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Zion · 1931-01-01 · 1-2 (1.1931) · p. Seite 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
3 (1931)
Issue
1-2 (1.1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 17 (sequence 19)
Language
German
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Nr. 1/2 Z I 0 N Seite 17 Zimmerchen. Und wir zahlen 2 Pfund monatlich für den Kindergarten und, so oft er kann, schickt Shinion seiner alten Mutter i Pfund damit sie nicht wirklich vor Hunger stirbt. Nun halten wir den Laden o. Stunden täglich offen — aber dort drüben steht Mahmud, ein ganz braver Kerl, gegen den ich persönlich nichts habe: der hält 18 Stunden täglich offen und das 7 Tage in der Woche. Und ist er müde, kriecht sein Bruder vom Schläfchen unter dem Ladentisch hervor und abends übernimmt sein Onkel den Posten. Dann hat er dort zwei Neffen, die Rettig und Spinat bespritzen, bis sie aussehen wie Rubine und Smaragde, und noch einen dritten, der die Fliegen verscheucht. Seine Früchte bringt ihm der Sohn herein, und die wieder sind fast durchaus von andern Verwandten angebaut. Ich hab' ausgerechnet, daß nicht weniger als 17 Menschen ihren Unterhalt aus dem Geschäft zielm und — merken Sie wohl — selten kauft er von einem Juden und nie verkauft er an einen Araber. Schauen Sie sich Mahmud und schauen Sie sich meinen Shimon an", möchte ich zu Herrn Simpson sagen, „wer also bitte, tut Ihnen mehr leid, sagen Sie doch!" Die Näherin: ,,Ich mag nicht Simpsons Mitleid und nicht seine Liebe. Wissen Sie, wie die Engländer uns behandeln? Wie eine von den säubern Müttern, die ihrem Baby einen Zummel in den Mund stecken. WTenn es merkt, daß nichts daran zu essen ist, nimmt sie ihm den Zummel weg und das Baby heult; dann gibt sie ihm den Zummel mit einer großen Geste zurück und das Baby ist so dankbar und saugt weiter, saugt auf nichts, bis die Vorstellung sich wiederholt." Die Doktorsfrau: „Sie haben ganz Recht, daß man sich nicht drum kümmern soll, was die Gojim von uns meinen. Wissen wir . denn nicht alle, daß sie uns fürchten, wenn wir reich sind, und uns verachten, wenn wir arm sind; daß sie uns hassen, weil wir anders sind als sie, und daß sie uns noch mehr hassen, weil wir ihnen gleichen? Es steckt ihnen von jung auf in den Knochen, und wenn auch ihre Besten dagegen ankämpfen, Instinkt bleibt Instinkt. Nein, alles liegt an uns Juden. Wenn sie zu uns stehn, werden wir's überleben, lassen sie uns aber im Stich, dann sind wir verloren. Schaue ich um mich und sehe, was in den 22 Jahren, die ich hier im Land bin, geschaffen wurde, und denke ich dran, daß — Gott behüte — die Schulen und Kindergärten und Spitäler und Fabriken und Läden und Farmen alle geschlossen werden müßten, weil es an Hoffnung fehlt — merkt Euch das, nicht an Geld, nein, Hoffnung, um alles in Gang zu halten, dann könnte ich verrückt werden. Ich —" Die Witwe: „Man soll sich nicht aufregen. Weinen hilft nichts. Laßt mich Euch was erzählen, von der alten Frau auf Nr. 16. die Sonntag gestorben ist. Sie war aus Kaimnitz Podolsk. wie mein Seeliger, und kannte ihn, als er noch ein Kind war. Am Wahltag*) bat sie mich, ich solle sie hinbegleiten." „Wen wollen Sie denn wählen, Tante Gittel"". frage ich. — ,Eben darüber wollte ich Ihrer. Rat", sagt sie und nimmt mich beim Arm. Jedenfalls stimme ich für die Juden". — Ich versuche ihr zu erklären, daß es lauter Juden sind. — .Lauter Juden, wirklich! Ich will sie alle wählen", ruft sie voll Freude. — Grad kommt ein Bursch vorbei, reicht ihr die Liste der Revisionisten und erzählt, sie meinen. Jabotinsky würde die Sache besser machen als die jetzige Verwaltung. — Ja", meint sie unwillig, .die Verwaltung muß geändert werden. Schau nur. wie sie die Juden hindern ins Land zu kommen und wie sie Pogrome zugelassen haben!" — Ich verzweifle schon, daß sie sich je zurechtfinden wird, als eine Bekannte von ihr des Weges kommt und sie für die Frauenliste bearbeitet. .Frauen — natürlich!" antwortet sie stolz. .Stellt Euch nur vor — eine Königin in Jerusalem!" Aber sie verkühlte sich, die arme Tante Gittel. und paar Tage später ließ sie mich holen. .Ich sterbe. Sarah", sagte sie. ,Willst Du mir die Augen zudrücken und mir die letzte Ehre erweisen? Versprich mir nur noch, daß es mit Erez-Israel gut steht'. — „Es steht gut, Tante Gittel." — ..Gibst Du mir Dein Ehrenwort?' — Ich gab es. Am Morgen darauf starb sie. Nein, keine Erbsen heute. Sie sind mir zu teuer. Schalom, Schalom Euch allen!" Hiemit wandte sie sich nach Cannel-Strect und verschwand im Gewirr der Hausfrauen, der stimmgewaltigen Verkäufer von Rosinenkuchen und Töpferware, von Hühnern. Bananen und Hausschuhen, der Araberweiber, die i m Sand bei ihren mitten in Petersilie und Spinat schlummernden Kleinen hocken, der mißachteten Maulesel, die nach einem verstreuten Kohlblatt schnuppern, und hinter dem allen der stattliche Mahmud, der nach Tel-Aviv hinübcrlächelt von Rambam-Street aus, benannt nach jenem Großen in Israel, der den „Führer der Irrenden" schrieb. (Uebersetzt von Dr. Zweig.) *) Die Wahl zur Gesamtvertretung der Judenschaft Palästinas (Knesseth Jisroel).

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