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Zion · 1931-10-01 · 8-9 (10.1931) · p. Seite 87

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
3 (1931)
Issue
8-9 (10.1931)
Date
1931-10-01
Page
Seite 87 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 8/9 Z I 0 N Seite 87 aber keine Kraft und Stärke. Seine Schöpfung wird weiter leben, aber den Typen, die er geschaffen hau ist keine Ewigkeit beschieden. Er hat die jüdische Liebe gesellen, wie sie mit ihrem wahren, reinen Blick dasteht und ihre Seele sich sehend verbiergt. Man hat diesen Geschlechtern nachgesagt, daß sie die Liebe nicht kannten, weil sie nicht so lebten, wie sie sich heute in den Menschen und den Büchern zeigt. Er hat in der „Erzählung des Thoraschreibers'" das hohe Lied der jüdischen Liebe in vergangenen Zeiten gesungen. So sehr diese Liebe hier eingeengt ist, sie bewahrt sich doch ihre ganze Unschuld; .ihre Wahrheit und ihre Treue enthüllt sicli hier, und zu allerletzt vertieft sie sich in Mysterien. Da klingt die Liebe zweier Alten aus einer Geschichte und die stumme Liebe stummer Seelen erschüttert die Seele in einer andern. Fast wie der Mißklang einer gesprungenen Saite wirkt der Liebesakkord in „Obadjah der Krüppel", obgleich wir die innere Notwendigkeit in der Handlung verstehen, wie eins das andere bedingt, wie der Kote, Obadjah gegenüber gestellt werden muß. Das Lied der jüdischen Lieb-' hat vor Agnon niemand mit diesem vollen Klang und diesem Jubel gesungen: von der keuschen Liebe für einander bestimmter Seelen, vom innersten Sehnen bedrückter Herzen, vom Sinn jüdischer Liebe. Große Schriftsteller werden durch ihre Frauentypen gekennzeichnet. Agnon hat die Mühsal hart gewordener, abgearbeiteter Frauen gesehen, deren Seele vom Leben müde geworden ist, und wie 'lieben sie doch dieses ihr Leben! Kreindel Tscharne mit dem harten Gemüt und der Bitterkeil im Auge, trägt zuerst tapfer das Leben ihres Mannes mit, bäumt sich dann gegen die Fesseln der Verlassenheit auf, und zuletzt läßt sie sich trösten und trägt in ihrem neuen Leben ihre Sehnsucht in sich. Das ist eine echte jüdische Frauengestalt, nichts ist an ihr verschönt. Da ist Esther Malka, die Frau des Parneß, die sich dem Manne gegenüber ganz aufgibt, die „fromme Frau", die nichts anderes kennt als den Willen ihTes~Mannes7*""Da ist die Frau des R. Schime Nathan, die streitsüchtige, deren Gesicht vom dauernden Hader entstellt ist. Und doch liegt von der Würde einer Mutter über ihr. Auch den stillen Frauen, die lange Jahremit demütiger Hingabe ihren Plerrschaften dienten, die sich zur Familie gehörig fühlten und an deren Ehre teil hatten, auch ihnen hat er in seinen Erzählungen ein Denkmal gesetzt; er hat sie liebevoll geschildert in ihrer Arbeitslast, wie sie sich mit dem Leben abfinden und ihre Treue bewahren. Zirel Treine (Lasunka") („Vor der Gewalt des Bedrückers") Zlate' („Der Verstoßene"). Aber es ist noch ein anderer Typus in seinen Erzählungen da: liebliche Jungfrauen, zarte Frauen, scheue Mädchen, die auf Zehenspitzen gehen. Sie hat die harte Wirklichkeit nicht berührt, sie entwickeln sich nicht zu einem ausgeprägten Charakter, sie verzittern in der Luft wie die verlorene Weise einer traumhaft tönenden Harfe Mumchah, die Verlobte Gerschoms, Zilla die Fromme, die Frau R. Raphaels. Der Parneß, der Gewaltigeder Gemeinde zieht Agnon an, sind das vielleicht Nachklänge alten Familienerbes? R. Awigdor (Der Verstoßene) ist der einzige in Agnons Werk, der zu einer gewaltigen Gestalt gewachsen ist. Wie ein entstelltes Abbild dieses Parneß erscheint R. Isroel Schlomoh; sie haben viel Gemeinsames in ihrer Herochbegierde und ihrem Willen zur Macht, in ihrem Verhältnis zu ihren Untergebenen; nur daß die Liebe jedem ein anderes Gepräge gibt und des einen Antlitz einen warmen Ausdruck verleiht, während der zweite finstere Züge trägt. Aber auch ihm gegenüber ist Agnon voll Liebe; Agnon hat hier als einziger in der Literatur einen Gestrengen wie diesen Mann geschildert, aus dessen Augen doch innerer Glanz hervorbricht. Manchmal glücken ihm auch Gestalten, die nur vorübergehend auftauchen und nicht als Ganzes erfaßt werden können: der volkstümliche Typus des Iissachar Sched („Lassunka'-), Zilla, diese leuchtende Mädchengestalt, die plötzlich aus der Dunkelheit auftaucht und jäh wieder verschwindet. Der Dichter schafft sich in seinen Gestalten wieder, die Schicksale seines Lebens finden in seiner Dichtung Ausdruck. Das gibt die Möglichkeit, aus dem Werk die Persönlichkeit plastisch zu erfassen. Aber der Schaffende sieht immer wieder andere Seiten seines Selbst und erscheint in seinem Werk nicht als eine Persönli chkeit. Die Persönlichkeit legt sich in ihre Eigenschaften auseinander, die jede einer neuen Gestalt Inhalt geben, und die G eschlos jeniieit dieser Gestalt hängt von der Größe ihres Schöpfers ab. Welche Gestalten Agnons tragen sichtbar sein Abbild.-1 Schwer ists von dem Dichter zu zeugen, dessen LiecTnoeh klingt. Aber A'ndeutungen müssen wohl gegeben werden, die Frage der Persönlichkeit in der Dichtung überhaupt nicht zu berühren, ist unmöglich. In den Erzählungen aas der Jugendzeit, die er uns als letztes Geschenk gegeben hat („Zippon") die Tcfillin des R. Elimelech, „der Schatz meines Großvaters" schildert er seine eigene Jugend, ex ist das Kind, von dem er erzählt. Nicht viele haben wie er in das Seelenleben eines jüdischen Kindes hineinblicken können, in seinen Schmerz und seine Freude, in sein Hoffen und Bangen. Und viel von dieser Kiendlichkeit ist ihm ja bis zuletzt geblieben. Es ist seine Jugendgeschichte, die er hier erzählt.

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