Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 3 (1931)
- Issue
- 8-9 (10.1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- Seite 86 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 86 Z I 0 N Nr. 8/9 und über R. Israel Schlömöhj den Parneß, und seine Katze wird an verschiedenen Stellen gesprochen )i Das zeigt, das seine Gestalten für ihn selbständiges Leben bekommen haben, es liegt darin Streben nach einem abgeschlossenen Werke. Die Entwicklung läßt sich noch nicht überschauen, der Künstler und sein Werk leben unter uns; eine Krisis, die ihn nicht zerbrechen konnte, hat wohl eine Pause, nicht aber den Abschluß seines Schaffens herbeigeführt. Die epische Dichtung, die eine neue Well erschaffen, die dem Leben Form geben und Geschehnisse, wie sie gewesen sind, erzählen will, kann nicht aus einem verhärteten, leeren Herzen kommen. Die Größe des Künstlers liegt zwar darin, daß er über den Geschehnissen, über den Handelnden und auch über sich selbst steht. Aber nicht der ist der große Künstler, der die Schmerzen seiner Geschöpfe nicht mitempfindet, sondern der, der ihre Leiden kennt, dessen Seele mit ihnen vor Schmerz aufzuckt. Nur der Dichter, der in die tiefsten Gründe der Seele seiner Geschöpfe hinabsteigt und dabei seine Persönlichkeit aulgeben und zugleich in den Dingen leben und über ihnen stehen karrn,. nur er ist wirklich Dichter. Nur aus einer solchen doppelten seelischen Einstellung heraus kann der epische Dichter die Dinge aus den Fesseln, in denen sie eingefangen, erlösen, kann er eine organisch atmende Welt schaffen und ein Stück mitten aus dem Leben heraus als Ganzes hinstellen. Agnon will den jüdischen Menschen in seiner Eigentümlichkeit erfassen, will seine Umgebung geben, sein Herz und seine Seele erkennen, seinen Kummer und seine Freude aufdecken, er hat niemals dieser Welt Freund sein wollen. Er lebt in dem Geschlecht, von dem er erzähit. ganz zu innersl lebt er sein Leben, saugt seinen Gefühlsreichtum in sich ein; seine eigensten Erlebnisse gehen in die Erzählung ein. Wer das Wesen nacl^chaffendei Kunst nicht versteht, nennt sie Nachahmung, weil er nicht zwischen gekünstelter Altertümelei und lebendiger Vergangenheit unterscheiden kann. — Agnon lebt dieses Leben der Gegenwart. Einer unserer Rabbinen sagte über ihn „=>eine Schöpfung quillt ganz unmittelbar aus dem Quell''. Seine Darstellungskraft, mit der er die kleinsten Einzelheiten in ihren echten Farben und Tönungen erfaßt, ist sehr reich. Wohl nicht viele Menschen jener Zeit haben so tief in ihr Leben geschaut. Selbst ihnen hätte er vieles enthüllen können. Mit welcher wissenden Liebe hat er Fcstmahlzeiten geschildert, der Geist aller Familienopfer weht übee ihnen, und selbst in der Speiscordn ang liegt gewichtige Tradition; so das Hochzeiismahl der Vortrag des Bräutigams über eine schwierige Frage {.,Lehre und Größe"4, „Vor dein Z \>rn des Bedrängers4') und die Freude des Bar-Mizwah („Zwei Paare"), die Dankmahlzeit und die Mahlzeit Melaweh Malkah („Der Verstoßene") und die Mahlzeit der Chewrah Kadischa. Agnon hat viel in der Welt unseres lieben Herrgott und seines Volkes gesehen. Er deckt viel aus dem Leben des Juden auf. Seine Geschichten werden später als Quelle zir Charakteie:forschung vergangener GexheLhte: dienen. Selten nur schmilzt er verschiedenartige Zeiten zusammen und läßt der Erfindungskraft ihren Lauf. Auch die Natur ist bei ihm in ihrem ganzen Wesen jüdisch: „Unreine Tiere und Vögel gehen an heiligen Orten nicht vorüber, und die Singvögel kommen zu Frühlingsanfang wieder, um zu hören, wie jüdische Kinder im Cheder Schir Haschirim singen. („In der Erzählung des Thoraschreibers") Sein Verhältnis zu den Tieren überrascht: so scheint's, als ob die Katze des Parneß die Seele des Besitzers angenommen hat, und plötzlich enthüllen sich wieder all seine lächerlichen Herrschaftsgeliiste. Gegenstände und Worte, werden von selbst Symbol, wie wir es bei allen großen Erzählern finden, die Natur selbst ist ja voll von Symbolen und Hinweisen auf Höheres. In den Zizith von Frommen ist Leben, Tefillin entscheiden das Schicksal eines rein sich liebenden Paares, in einem Essigkrug ist ein Menschenleben eingegraben, eine Pfeife verhindert Kindersegen, der Goldpfeil im Haare eines Mädchens wird zum Zeichen ihres Lebens, die Feder auf dem Bett wird Symbol der Reinheit in dem stillen Zimmer. Wenn man diese Kapitel gelesen hat, wird man solche Symbole nicht wieder leicht vergessen. Viele, die die tatsächlichen Verhältnisse nicht kennen, glauben daß Agnon dem Chassidismus sehr nahe steht und ihn geschildert hat. aber so> ist es nicht. Die galizischen Städte hingen nicht alle dem Chassidismus an. und die Geburtsstadt Agnons, Buczacz-Schibbuseh hat ihr Charakterbild, das ihr vor der Ausbreitung des Chassidismus zu eigen war. auch nachher nicht geändert, trotzdem dort R. Awraham Dawid gelebt und gewirkt hat. Man kann leicht den Unterschied zwischen Agnon und R. Mendele kennzeichnen: R. Mendele hat das Typenhafte im Leben erfaßt und das individuelle Seelenleben vernachlässigt. Seine Zeltgenossen haben ja ihr individuelles Leben in typischer Form gelebt, frühere Geschlechter bahnten den Nachkommen schon d:n gesicherten Weg. und jeder Einzelne gehört in seine Umgebung. Aber in den Typen R. Mendeles liegt Größe. Agnon versteht mehr den individuellen Seelenausdi uck dieser typischen Gestalten, und das beeinträchtigt irgendwie die Klarheit der Linien. Man braucht nicht zu glauben, daß diesem typisierten Leben Individualität mangelte. Hinter diesen vorgeschriebenen, genau bestimmten Lebensformen bebt eine Seele. Agnon hört das heimliche Zittern unter der Überfläche. Aber den Menschen, die er geschaffen, fehlt Größe. Sie haben Zartheit und inneren Adel,