Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 4 (1932)
- Issue
- Heft 3 (März 1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 27 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Z I O N Seite 27 Elend, Leiden und Tod ein Gottgesandtes ist, ja, daß Sünde selbst und Verbrechen nicht als Hindernisse, sondern als Fördernisse des Heiligen zu verehren und nicht zu verachten seien. Und schließlich die vierte, letzte Stufe: die Ehrfurcht vor sich selbst, die unschätzbare Gabe der Selbst würde, durch die „der Mensch zum Höchsten gelangt, was er zu erreichen fähig ist." Hier spricht abgeklärteste Weltweisheit orphysche Urworte von menschlichem Mitverstehen und menschlicher Selbstbescheidung, die jedem Zaddik zur Zierde gereichen und jedem Geschlechte zu Leitsätzen werden können! Hier spricht ein Wissen um das Geheimnis religiösen Erlebnisses und Weltgeschehens, eine demutvolle Verehrung des Traditionellen und Göttlichen im Menschen, die keinen Zweifel zuläßt, daß Goethe sein Leben hindurch eine t i e f r e 1 i g iö s e N a t u r geblieben ist. Freudig dürfen daher ar.ch wir religiösen Juden uns zu Goethe bekennen und ihn nicht nur als eines der größten Gestirne am Menschheitshimmel bewundern, sondern ihn auch als einen Wegweiser und Schicksalskünder für ,uns und unsere werdende Jugend dankbar betrachten und lieben. Und mehr als je tut uns Heutigen mehr Goethe not! Gerade heute, wo die Tendenz unserer jüdischen Jugend dahin geht, nur aktivistisch jüdisch zu sein und so manches Mittelgut fremder Kulturen über Bord zu werten, darf Goethe und die Pflege und Erkenntnis seiner Kunst in ihrer unvergleichlich harmonischen Geschlossenheit nicht leiden. Es ist eine große Gefahr, daß unsere Jugend die ganze seelische und künstlerische Verfeinerung, die unsere alleren Generationen dem eingehenden Studium Goethes verdankten, versäumt und sich selbst bei einer nur jüdisch orientierten Kultur um viele intellektuelle und künstlerische Güter ärmer macht und letzten Endes auch ihr Verständnis unserer neuhebräischen Dichter, die fast alle bewundernd zu ihm aufblickten und geistig vielfach auf seinen Schultern stehen, unvollkommen bleibt. Mehr Ehrfurcht! dies ist die Mahnung Goethes an das werdende Geschlecht. Mehr Goethe! dies sei der Mahnruf, den wir an unsere werdenden Zionspioniere richten möchten. „Erez Jsraei-Problematik" Wir haben *s' bisher vermieden, uns in den Blättern des „Zion" in polemische Auseinandersetzungen mit Presseäußerungen anderer Richtungen einzulassen und würden, dem Charakter dieser Zeitschrift entsprechend, auch jetzt davon absehen, wenn nicht der „Israelit" im Leitartikel seiner Nummer 13 unter obigem Titel u. a. schwere Angriffe gegen unsere Hachscharah-Arbeit in Deutschland gerichtet hätte. Der Artikel ergeht sich zunächst in längeren Ausführungen über den Zusammenbruch des Zionismus, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll. Er stellt dann fest, daß auch im Kreis der gesetzestreuen Jugend in Deutschland ein verstärkter Palästinawille vorhanden sei, der aus verschiedenen — außerjüdischen Triebkräften gespeist sei, daß aber auch „die halbunbewußte Ahnung hinzutrete, daß sich in der angeblich rein jüdischen Umwelt eine jüdische Kultur samt der dazu gehörigen Weltanschauung entwickeln werde." Er vermißt bei dieser Jugend das religiöse Motiv, hält ihre Palästinasehnsucht für einen „Religionsersatz" und hält es für eine „Heuchelei, dieser Jugend eine religiöse Inbrunst anzudichten". Er kann zwar nicht verschweigen, daß die Hachscharah-Arbeit des Brith Chaluzim Datiim, der auf ausgesprochen gesetzestreuem Boden stehe, uneingeschränkte Anerkennung verdiene. Aber vor dem Geist, der den Bund beherrscht, könne nur gewarnt werden. Man vermisse „die Schwungkraft jugendlicher Begeisterung für den Sieg der Torahwahrheit und die Offensivkraft zur Wiederbekehruug des ganzen jüdischen Volkes für die Torah." All diese Erkenntnisse sind dem Schreiber dts Artikels nicht etwa in persönlicher Fühlung mit dem Bund oder dessen leitenden Menschen gekommen; er hat sie vielmehr Briefen, Aufsätzen, Kundgebungen des Bundes entnommen. Es wäre empfehlenswerter gewesen, sich die Menschen und die Arbeit auf unserem Lehrgut anzusehen, um zu erkennen, welches die Motive der Erez Israel-Sehnsucht dieser Jugend sind, wie die geistige Situation im Bund ist und wo seine Problematik liegt. Diese Problematik beginnt nicht im Bund. Sie liegt in dem — zumeist religiösen - Milieu, aus dem die Chawerim kommen und sie umfaßt zwei Seiten. Einmal ist es die für eine aufrichtige Jugend unerträgliche Trennung der religiösen von der beruflich-gesellschaftlichen Sphäre, eine Trennung, die in weiten, dem bürgerlichen Mittelstand angehörigen Kreisen der westlichen Orthodoxie so selbstverständlich geworden ist, daß man diese Diskrepanz fast schon als naturgegeben ansieht. Mit dieser Zwiespältigkeit hat sich dieser Kr«is der gesetzestreuen Jugend nicht abgefunden, und die vor einiger Zeit erschienenen Führerhefte des „Esra" zur Berufsfrage z. B. mögen dem „Israelit" zeigen, daß der „Esra"