Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 3 (1931)
- Issue
- 10-11 (11.1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 107 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. iOt ZION Seite 107 Sch. J. Agnon. (Fortsetzung). Agnon ist in den Sagen zu großer Ruhe und Einfachheit gelangt. Alle großen Menschen sind nur zur Einfachheit gekommen, nachdem sie über sich selbst Herr geworden sind; Agnons Einfachheit in der Sage (so in Kindergeschichten: „Zippori") ist jene letzte Einfachheit, die von Können zeugt. Die Sage schafft sich in ihm ihre Form, und er — Agnon — vollzieht ihr Werk. Das ist der Geist des echten Volksmärchens. Im allgemeinen hält sich Agnon von Sagen fern, die schon einmal aufgeschrieben worden sind:, er sammelt Sagen, die von Mund zu Mund wandern, oder er schaut sie selbst, schöpft sie aus seinem Innern, so echt, daß viele glauben, ihm stehen alte Quellen zur Verfügung. Da leuchten inmitten seiner Sagen alle Heiligtümer auf, die heute noch das Volk im Galuth beseelen: das Sabbathlicht („das Schwert Dubischs"), das inbrünstige Gebet, die Flamme der Thora („die Tonne des R. Jochanan".). Er hat Fäden gezwirnt, die die Sage früherer Geschlechter gesponnen hat, und es läßt sich schwer finden," wo er die Fäden verknüpft hat. In der Geschichte von R. Gadiel dem Kind können wir klar erkennen, wie sich ein Phantasiegeschöpf aus alten Quellen in seinem Geist verwandelt, aus einer Form in die andere eingeht. Es taucht früher an anderen Stellen in seinen Erzählungen auf, in einer anderen Gestalt als die, die ihm zuletzt zusagte (im Munde der Frau R. Raffaels des Thoraschreibers, in der Erzählung „Mit unseren Jungen und mit unseren Alten" im Munde Chemdaths.). Zuerst kommt R. Gadiel aus höheren Sphären, wie einer der himmlischen Boten im Buche Sohar, er wacht dort über der Welten Tore. Nachher finden wir R. Gadiel den „Knaben" -- auch Chenoch — Matatron wird Knabe — im visionären Midrasch wieder und in Schriften kabbalistischer Seher. Da ist er dann in die mittleren Welten hinabgestiegen, ist vom Weibe geboren. Und wieder verläßt er auch diese Gestalt und kleidet sich bei Agnon in eine andere, wird zum Däumling, erregt Heiterkeit, und wenn er auch noch irgendwie im Himmel wurzelt, so haftet doch Erdgeruch an ihm. Agnon erzählt in seinen Erzählungen von der Sehnsucht seines Volkes nach seinem Land. „Der Sendbote" wird zum Lied der Liebe zur Erez Israel, in der Form, die sie Jahrtausende lang angenommen hatte. Der Alte, der seinen Essig macht, tröstet sich, wenn er von Erez Israel träumt. Und da ist die Geschichte von der Ziege, die ihren Weg durch eine Höhle nach Erez Israel findet (es gibt ja keinen Ort im Galuth, von wo man nicht irgend einen Zugang nach dem heiligen Lande fände), diese Geschichte, die in unseren Kleinsten die uralte Liebe zum Lande einpflanzen wird. Seine Geschichten sind eine Verherrlichung geworden für das Galuthland Polen, das edle Land, das für die Bewahrung der Thora von altersher bestimmt". So aus tiefster Inbrunst heraus hat noch niemand die Seele des Galuth in seiner tiefsten Leidensstation geschaut. Die Eigenart von Agnons Schaffen, das langsame Herauswachsen seiner Erzählungen muß verstanden werden aus den Nuancen der verschiedenen Bearbeitungen, aus beiläufigen Bemerkungen. Anscheinend schöpft er immer wieder aus seinen eigenen Schriften, spinnt den alten Faden immer weiter, und im ganzen Werk ist kein Anfang zu erkennen. Er wird nichts Neues schreiben, immer wieder schreibt er sich selbst ab, holt aus seinen eigenen Schätzen hervor. Seine allerersten Anfänge liegen noch in der Zeit, wie er noch nicht Agnon war; mit ihrem Wesen und Ausdruck will ich mich hier nicht beschäftigen. Es kommt vor, daß seiner Feder ganz nebenbei, wie unerwartet, etwas entschlüpft, das aber keine Lebensfähigkeit hat; ein andermal schafft er mitten aus der Arbeit heraus irgend ein Bruchstück, läßt* s liegen, und im Laufe der Jahre wächst es allmählich, mit Unterbrechungen, erweitert sich und schwillt an, schmerzhaft und quälend, rund all' die Jahre hindurch schreibt er ab, formuliert neu, arbeitet unermüdlich um, bis er schließlich aufhört und unvollendet veröffentlicht. Man erzählt über den Maler Feuerbach, daß er Zeit seines Lebens an seinen Bildern herumarbeitete, bis sie sich unter seiner Hand vollständig veränderten und seine Freunde, sie ihm mit Gewalt entrissen und zur Ausstellung schickten. „Und das Krumme wird gerade") hat drei Auflagen gehabt, die „Erzählung des Thoraschreibers" hat er zuerst jiddisch erzählt (im Lemberger Kalender 5666 und nachher hebräisch im „Lus" im „Brunnen Miriams" und zuletzt erzählt er sie sich selbst in „Die Gemeinde der Gerechten"). Auch Agnons Stil hat vielen, die nur die äußere Form sehen und nicht das Charakteristische, das Verständnis erschwert. Als die Aufklärungszeit ihrem Ende zuneigte, als die Schriftsteller anfingen, das Leben des Volkes freimütig zu schildern, ohne die Erzählung mit biblischen Namen und Phrasen und mit papiernen Gefühlen zu schminken, machte sich das Bedürfnis nach einem besonderen Stil für die Volksdichtung bemerkbar. Auch unter den großen Schriftstellern der anderen Völker waren einige, die für die Masse des Volkes dichteten, die nach volkstümlichen Ausdrucksmitteln suchten, wenn sie des hohen Pathos müde waren, und die zum Urquell der Sprache hinabstiegen. Aus volkstümlichen Redewendungen, aus der Gefühlsweise und dem Gedankengang des Volkes schufen sie den Stil und brachten dadurch der Menge den Stoff nahe. Bewußt oder unbewußt entsteht die Frage eines volkstümlichen Stils am Wendepunkt einer Epoche: R. Mendele hat einen volkstümlichen Stil geschaffen, der den Geist des Jiddischen ins Hebräische überträgt. Um die Eigenschaften der einen Mischsprache wiederzugeben, hat er Ausdrücke und Redewendungen aus dem jüdischen Aramäisch und dem talmudischen Hebräisch benutzt. Die Sprache ist hebräisch — aramäisch; aber der Geist ist jiddisch. Obgleich dieser Stil aus dem Geist des Volkes entstanden ist, ist er dem Volke schwerer verständlich als die biblische Sprache. Eine Nebenbemerkung in diesem Stil trägt immer den Ausdruck von Spott und Hohn, vor denen man sich nicht retten kann, weil der Stil seine Färbung aus verschiedenen Sprachelementen empfangen hat. Anders sieht der volkstümliche Stil aus, den Bialik in seinen Volks-