kommt hier nicht darauf an, wo man politisch steht. Auch jemand, der Dr. Weizmann ferner steht als ich, müßte von schweren Bedenken erfaßt werden, wenn er als Quell und Motiv der Beruhigung die Genugtuung darüber erkennt, daß ein großer Mann aus der Führung gedrängt ist; daß seine Persönlichkeit auch jetzt noch — ungeachtet seiner vorbildlichen Arbeit seit dem Ausscheiden und ungeachtet der durch ihn errungenen Erfolge, die für die Organisation vital sind - den Schlaf so mancher Zionisten stört, stimmt außerordentlich bedenklich. Die zionistischen Führer haben umgelernt und zugelernt. Manches ist heute erlaubt, was noch ganz kürzlich verpönt war. Das gilt für das arabische Problem, das gilt für eine Reihe Fragen politischer Natur. Freuen wir uns immerhin dieses Fortschritts. Es soll wirklich nicht so verstanden werden, daß wir Verständigung und Annäherung zwischen Gruppen und Anschauungen nicht wärmstens begrüßten. Wir möchten nur, daß nicht allein persönliche Liebe und Abneigung Anziehung und Abstoßung bestimmen, und daß unsere Haltung letzten Endes nicht hauptsächlich von Affekten bestimmt wird, sondern von sachlichen Beweggründen und endlich: es ist kein Glück für die Sache, überragende Männer auszuschalten. Der Haltung der Revisionisten wäre 'gleichfalls eine Betrachtung zu widmen. Diese Darstellung soll jedoch für den nächsten Monat verschoben und im Zusammenhange mit der Entwicklung der innerrevisionistischen Situation (Wiener Tagung) gegeben werden. Ueber Haltung und Rolle der Misrachi-Fraktion auf der letzten Sitzung des Actions-Comites in London zu berichten, ist aus manchen Gründen sehr schwer. Bei den Beziehungen, die zwischen dem Weltmisrachi und dem deutschen Misrachi seit dessen Austritt aus dem Weltverband herrschen, konnte ich keinen tieferen Einblick in die Tendenzen der Fraktion gewinnen. Ich habe die Tagung nicht bis zu ihrem Schluß mitgemacht, kann also nicht als Augenzeuge über den gesamten Verlauf Kunde geben, insbesondere nicht von den Beratungen des Administrative-Comite aus eigener Kenntnis sprechen. Endlich liegt mir alles ferner, als den Eindruck zu erwecken, daß ich als Antagonist und Gegner der Fraktion dort anwesend und tätig gewesen sei. Im Gegenteil: ich habe in London darauf Wert gelegt, zu betonen, und tue es auch jetzt, daß ich an den Beratungen teilgenommen habe, um mich zu informieren, meine Freunde ins Bild zu setzen, vor allem aber auch, um für Scheich-Abraik zu wirken. Das letztere beweist wohl deutlich, daß ich als Protagonist misrachistischer Interessen und Ziele tätig war. So habe ich auch, ungeachtet aller Distanz zu der misrachistischen Fraktion und ohne mich ihr zuzugesellen, mit einer Reihe Misrachisten Aussprache gepflogen. Meine Einstellung entspricht also in allem der grundsätzlichen Attitüde der unabhängigen Misrachi Landesorganisation Deutschlands, ohne irgend welche organisatorische Verbindung mit dem Weltmisrachi und ohne Einordnung in seine organisatorischen und politischen Grundsätze dennoch die misrachistischen Aufgaben der Erziehung, Kolonisation und vor allem der misrachistischen Arbeiterschaft zu fördern. Soweit ich also Einblick hatte, kann ich etwa. Folgendes sagen: Die Rolle des Misrachi unterschied sich nicht wesentlich von derjenigen auf früheren Kongressen und Tagungen. Die Rede R. Berlins in der Generaldebatte, die rhetorisch, wie immer, ziemlich wirkungsvoll war — er sprach hebräisch - stellte, wie das im Misrachi so Brauch geworden ist, partiell eine Oppositionsrede dar. Daß eine Koalitionspartei nicht diese Form der Stellungnahme wählen kann, hat in den Reihen des Misrachi noch immer keine Anerkennung gefunden. Gewisse Vorwürfe, die R. Berlin gegen Arlosoroff erhob, waren nicht sehr schlagkräftig und konnten deshalb unschwer zurückgewiesen werden. Das Bedauerliche in der Meinungsäußerung des Misrachi ist zudem eine zu sehr im Allgemeinen bleibende politische These, die der aktuellen Situation und den Schwierigkeiten nicht genügend Rechnung trägt. Diese Tagung war sonst dadurch charakterisiert, daß mancher Dogmatiker umgelernt hat. Ein lehrreiches Beispiel dafür war Grünbaum, dessen Erkenntnisse nicht gerade neu waren, von manchen bereits vor geraumer Zeit ausgesprochen und besser formuliert wurden, der aber doch durch den Fortschritt seiner persönlichen Einsicht nicht ohne Eindruck blieb. In der politischen Debatte sprach von misrachistischer Seite mit viel Temperament noch Dr. Nurok, der sich insbesondere für die Stärkung der außenpolitischen Front und größere Aktivität in Genf und bei den Regierungen ein-