Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 3 (1931)
- Issue
- 1-2 (1.1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 ZIOK Nr. 1/2 stern und zwischendrcin unebene Sandflächen mit kargem Unkraut darauf. Audi ist Rambam-Street durch keine soziale oder ästhetische Idee verklärt, wie etwa das Arbeiterviertel Tel-Nordau. Auf den ersten Blick fällt ihr Schmutz auf, und man fühlt sich irgendwie an Warschau oder Lodz erinnert, vielleicht durch ihre Srhäbigkeit. das Gekreisch spielender Kinder und durch die undefinierbaren Zeichen eines Zuviel an Menschen und zu wenig Verdienstmöglichkeit. Nein, wirklich kein Prunkstück! Hier bietet Tel-Aviv den am wenigsten verlockenden Anblick. Um so mehr Grund, tiefer Einblick zu hallen. Düster lagert über Rainbam-Street. Nicht die dicken grauen Wolken sind es, die aus West heranrollen. Denn auch der Städter, obschon ans Haus gefesselt, begrüßt die wirbelnden Windstöße als regenverheißenden Segen für die junge Saat. Die Wolke ,die auf Rambam-Street lastet, ist nicht dem Auge sichtbar. Doch ihr Grau spiegelt sich in den versorgten Zügen der krauen wieder, die den Korb am Arm dem .Markt in Carmel-Slreel zustreben, früh verblüht und gezeichnet von der täglichen Plage, elf Milliemes Werl aus einem Piaster zu pressen**), und von der täglichen Angst, morgen werde sich auch dieser Piaster nicht zeigen: es spiegelt sich in den traurigen Augen der knochigen Mähre, die eben von ihrem Gebieter einen Extrahieb abbekam, weil Herr Adrieli auf Nr. 8 seinen Auftrag auf Flurplatlen widerrief: im schlürfenden Gang des jungen Nissim Farjeon. dessen Weib mittags aus der Hadassah mit ihrem jungen Baby heinikommen soll, um damit empfangen zu werden, daß sein Prinzipal beschloß, er brauche keinen zweiten Verkäufer mehr; in den hängenden Schultern und den lebhaften Gesten der alten Männer, die nach dem Absingen des Morgengebets für einen kleinen Disput am Tor ihrer unscheinbaren Synagoge verweilen, jener zeitlosen Greise, deren Israel anscheinend über einen unerschöpflichen Vorrat verfügt. Dies Grau hebt sich scharf ab von dem frischen Farbenspiel um Mahmud, der freundlich und randlich bei einein prächtig arrangierten Fruchtstand postiert, die Käufer mit einem schallenden ,.Bui haina, bui hai... na" heranlockt. Vor dem Laden Shimon des Grünzeughändlcis ist ein Knäuel von Weibern versammelt, sich einen Moment jener kostbaren Zeit abstehlend, die für ihre Arbeit so wenig reicht als das Geld für ihren Gebrauch. Sie alle, sonst nach Alter und Schicksal verschieden, fühlen die gleiche Not, wohlbewußt. daß neue Nachricht schlechte Nachricht bedeutet. Sie wittern gleichsam am Boden und merken den AVol-f heranschleichen, noch bevor er ans Tor dringt. Da ist die Arztensfrau mit ihrem Grauhaar, deren Sohn an der Londoner Universität und eine verheiratete Tochter in Magdiel lebt, stattlich und gebieterisch: da ist die nette junge Näherin, die zwei Jahre lang in Tel-Aviv auf Ansiedlung gewartet hat und dort für Mann und Kinder im dumpfen Keller haushielt, wohin sie damals so hoffnungsfroh. ..nur auf paar Wochen'" übersiedelt: waren: dann die hagere Witwe, deren Mann im Krieg an Cholera starb und sie mit vier Kindern zurückließ — nun zieht sie sie auf, indem sie fleischlose Diners für heißhungrige Vegetarianer kocht, die zahlen, was sie können, wenn sie können: und Shimons Weib, Hassia, die mit der rechten Hand Blumenkohl zuwiegt und mit der andern ihr dreijähriges Büblein am Aermel hält. ..Wie gehts dem Kind. Hassia?"", sagt jede Käuferin beim Gruß — das übliche Eröffnungsgambit eines Tel-Aviver Gesprächs. — „Der Bub (drei Onzen***) wollten Sie?) ist verkühlt. Drum konnte er heut" nicht in den Kindergarten."' Die Näherin: ,.Oh, der Kindergarten ist einzig für arbeitende Mütter. Nicht? (Ja. und noch gelbe Rüben.) Ich habe ja auch meine Tamar dort. Tadelloses Essen kriegen sie. und die Kindergärtnerin lehrt sie so schön singen. Ich kann mir kaum vorstellen, wie wir überhaupt leben könnten, wenn ich nicht immer genau wüßte, daß das Kind so gut. versorgt ist. Glauben Sie nicht, daß Gefahr besteht, den Kindergarten zu schließen, oder doch? Mein Mann meint, in paar Monaten wird man alle Schulen schließen müssen.'" Hassia: ..Ja. und das Spaßige ist dabei, daß diese Engländer, die alle unsere Aussichten mit ihren Reports ruinieren, uns noch beschuldigen, daß wir das Geld nur so einstreichen und daß die armen Araber verhungern. Das kommt aber davon, wenn man mit ihnen Männer im Land herumschickt statt einer Frau. Hätte ich den Simpson nur erwischt, würde ich ihn eines schönen Tages hergebracht haben, hierher nach Rambam- Street. und hätte ihm gesagt, was und wie. Sie sehen, Herr Simpson, möchte ich sagen: Hier haben Sie Shimon und mich und das Kind. Was möglich, kaufen wir natürlich von Juden — beim Verein der Marktgärtner zum Beispiel —. alles andere vom Araber. Wir zahlen hohe Mieten und Steuern für diesen elenden Laden und unsere zwei **) Ein Piaster enthält io Milliemes. ***) Palästinisches Gewicht.