Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 4 (1932)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Z I 0 N Nr. 1/2 Aus der Bewegung. Berlin. Eine im engeren Kreise am 7. Februar stattgehabte Aussprache über „Die national-religiöse Position in der Gegenwart" leitete Dr. Wolfsberg durch eine Auseinandersetzung mit den wichtigsten politischen und geistigen Zeitströmungen inner- und außerhalb des Judentums ein. Im folgenden werden lediglich einige Gedankengänge wiedergegeben. Er ging davon aus, daß in der gegenwärtigen Situation Auseinandersetzungen dieser Art vor allem praktische Ziele verfolgen und nicht in der reinen Theorie stehen bleiben müßten. Sie müssen insbesondere dem Versuch dienen, Einfluß auf diejenigen Menschen zu gewinnen, die noch um die Entscheidung ringen. Seit Jahrhunderten gab es keine schicksalsschwerere Zeit als die jetzige. Die schweren Kriegsopfer wurden leichter ertragen und haben die Menschen nicht so erschüttert, als die Verarmung und Deklassierung jetzt. Die Not der Zeit hat die Menschen kopflos gemacht und ihnen jede jüdisch bestimmte Orientierung geraubt. Die Erklärung hierfür liegt im Psychologischen. Die Grundhaltung bei der Teilnahme am Kriege war noch ein Tribut an die Emanzipation. Nur wenige fühlten die Tragik, immer wieder Objekt zu sein und nie eigenes Schicksal zu gestalten. Der Heroismus und die Auffassung vom Tode auf dem Schlachtfelde durchdrang auch das Judentum. Dagegen hat der gegenwärtige Prozeß des sozialen Umbaus das Judentum vollständig unvorbereitet getroffen. Der Reichtum, der zu lange in der sozialen Struktur des Judentums hoch bewertet wurde, ist auf einmal geschwunden und mit ihm der Glaube an die Zukunft. Eine Neuorientierung ist für jeden einzelnen um seiner persönlichen Selbstbehauptung wiflen erforderlich. Der Schwerpunkt muß außerhalb der eigenen Sorgen und der Bedürfnisse des Tages gefunden werden. Die Jugend identifiziert die Elterngeneration mit dem bürgerlichen Liberalismus, der Schiffbruch erlitten hat, wendet sich von ihr ab, weil sie keine innere Kraft der Selbstbehauptung bewiesen hat, identifiziert auch die jüdische Vätergeneration mit dem Liberalismus, glaubt deshalb keine Lösung innerhalb des Judentums finden zu können und strebt nach außerhalb. Denn außerhalb der jüdischen Sphäre liegt das Reich des Kommunismus. Die Jugend muß über die polemische Taktik des Kommunismus in der Diskussion der Judenfrage aufgeklärt werden. Sie muß erschüttert werden und erfahren, daß sie wieder einmal, wie so manches Geschlecht vor ihr, auf der Flucht vor sich selbst, vor der eigenen Substanz begriffen ist, wenn sie den Weg zum' Kommunismus geht. Will sich die deutsche; Judenheit behaupten, so muß siesich auf ihr Eigenstes, auf das Judentum in seiner ganzen Lebensfülle zurückziehen und ihren eigenen Weg, gehen. Die Betonung defs Zusammenhanges mit dem nationalen Judentum und die Orientierung anf Erez Israel könnte auch die Jugend fesseln. Die Orthodoxie und c'er Liberalismus haben menschlich und politisch keine jüdisch-ac'äqiate Haltung u d sind deshalb nicht attraktiv; denn keiner, der ieUt erschüttert ist, wird befriedigt: sich einer Gruppe zuwenden, die ihm nicht aus ihrem Kraftmlrielpunkt auch vor allem eine Antwort aüf die; Schicksalsfragen der Zeit geben kann und diese liegen eminent im Politischen. Der Ausschluß dieser Sphäre aus der rein und einheitlich jüdisch bestimmten Denk- und Gefühlswelt erweist die Unzulässigkeit der nichtzionistischeii Gruppen. Die Synthese aller jüdischen Werte ist heule notwendig. Die Antwort auf die Not der Zeit ist festes Beharren in der Tradition. Die religiöse Idee, die nicht d^m Gesetz if.i'.ösbar verbunden ist, trägt uns über den Tag hinaus. Aus ihr fließen die Kraftströme, die uns helfen, das Chaos zu überwinden. Die Zusammenfassung der religiösen wie der nationalen Idee £ibt jener die Kraft der Aktualität und den Mut zu klaren Richtlinien, dieser die Weihe und Verknüpfung der höheren, zeitlosen Ebene. Alle Entscheidungen heute haben ihren Ausgangspunkt in der Fläche der Politik, steigen freilich über sie empor und sicherlich sind die Lbcn, die die historischen Entwicklungen bestimmen, oberhalb dieser Ebene lokalisiert. Aber die Zusammenhänge mit der politischen Sphäre zu verkennen, wäre bedenklich. Der nationale Gedanke in zionistischer Ausprägung gibt allein eine Antwort auf die jüdische Frage, weil er allein das jüdische Problem ganz ernst nimmt und keinem anderen, das bestenfalls ein partielles des Menathheitsproblems ist, unterordnet, d. h. eben, versklavt und damit vernichtet. Sichert doch die politische Lösung des Zionismus potentiell auch dem Einzelnen seine Zukunft, gewiß aber der Gesamtheit. Es gibt trotz aller Schwierigkeiten auch genügende Möglichkeiten, Menschen nach Erez Israel zu bringen, die dort eine glückliche Heimat finden können. Jedenfalls schafft die gegenwärtige Situation viel Günstiges für den Zionismus und den Misrachi. Die darauffolgende Aussprache war ganz vom Ernst der Probleme getragen. Eingehend wurden die theoretischen und praktischen Wege der Abwehr des vordrängenden Kommunismus und sei-