Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 3 (1931)
- Issue
- 3 (3.1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 22 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 22 Z I 0 N Nr. 3 Verhandlungen erfolgreich führen kann. Doch lehnt sich jemand gegen die unbedingte Regierungstreue auf, so ist man schnell, auch im Misrachi, mit einem Wort zur Hand, mit dem man glaubt, alles wegargumeritieren zu können: Revisionismus. Und hier sind wir, wie mir scheint, bei einem zentralen und ernsten Problem, bei der Krise innerhalb des Misrachi. Ich erkläre offen: ich lehne alle chauvinistischen und militaristischen Extratouren jedes Nationalismus, selbstverständlich auch des jüdischen, mit aller Entschiedenheit ab, aber ich wehre mich ebenso energisch dagegen, daßl richtige Grundgedanken einer zionistischen Parteia limine als unvereinbar mit jüdischer Religion, insbesondere mit der Auffassung des Misrachi, abgewiesen werden. Folgende zwei Punkte lassen sich doch bei nüchterner Betrachtung nicht übersehen: i. daß die Revisionisten es gewesen sind, die seit Jahren auf die schweren politischen Fehler des Weizmann-Kurses hingewiesen haben, bis ihnen die Tatsachen des Jahres 1929 recht gaben, und 2. daß die Stimmung der jüdischen Massen, auch der religiösen, soweit sie zionistisch tendieren, einer dem Revisionismus wohlwollenden Haltung zuneigen. Es ist sehr bedauerlich und erschwert eine sachliche Diskussion, daß Heißsporne immer wieder die sachlichen Dinge mit persönlichen Angriffen und Verunglimpfungen verquicken. Deshalb will ich auch folgendes hier mit aller Offenheit betonen: da.s jüdische Volk schuldet We i z - mann ganz großen Dank, sicher ist er einer der wenigen jüdischen starken Persönlichkeiten der Gegenwart und einer der ganz wenigen Juden mit staatsmännischen Qualitäten. Warum soll ein solcher nicht aber politische Irrtümer begehen können, und warum soll es nicht möglich sein, daß man diese politischen Fehler nennt und ihre Abstellung verlangt. Es ist doch sicher kein Zufall, daß gerade in Palästina der Misrachi eine fast geschlossene Grundhaltung in diesen Fragen einnimmt. Ernst Simon wird da insbesondere der Persönlichkeit Raw Berlins sicher nicht gerecht. Mit allem Gewichtigen, was wir auch immer gegen ihn einzuwenden haben, ist doch gerade Raw Berlin einer der wenigen den Durchschnitt überragenden Persönlichkeiten von Führerqualität und niemand mehr als wir bedauern es, daß er so eng mit Männern verknüpft ist, zu denen wir als misrachistische Führer kein Vertrauen haben. Wird nun mit einem solchen dissentierenden Standpunkt hinsichtlich der politischen Grundhaltung des Misrachi der gemeinsame Kampf, den der deutsche Misrachi gegen die Weltleitung führt, geschwächt? Keineswegs. Es ist nicht richtig, wie Ernst Simon meint, daß sich die deutschen Reformvorschläge auf den finanziell - technischen Punkt beschränken. Wogegen der deutsche Misrachi in den letzten Jahren mit immer größerer Intensität angekämpft hat, ist die Taktik, die der Weltmisrachi zur Durchführung seiner politischen Anschauung anwendet. Und in diesem Punkte besteht eine völlige Einmütigkeit auch derer, die in den Grundproblemen der Politik des Weltmisrachi zuneigen. Wenn ich auch weitgehend in den politischen Endzielen in der letzten Zeit, einschließlich der Rückziehung unserer Vertreter aus der Exekutive, mit dem Weltmisrachi übereingestimmt habe, so verdamme ich eine Taktik als unwahr und demoralisierend, nach der Delegierte einer Landsmannschaft mit vorher festgelegten Beschlüssen zu einer A.-C.-Sitzung kommen und sich in keinem Fall von Argumenten umstimmen lassen dürfen. Was gerade der Misrachi erstreben muß, ist die Möglichkeit, frei von jedem Gewissenszwang in politischen Dingen seiner ureigensten Anschauung folgen zu dürfen. Rücksichten auf Opportunität und politische Konjunkturstellung in irgendeinem Lande dürfen bei der Fassung lebenswichtiger Beschlüsse nicht maßgebend sein. Hier darf nur das G e - samtinteresse an dem zionistischen Endziel Wegweiser der Entscheidung sein. Geht der Weltmisrachi in seinen politischen Taktiken den bisher begangenen Weg weiter, dann freilich verliert er den Boden, auf dem eine religiöse Partei Bestand hat. Also nicht Beschränkung der deutschen Reformvorschläge auf Sanierung der Finanzen und der Organisation, sondern die Forderung einer ehrlichen und anständigen politischen Taktik, frei von Demagogie und G e - wissensnvang. Ist ein solches Fundament geschaffen, so können und werden auf ihm politische Nuancierungen im Misrachi vorhanden sein. Wir werden innerhalb der Organisation ebenso gut Anhänger des Brith-Schalom-Gedankens, wie Revisionisten tolerieren können. Politische Entschlüsse werden wie überall nach Majoritätsprinzip gefaßt werden müssen. Der einzelne hat sich dann mit der Minorität der Disziplin der Partei zu fügen. Eine solche Haltung scheint mir, neben der unbedingten Notwendigkeit, Finanzen und Organisation zu sanieren, der Kernpunkt der im Erstarken begriffenen, von Deutschland ausgehenden misrachistischen Opposition zu sein. Neben ihr treten die von Simon angeführten Punkte der Sozialpolitik und Kulturpolitik, so bedeutsam sie sicher sind, im Augenblick zurück. Auch ich glaube mit Simon, daß eine lebendige, werbende und schaffende misrachistische Organisation sozialpolitisch entschlossen links stehen muß. Was das kulturpolitische Problern betrifft, iso liegen die Dinge doch komplizierter, als sie Simon formuliert. Ganz gewiß aber soll auch dieses Problem ohne Furcht vor der anationalen Orthodoxie und unter Bejahung der „Denk-