Mannheim
Compact Memory

Zion · 1932-03-01 · Heft 3 (März 1932) · p. Seite 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
4 (1932)
Issue
Heft 3 (März 1932)
Date
1932-03-01
Page
Seite 24 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3133276-3139319-3139321--0626-3140066
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 24 Z I 0 N Nr. 3 Schriften lesen. Wo? in den demokratischen Blättern und den anderen der „Hindenburg-Front". Ist doch ihr Kandidat gewählt werden. Mit absoluter Mehrheit gewählt worden. Und während das Hakenkreuz „Deutschland erwache!" brüllt, singen sie das Schlummerlied für alle Besorgnisse. Mein Kindchen, was willst Du noch mehr? Die Wahlen haben gezeigt, daß das deutsche Volk sich zu seiner Verfassung bekannt hat (mit 53 gegen 47«,o). Darf man sich fragen, wie die Wahl ausgefallen wäre, wenn nicht den nationalistischen Hetzern ein Mann als Gegenkandidat gegenübergestanden hätte, der seit der Ostpreußenschlacht von 1914 eine mystische Verehrung genießt? Darf man fragen, wie die Statistik ausfallen würde, wenn man untersuchen könnte, wieviele auch unter den noch gegen Hitler abgegebenen Stimmen von Menschen stammen, die gegen freiheitliche politische Entwicklung sich auflehnen? In unserem Fall, die sich zu einem Anti- oder Asemitismus bekennen, der nur graduell verschieden ist von dem, der unter dem Hakenkreuz einherheult? Man muß es fragen. .iS nns nx Sikc-> jnv lvstsn Und wer nicht zu fragen weiß, den kläre auf! Er könnte, eingebettet in die Hindenburg- Front, zu der ja schließlich auch unter anderen Graf Westarp und seine Gefolgschaft gehört hatten, sich zurückträumen in die Zeiten, die zwar auch ganz gewiß nicht frei waren von Judenfeindschaft, in denen aber doch eine aufrecht bürgerliche Schicht da war, die eintrat für unsere bürgerlichen Rechte, \yenn wir angegriffen wurden. Wo sind die Zeiten hin? Wie fern scheinen sie uns, wenn wir in alten Zeitungen, in alten Parlamentsberichten blättern. Wo sind die Zeiten des politischen Liberalismus hin, in dem geistige Führer des erstarkten Deutschland sich zusammenfanden, voller Stolz im Geist fortschrittlichen Denkens, voller Esprit die Feder und das Wort führend? Wo ist dieser Liberalismus? Nicht einmal der Name ist geblieben ... Anders allerdings in der jüdischen Politik. Hier ist... hier ist..., ja hier ist der Name des Liberalismus geblieben. Das muß zugegeben werden. Jeder Blick in die Protokolle der Gemeinde und des Landesverbandes zeigt es uns. Was man auch kritisieren mag, der Name ist geblieben. Und die Tradition des Gemeindeliberalismus? Nun, auch die große Zeit des politischen Liberalismus war keine große, schöpferische für den jüdischen Geis'. Auch damals nur un Geist schä:fster Intolerenz, der sich gegen seine damals einzigen Gegner, den religiös-konservativen richtete. Wie Stöckers Angriffe sich gegen den Geist der jüdischen Religion richteten, so auch die seinen. Jetzt hat er seinen Frieden mit den Konservativen geschlossen, aber artähnlich wie der Antisemitismus jetzt sich völkisch basier:, so richtet sich die Energie des Liberalismus gegen das nationale Judentum, das er bekämpft bis aufs Messer, dem er die Existenzberechtigung abzuerkennen sich unterfängt. w- Der Ausgangspunkt des Kampfes, der jetzt leider so viel Energie auf beiden Seiten verbraucht hat, der Kampf um die Hilfe für den Chaluz-Verband, ist bekannt. Wer etwas aus seiner Klause hindurchgehört hat, weiß, daß nichts von jüdischer Leistung so dazu beigetragen hat, dem Namen unseres Volkes Eiire zu machen, wie das, was durch unsere Pionierarbeit in Erezisrael geschieht. Man mag, auch wenn man nicht zu den Liberalen gehört, es bedauern, daß Lei-' stungen bedeutender Juden draußen nicht als jüdische Leistungen gewertet werden, daß man Schnitzler oder Einstein nur als Deutsche, Samuel und Reading nur als Engländer wertet. Die Leistunoder Chaluzim drüben aber, sie hat den jüdischen Namen, der jüdischen Energie und Aufopferungsfähigkeit Respekt verschafft. In relativ bescheidenem Umfang hat die jüdische Gemeinde die Arbeit des zentralen Hechaluz gestützt, ihm die Durchführung seiner schweren Vörbereitungsarbeit erleichtert. Zehn Jahre lang. Bis zum Sieg der Liberalen. Das erste Opfer, das fallen mußte, war die Dotierung des auf Grund früherer Verständigung mit ihnen geschaffenen Lehrstuhls an der hebräischen Universität. An die Macht gekommen, entzog man sich dieser Verpflichtung. Und was geistiger Arbeit recht ist, soll der körperlichen billig sein. Weg mit der Stütze für den Chaluz. Ein Augenblick schien ein „Kompromiß" zu winken. Ein Kompromiß, das zeigte, daß nicht die materielle Not der Gemeinden und des Landesverbandes Schuld war an der Entziehung der Stütze für den Hechaluz. Das Geld sollte gegeben werden, aber nicht wie sonst den Verbänden, sondern nur •-w ]'eoi den Kandidaten, die ihre Bedürftigkeit nachweisen können. So wenig ein Orthodoxer treife essen würde, so wenig könne man es ihm zumuten, für die Subvention an einen natiönaljüdischen Verband zu stimmen, sagte der liberale Sprecher in der Berliner jüdischen Gemeinde. Was zu dieser Einstellung der Liberalen in Verband und Gemeinde zu sagen war, ist leicht zu denken:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.