Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 4 (1932)
- Issue
- Heft 4-5 (April 1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- Seite 44 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Soitf 44 Vr. 4/5 und Entwicklung des nationalen Gedankens im Judentum eingehender zu befassen. Herr Rabbi. Dr. Harry Lewy tat dies in einem großzügigen historischen Und weltanschaulichen Referat, das in der Forderung nach Ausgestaltung dieser Arbeit im Sinne der Idee des Misrachi ausklang. In einer Versammlung im Westen schließlich hatten wir die große Freude* unseren verehrten Gesinnungsgenossenj Herrn Prof; Fraenkel, über sfeine mehrjährigen Eindrücke und Erfahrungen aüs Erez Israel berichten zu hören, insbesondere war es interessant, über die kulturellen Probleme und hier Avieder insbesondere über die Fragen des Chinuchj Schulen etc. ganz ausführliche Mitteilungen zu erhalten, die man in dieser Offenheit und Klarheit des Urteils selten erfährt. — Wenn so eine ganze Reihe von wohlgelungenen Veranstaltungen der Oeffentlichkeit gezeigt hat, daß eine arbeitende Gruppe in Berlin vorhanden ist, so bleibt doch die Schwierigkeit gerade in heutiger Zeit, die Menschen zu finanzieller Arbeit für Palästina zu veranlassen, nach wie vor bestehen. Nach dieser Richtung hin soll die zukünftige Arbeit wesentlich gelenkt werden. Breslau. Im großen Lessingsaal veranstaltete die Misrachi-Ortsgruppe Breslau am 1. Mai eine öffentliche Versammlung, bei welcher der VorsL/.ende des deutschen Misrachi, Dr. Wolfsberg, einen Vortrag über „Die national-religiöse Position der Gegenwart in Palästina und in der Diaspora" hielt. Nach einleitenden Worten des Vorsitzenden der Ortsgruppe, Dr. Rabin, führte der Redner etwa folgendes aus: Nach den Erfahrungen der letzten Zeit ergibt sich für alle Juden die Frage, die der Zionismus nicht so sehr aus schwerer Not als aus klraer Erkenntnis gestellt hat, ob nicht die Begleiterscheinungen der Emanzipation für diejudenheit bedenklich seien. Der tragische Weg derjenigen Juden, die ihr Heil in der Assimilation suchten, ist ihnen von jüdischen Führern des Liberalismus gewiesen worden, dessen Problemstellung nicht die Gesamtheit als Gesamtheit sondern den einzelnen Menschen berücksichtigt. Eine kollektive Antwort auf die Tatsache der Emanzipation hätte ganz anders ausgesehen. Die Orthodoxie will die Zeit überwinden, indem sie diese negiert. -- Eine politisch unmögliche A ltwort. Auf diese Weise gefährdet die der Lage nicht adäquate Orthodoxie sich selbst und ihre Werte. Die Kollektivantwort der sogenannten Roten Assimilation betrachtet die Lösung der Judenfrage nur vom wirtschaftlich-sozialen Aspekt aus, indem sie die jüdischen Kräfte mit allen außerjüdischen kommunistischen vereinigen will. Dem ist entgegenzuhalten, daß der Ansturm gegen uns Juden und unsere Gefährdung nicht zusammenfällt mit der Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Marxismus. Dem Komnr-.nisYnus hat die Not der Zeit viele unserer jungen Menschen in die Arme getrieben, durchaus nicht häufip eine ruhige auf historischer Ueberzeugung basierte Orientierung. Hier droht dem Judentum schwere Gefahr, wie ein Blick auf Rußland lehrt. An die Stelle jüdischer Weltbetrachtung würde der Materialismus gestellt werden, was eine Bedrückung der Autonomie des Geistigen und Religiösen bedeutet: Die ruckweise Entscheidung vieler Jugendlichen ist eil Fluchtversuch, eine Flucht vorsieh selbst, vor unserer Gemeinschaft und vor Gott. Die Ahasvergc-stalt, die nie zur Ruhe kommt, entsteht neu. Eine wirkliche Antwort kann nur eine heroische sein, eine Zusammenfassung aller jüdischen Kräfte, mit einer starken Wendung nach innen und Ablehnung entscheidender Einflüsse von außen. Im Kriege haben die Juden an einem Heroismus teilgenommen, der nicht der ihrige war; jetzt sollen sie sich auf die eigene Aufgabe konzentrieren, auf ihr Land, das im Aufbau ist, auf die Sprache, die stets die ihrige war, auf unsere religiöse Tradition, die Wurzel unserer Kraft. Die nichtjüdische Umwelt blickt auf unser Werk, das nicht zuletzt soziale Ideen verwirklicht. Unsere in ure Freiheit ist in der Diaspora verschüttet, die äußere gewiß verloren. Bereits jetzt ist uns die palästinensische Judenheit in ihrer Ausgeglichenhcit überlegen, Palästina ist das Herz der Völker, ganz gewiß aber das unsrige. Wenn wir den Weg des Aufbaus mit Entschlossenheit gehen, so werden wir erstarken, und die Völker werden klarer als bisher erkennen, daß wir das ewige Volk sind. Dr. Rabin wies im Schlußwort auf die Bedeutung der Arbeit des Misrachi in Palästina hin, wo, abgesehen von der kolonisatorischen Tätigkeit, ein Drittel aller Schulen unter Leitung des Misrachi steht. Nach jüdischer Anschauung bedeutet ein leitendes Amt nicht Herrschaft, sondern Dienst. Dem Misrachi bei seiner gewaltigen Arbeit zu helfen, ist Pflicht besonders derjenigen Gesetzestreuen, die außerhalb stehen. Wer nicht die anderen großen Lasten zu tragen hat, soll wenigstens seine Kraft für das Schulwerk einsetzen; die eigentlich dazu Berufenen haben kein Recht, sich der Verantwortung zu entziehen. — Trotz wiederholter eindringlicher Aufforderung, abweichende Ansichten zum Ausdruck zu bringen, meldete sich niemand zur Diskussion.