Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 3 (1931)
- Issue
- 10-11 (11.1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 108 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 108 ZI 0 N Nr. 10 Hedem geschaffen hat. Er strebte hier nach volkstümlicher Einfachheit, und die Ausdrücke und Redewendungen nahm er aus denselben Quellen, aus denen auch das Volk schöpfte, aus Gesäugen, Gebeten, geläufigen Bibelsprüchen. Andere Schriftsteller haben versucht, aus alten Stoffcii einen Volksstil zu schaffen (I. L. Perez in einem Teil seiner Erzählungen; aber man weiß ja nicht, wie weit sein Stil sein Eigener ist, und M. i. Berdiczewski in einigen seiner letzten Erzählungen „Aus der nahen Vergangenheit"); aber sie haben es nicht zur Vollkommenheit und zu klaren Farben gebracht. Der Volksstil Agnons ist auf einem anderen Wege au großer Vollkommenheit gelangt; er wählte einen Hebräischen Stil, der zu seiner Schöpfung paßt. Das Volk hatte ja niemals das Hebräische verlassen, die Sprache nie aufgehört, im Volk zu leben, und so schuf Agnon einen Volksstil aus schriftlich Ueberliefertem, in dem das Volk zu uns spricht. Er lernte es, die Sprache des Geschlechtes von vorgestern zu sprechen. Die besondere Pnraseologie von überlieferten Geschichten und Büchern der Exegese, von Familienbriefen und Gebeten, von Genealogieregistern und Verfolgungsedikten, Gemeindebüchern und Ritenaufzeichnungen, gab ihm die Ausdrücke zur Schöpfung dieses Stiles, der von Anfang an zugleich hebräisch und volkstümlich ist, denn daß er hebräisch ist, macht seine Volkstümlichkeit aus. Besonders beeinflußte ihn zu dieser Zeit der große Anonymus „Chemdath Jamim", in dessen Geist und Sprache er eindrang. Man hat bei uns «och nicht die ganze Sprachgewalt dieses großen Wortkünstlers erkannt, dessen herzlichen Wortreichtum und kostbare Andeutungen voller Symbole Agnon entdeckt hat. Ja, manchmal geht Agnon so in seinen Geist ein, daß er sich selbst „Baal Hachemdath" scheint und sich selbst so nennt, und Chemdath ist der Held in vielen seiner erschienenen und auch nicht erschienenen, aber uns doch bekannt gewordenen Erzählungen („Im Bund des Lebens", über dessen Verlust wir uns nicht trösten können). Die Sprachelemente dieses Stiles wählten die Verfasser nach Gutdünken und gaben ihnen so ihr Gepräge. In diesem Stil war seinerzeit keine Spur von Spott, selbst wenn der Ausdruck witzig zu sein scheint. In diesen alten Quellen lebten die Verfasser, in ihnen fanden sie vollen Ausdruck für ihr Fühlen. Das war noch nicht die Sprache des Volkes, sondern die der Mittelschicht, doch war diese Trägerin des Hebräischen. U e b e r ihnen standen die Großen, die schriftlich in lebendigem Stil Thora verbreiteten, und unter ihnen Stumme, die ihrer stummen Seele in keiner Sprache Ausdruck geben können. Die Arbeit des Schreibens war diesem Geschlecht nicht leicht, zögernd, versuchend griffen sie zur Feder und hörten wieder auf, um nachzudenken und die Ausdrücke abzuwägen. Nicht das Wort war der Träger des Gedankens und des Gefühls, sondern die Verbindung der Worte, die vererbte Redewendung. Diese Sprache, die mit Reminiszenzen beladen ist, durch Nebengefühle betont, die der Tonfall von Gescnlcchtern begleitet, wurde zu Agnons Stil. Und so entstand dieser Stil: er spricht in einer Spracne, die das Hebräische des Volkes war, als das Volk noch seiner Seele treu war, ehe ein fremder Strom in unser Leben hineindrang. So schrieben sein und mein Großvater Briefe an Freunde, so schrieben sie ihren letzten Willen auf, und so erzählten sie ihren Kindern ihr Leben; möglicherweise hat Agnon in seinen Werken wohl einmal ein Schriftstück wortwörtlich aufgenommen, so wie es ihm von den Alten dieses Geschlechtes überliefert worden (der Trostbrief des R. Avigdor). Für Agnon war dies nicht der Stil eines anderen Geschlechtes, er lebt und denkt in ihm. Er stie'g ja zu denselben Quellen hinunter. aus denen das Volk sein Seelenleben schöpfte. Er lernte die ganze Gebärdensprache des Volkes alle feinsten Regungen und seine sprachliche Unbeholfenheit. Er spricht ja zu seiner eigenen Seele. Er braucht seinem Gedanken in dieser Sprache keine andere Form zu geben; denn von Anfang an hat er nur die Gedanken dieses Geschlechtes gedichtet und gedacht. Und er erzählt ja von dem Leben jener Tage. Der Inhalt jenes Lebens verlang dringend gerade diesen bestimmten gewichtigen Stil. Auch Agnon wird das Schreiben nicht leicht, die Merkmale der verschiedenen Bearbeitungen sind. noch zu erkennen, und man kann viel aus den Varianten lernen. Er hat seine Sprache fast im Trotz erwerben. Aus allen Entwicklungsstufen der Sprache und der Literatur brachte er Schätze ans Licht, er hat unbekannte Ausdrücke entdeckt, hat Sprachwerte erneuert und neue Ausdrückegeprägt. Seine Kraft im Verarbeiten und Ausschmücken ist groß, die Neuzusammenstelluiig gibt dem Worte Farbe, und er weiß es, Worten und Bildern den beabsichtigten Ton zu geben. Das Stammeln der Sprache, das Stocken in der Formgebung sind getreuer Ausdruck des Stammeins des Volkes in seinem Denken und seiner Erzählungsweise. Alles hat er hier in den Farben der Vergangenheit gezeichnet, alles ist hier schwer von dem Gewicht der Gefühle und Begleitumstände, von alten Redewendungen, das Neue wächst hier immer aus den alten Furchen, kein Fädchen ist ohne Verbindung zu den alten, und im Gewebe kann man sie nicht mehr von einander unterscheiden, alles wird durch seine Feder neu, alles wird durch die Macht seiner Feder sein Eigentum, und alles ist doch auch alt, stammt aus der Vorzeit. Manchmal fühlt man den Rhythmus eines alten Satzes, und es steht doch kein Wort davon da, man erkennt eben nur den vertrauten Klang. Die Sprache kann selbstverständlich auch als Werkzeug des Spottes anstelle des Humors und des Scherzes dienen. Dadurch, daß er ein Wortbild aus seiner Umgebung herausnimmt, daß er für einen Ausdruck eine stärkere Schattierung wählt, kommt er zu neuartigen Formen des Spottes. (Schluß tolgt). Verantwortlich für die Redaktion: Isi Eisner. Berlin N 24. Monbijouplatz 10. — Verlag des „Zion": Isi Eisner, Berlin N 24, Monbijouplatz 10. — Druck: O. Fürst, Berlin W 30. Goltzstraße 26.