Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 4 (1932)
- Issue
- Heft 3 (März 1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 26 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 26 -i- Z I 0 N Nr. 5 sich aufgenommen hat, empfängt den Schauer ewiger Größe, den Eindruck der Einmaligkeit eines reinen Schöpfungserlebnisses. Irdisches und Himmlisches berührt sich in seinen Gestalten, welche, elementar und doch künstlerisch gebändigt, in jedem von uns verwandte Saiten zum Erklingen bringen. Nichts Menschliches ist ihm frernd und doch ist nichts in seinen Dichtungen so alltäglich oder niedrig, daß es durch ihn nicht geadelt worden wäre. Sein Universalismus ist unendlich. Kein Gebiet menschlichen Geistes, zu dem seine weltumfassende Seele keine lebendige Beziehung geschaffen hat. Goethe behandelt oft nichts als die alltäglichsten und unendlich oft besungenen Gefühle von der Nähe der Geliebten, von Schmerz und Trennung und vergeblicher Sehnsucht, jedoch tut er dies in so eigenwertiger, rührender und naturhaft gewachsener Weise, die Jugendlichkeit seiner Schöpfungen und die rätselvolle Tiefe des Gefühls in seiner Lyrik ist so unnachahmlich, daß die unmittelbare Gültigkeit seiner Gestalten und Schöpfungen jedem Fühlenden noch heute wie mit Zauberschlag zum Bewußtsein kommt. Die Mystik seiner Gefühlswelt, ist überirdisch groß und strömend wie eine elementare Naturerscheinung, sein Bild ist naiv schwebend und quellend ,und doch von immanenter Gesetzmäßigkeit wie eine Kunstschöpfung. Seine Dramatik gibt dem Suchenden noch heute Trost und Erlösung in den Verstrickungen des Lebens. Sein „Faust" ist auch für uns „die weltliche Bibel", das Drama der Wiedergeburt und des unermüdlichen Aufstrebens dessen, der „immer strebend sich bemüht", das Werk trägt immer noch den mit den ewigen Ratschlägen Ringenden in höhere Sphären und weist den h seinem Schaffen Irrenden und Zweifelnden hier auf die Wege des Friedens und der Versöhnung. Die Unzulänglichkeit menschlichen Mühens, die Unvollkommenheit irdischen Tatendrangs, aber auch die Möglichkeit werkeschaffender Vervollkommnung — nirgends hat dieser Zwiespalt so wesenhaften Ausdruck gefunden wie im 2. Teil des „Faust". Der Gegensatz zwischen Idealismus und Realismus, zwischen titanischem Streben und relativer Erfüllung, zwischen Ewigkeit und Augenblick, die Kluft zwischen Begierde und Genuß, zwischen wissenschaftlichem Forschertrieb und erreichbarem Wissen, zwischen Alliebe und Einzelliebe, die Disproportion zwischen himmelanstrebender Welterfassung und Beschränktheit menschlichen Erkenntnisvermögens, das Mißverhältnis von Gut und Böse in dieser Welt, diese ewigen Rätselfragen unserer Propheten, eines Hiob, eines Koheleth — sie haben im „Faust" dramatische Gestaltung und geprägte Form gefunden, dergestalt, daß es nicht gewagt ist, dieses Werk als eines der religiös wirksamsten Bücher der Weltliteratur zu bezeichnen. Treffend drückt Wilhelm v. Humboldt das Weltumfassende und alle menschliche Erkenntnis Erweiternde des Goethe' sehen Geistes in einem Briefe an Caroline so aus: „denn es ist seiner Natur eigen, alle die verknüpfenden Anschauungen und dies Forschen nach dem ganzen und vollen Wehen der Dinge, wie sie über sich und unter sich aneinander grenzen, in sich zu haben, auf dem auch alle Weltverknüpfung in der Wirklichkeit und Unendlichkeit beruht." Auch uns Juden geziemt es, bei den Goethefeiern dieses Jahres nicht abseits zu stehen, sondern dankend den Segen zu sprechen: Baruch schenatan mechochmato lebassar wadam, gelobt der Herr, der von seiner Herrlichkeit mitgeteilt einem Großen der Erde. Goethes Menschentum und sein umbildender Geist sind so groß gewesen, daß er, wie kaum ein zweiter Dichter, das Große jüdischen Geistes und Schrifttums von früh auf erkannt und auf sich hat wirken lassen. Wir Gläubige:i haben alten G:u;;d, uns auf Goethe zu berufen in unseren über allem Skeptizismus unbeirrbaren Glauben an die V r - kraft der Religion als metaphysisches Erlebnis. Für diesen Großen im Geiste stand das Göttliche im Menschen für alle Zeit fest. Fernab von allem Rationalismus und Materialismus seiner Zeit hat Goethe das Unabweisliche, Verehrungsheischende der positiven Religionen stets betont und sie als eine Forderung des Lebens selbst in unzähligen Gedichten, Aussprüchen und Gestaltungen dargelegt. So lautet einer seiner frühesten Aussprüche (1773): „Ich weiß nicht, ob man die Göttlichkeit der Bibel einem beweisen kann, der sie nicht fühlt, wenigstens halte i c h es für unnötig". Man lese nur das erste Kapitel aus seinem reifsten Romanwerk: „Wilhelm Meisters Wanderjahre" (II. Buch), den Abschnitt, wo er sich über Religion als Erziehungsmitt e I ausspricht und seine Jünger vier Arten der Ehrfurcht lehrt. Die erste Stufe: die Ehrfurcht vor dem, was über uns ist, die Lehre, daß ein Gott da droben sei, der sich in Eltern, Lehrern, Vorgesetzten abbildet und offenbart. Die zweite Stufe: die Ehrfurcht vor dem, was neben uns ist, die Achtung vor dem Ebenbilde Gottes im Menschen, die soziale Ehrfurcht vor den Menschen und ihren Gesetzen, die uns den „Weg zur Heiligkeit emporführt". Die dritte Stufe: Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist, die Erkenntnis, daß Niedrigkeit, Schmach und